//WL2K Das Wunder von Samana

Es ist 21:02 lokaler Zeit. Wir segeln mit einem Schrick in den Schoten mit Kurs Nord. Ziel Bermuda. Unsere aktuelle Position ist etwa 35 Meilen nördlich von Kap Samana zwischen der Navidad und der Silver Bank. Dass wir jetzt hier segeln, ist das Wunder von Samana, denn erst gestern Abend um 20:00 nach vielen Mühen, Verwicklungen und Arbeit lief unser grüner Schwede wieder. Heute vormittag hat er uns dann problemlos eine Stunde lang gegen den Wind aus der Bucht von Samana geschoben. Mehr kann dazu jetzt nicht gechrieben werden, denn der Skipper ist auf Wache und sollte nicht zu viel Zeit vor dem PC zubringen. Nur noch dies: Es geht uns gut und wir haben ruhige Passatbedingungen. Die Bewegung macht unser aller Mägen noch etwas zu schaffen. Aber trotzdem haben alle an Bord gut und ausgiebig gespeist. Wir melden uns morgen wieder mit etwas mehr Details.
Eine gute und ruhige Nacht wünschen Rahel, Marcel, Bjoern und Tobias

Die Helden von Toplicht oder die Freuden von Petroleum

Sendung aus Hamburg-Bahrenfeld nach Point-à-Pitre mit Ledermanschette für den Taylor Petroleumkocher

Der Skipper erinnert sich an folgende Begebenheit von vor vielen, vielen Jahren: Mit einer alten kleinen Holzyacht war die ganze Familie, zwei Erwachsene und vier Kinder, Anfang Oktober auf der Elbe nach Cuxhaven gesegelt. Eigentlich sollte es durchs Watt nach Büsum gehen, oder, falls das Wetter ein Einsehen haben sollte, gar um die Sände herum in die Eider. Aber das Wetter war so, wie es um diese Jahreszeit in Norddeutschland eben ist: An eine Reise durch die Außenelbe war mit diesem Schiff und dieser Crew nicht zu denken.

Noch dazu muckte der sonst eigentlich ganz zuverlässige Primus Petroleumkocher und das Essen für die vielen hungrigen Mäuler an Bord konnte nur noch auf einer Flamme zubereitet werden. Nun gab (und gibt) es in Cuxhaven einen großen Schiffsausrüster am Fischereihafen. Dem Vater und Skipper war somit nicht bange, dass man ein geeignetes Ersatzteil für den Kocher dort beschaffen könne. Doch weit gefehlt: Auf die Frage nach einer Ventilnadel für einen Primuskocher antwortete der ansonsten sehr freundliche und umgängliche Verkäufer: „So´n Schiet hebb wi nich mehr. In Medem dor kanns du welche finn. De hebb de Lüt buten geworfen!“ Trotz dieser Erfahrung wurde viele Jahre auf der guten alten Mollymauk mit Petroleum gekocht und der Ruß an der Decke der winzigen Pantry im Winter mit Ammoniak beseitigt.
Als wir im Frühjahr 2014 der alten hölzernen Dame Lebewohl sagten und auf die für unsere Verhältnisse riesige Rode Zora umzogen, schreckte uns dann auch nicht der dort eingebaute Petroleumkocher. Ganz im Gegenteil: Denn das war kein 50 Jahre altes Teil aus weißem Emaille mit allerlei abgesprungenen Ecken. Nein, an Bord von Rode Zora gibt es einen echten Taylor aus Edelstahl und Messing, kardanisch aufgehängt, getrenntem 15l Petroleumtank und einem Backofen. Einen solchen Kocher findet man zum Beispiel als eines der Ausstellungsstücke bei der Firma Toplicht in Bahrenfeld, wo dann allerdings auch ein sehr beachtliches Preisschild daran baumelt.
Die ersten Erfahrungen mit unserem neuen Kocher waren allerdings gemischter Natur: Die Kinder, inzwischen junge Erwachsene und gute Segler, konnten zwar das große neue Schiff sicher durch Hollands Kanäle steuern, aber beim ersten Kontakt mit dem Taylor wäre die Zora um ein Haar ein Totalschaden geworden. Nur der beherzte Einsatz des Feuerlöschers durch den zukünftigen Schwiegersohn rettete das Schiff. Allerdings war danach ein halber Tag Putzen notwendig und beim Eintreffen des Skippers kochten die Kartoffeln vorsichtshalber auf dem Dieselofen (was selbst an einem Apriltag in Holland den Salon auf sehr mollige Temperaturen bringt).
Eine Überholung und sorgfältige Einweisung der Crew in die Feinheiten des Petroleumkochens folgte und wir konnten danach unbeschwert eine Reise durch die Ostsee bis nach Oslo unternehmen, ohne dass das Schiff in Flammen aufging oder die Mägen knurren mussten. Erst die Reise im folgenden Jahr durch die Nordsee nach Schottland und zurück über Norwegen offenbarte ein neues Problem: Die in Hamburg gebunkerten 15l Edelpetroleum mit dem Name „Esso Blue“, in Hamburg sehr bequem bei Toplicht zu bekommen, waren nach ausgiebigem Backen und Kochen der Damencrew in Norwegens Fjorden aufgebraucht und die anreisende Herrencrew mit Skipper Jakob verbrachte 2 Tage erfolglos auf der Suche nach Ersatz in Norwegens Hafenstädten. Die Firma Toplicht rettete den Segeltörn, indem sie 10l Petroleum per Expressfracht nach Haugesund ins dortige Touristenbüro expedierte und der hungrigen Crew die warmen Mahlzeiten sicherte.
Für die lange Reise über den Atlantik und zurück war also sorgfältige Planung nötig: Der Kocher wurde noch einmal ordentlich überholt, die Brenner wurden gegen die inzwischen erhältlichen und sehr zuverlässigen Hansabrenner ausgetauscht, drei zusätzliche vollständige Hansabrenner kamen ins Ersatzteillager und 50l Petroleum wurden an Bord genommen. Eine Freundin kommentierte das mit den Worten, wir müssten jetzt eine rote Flagge fahren, denn wir seien ein Gefahrguttransporter. Von diesen 50l Petroleum waren auch noch 20 Liter an Bord als die Karibikcrew in Martinique das Schiff übernahm. Dass diese Menge nicht bis Hamburg reichen würde, war natürlich klar, aber irgendwo zwischen Fort-de-France und Santo Domingo würde sich bestimmt etwas auftreiben lassen. Zur Not könnte man auch mit „Jet-Fuel“ kochen, war der Tipp eines Petroleumspezialisten in Hamburg.
Und in der Tat: In einem riesigen Carrefour auf Martinique fand der Skipper tatsächlich Kanister mit der Aufschrift „Pétrole“ und einem Bild eines Petroleumofens…
Doch was musste der Skipper bemerken, nachdem die kostbare Flüssigkeit aus Martinique (deren Preis in der Tat den von Rum übersteigt) in den Tank gefüllt war? Die Druckpumpe, noch vor Abreise überholt, funktioniert nicht mehr: Sowohl die kleine Ledermanschette am Pumpenkolben als auch das Druckventil am Fuß erfüllten nicht mehr ihren Dienst. Es ließ sich kaum Druck aufbauen und der wenige erreichte Druck ließ Petroleum am Pumpenschaft nach oben spritzen.
Was tut der genervte Skipper in dieser Lage? Er schreibt eine Email an Toplicht mit der Bitte um Ersatzteile, denn ausgerechnet diese kleine Ledermanschette ist natürlich nicht im Ersatzteillager und ebenso nicht das Bodenventil. Eine Suche in einem der lokalen Ausrüster muss man erst gar nicht versuchen. So kommt die kleine Ledermanschette zuverlässig und schnell von Toplicht versandt per Post in die Marina auf Guadeloupe und das Bodenventil wird mit einer Feder aus einem Kugelschreiber und einem Stück Gummi von einem O-Ring aus der Grabbelkiste repariert. Nun faucht er wieder unser Taylor, läßt Wasser in wenigen Minuten zum Kochen kommen und sorgt auch für frisches Brot und köstliche Aufläufe aus dem Backofen. Ein Hoch auf Petroleum und auf die Helden von Toplicht!

P. S. Neulich lief uns ein Amerikaner über den Weg mit völlig verklärtem Gesicht, weil es ihm gelungen war seine Gasflasche vor Ort befüllen zu lassen. Seine Worte: „I managed something great today“.

Knistern in der Bilge

Der Kran ächzt und knarrt. Der Kranfahrer, auf Französisch „Grutier“, macht ein ärgerliches Gesicht und fummelt an seiner Fernbedienung. Aber alles umsonst. Jedesmal, wenn der vordere Gurt den Kiel einen halben Meter angehoben hat, gibt es einen Alarm wegen Überlast und der Kiel sinkt langsam wieder zu Boden.

Der Skipper erklärt dem Grutier, dass am Morgen desselben Tages das Schiff ohne Probleme aus dem Wasser gekommen sei. Da sei die Lastverteilung zwischen vorne und hinten anders gewesen. Das Schiff habe weiter hinten in den Schlingen gehangen. Der Grutier hört nicht zu sondern versucht ein Stück zu fahren, während das Schiff langsam zu Boden sinkt. Wir sollen jeweils rechtzeitig einen Holzklotz unter den Kiel schieben. Nach zwei Versuchen, die uns nur wenige Meter voran bringen aber das Schiff in furchterregendes Schaukeln versetzen,  hat schließlich der Grutier ein Einsehen: Das Schiff wird nochmal aufgepallt, die Schlingen werden um einen halben Meter verschoben und danach kann Zora ohne weitere Schwierigkeiten zu Wasser gehen.

Doch die Geschichte sollte von Anfang an erzählt werden: In unseren ersten Tag an Bord auf Martinique war uns aufgefallen, dass man in ruhigen Momenten, z. B. am Abend vor Anker, ein eigenartiges Knistern aus der Bilge hören konnte. Es hörte sich an wie wenn jemand die kleinen Blasen von Luftpolsterfolie platzen läßt, ein Hobby übrigens, dem Gesa mit Leidenschaft nachgeht. Ein solches Geräusch hatten wir an Bord bisher nicht gehört. Der Skipper hatte sich darüber eine Weile den Kopf zerbrochen und das Knistern dann als das Ergebnis von vielen Schraubengeräuschen in weiter Ferne interpretiert. Irgendwann stellte natürlich auch Gesa die Frage, was das Geräusch wohl sein könne und der Skipper antwortete spontan: „Das sind die kleinen Muscheln, die am Rumpf wachsen.“ Denn in der Tat begann sich unser Schiff einen Bart zuzulegen, der schneller zu wachsen schien als der im Gesicht der Besatzung.

Zora hat sich einen Bart zugelegt, der besonders abends knistert!

Die Tradewind Crew hatte unterwegs an einem Flautentag das Schiff noch einmal ordentlich geschrubbt und auch der Skipper hatte nach der Ankunft auf Martinique beim Baden die Schrubberbürste geschwungen. Aber 15 Tonnen Schiff haben eine ziemlich große Oberfläche und unsere blinden Passagiere außenbords hatten auch gar nicht die Absicht sich einfach vertreiben zu lassen. So reifte der Plan an einem geeigneten Ort an Land zu gehen und die Unterwasserfarbe zu erneuern. Diese war nämlich schon einige Jahre alt, nicht für tropische Gewässer gemacht und Zoras letzter Landaufenthalt lag schon zwei Jahre zurück. Vielleicht sollte man auch mal die Anoden kontrollieren, die Ruderlager schmieren und eine generelle Inspektion durchführen.
Der Hafen in Point-à-Pitre schien für diese Übung ideal. Denn dort gibt es eine ordentliche Werft mit viel Infrastruktur und gleich eine ganze Reihe Ausrüster bei denen wir Material erwerben wollten. Einziges Hindernis: In der Capitainerie erklärte man uns, die Werft sei auf Wochen ausgebucht. Man wolle uns allenfalls auf die Warteliste setzen.
Nachdem der Wetterbericht für die kommenden Tage ein ordentliches Windfeld vorhersagte mit teilweise über 30 Knoten, entschloß sich die Crew, dass man ja mal ein paar Tage warten könne. Vielleicht würde sich eine Möglichkeit ergeben. Dann drehte der Skipper noch eine Runde durch die Werft. Nach zwei Tagen Warten hatte sich an der Warteliste nichts verändert, allerdings bekamen wir den Rat doch mal direkt mit dem Vorarbeiter zu reden. Vielleicht ginge da ja was. Und in der Tat: Nach etwas Klönschnack, gutem Zureden auf Französisch und der Versicherung, dass wir tatsächlich nur 8 Stunden benötigten, hieß es: Kommt morgen früh um Acht. Einen Helfer zum Kärchern etc. müssten wir aber selber organisieren.
Dieser Helfer war schnell gefunden, denn am Hafen hatten wir bereits mit Ian aus Dominica gesprochen, der sich mit allerlei Gelegenheitsarbeiten an Schiffen über Wasser hielt, ein weiteres Opfer von Hurricane Maria. Ian sagte sofort zu und stand dann auch pünktlich am nächsten Morgen am Schiff. Natürlich konnten wir nicht wie versprochen um 8:00 kranen, denn vorher mussten noch allerlei Schiffe wieder ins Wasser gesetzt werden.

Zora auf Werft in Pont-à-Pitre

Aber um 10:00 stand Zora dann tatsächlich sehr sorgfältig aufgepallt an Land. Und zur Überraschung der meisten neugierigen Mitstreiter der umliegenden Schiffe war Zora auch tatsächlich rechtzeitig fertig um pünktlich wieder zu Wasser zu gehen. In nur etwas unter 6 Stunden hatte die Crew der Zora zusammen mit Helfer Ian das Schiff gekärchert, trocknen lassen, mehrere Stellen grundiert, den Propeller gebürstet, die Anoden gereinigt, die Ruderlager abgeschmiert und dann komplett gemalt. Die Zeit reichte sogar noch um mittags eine Pizza zu essen und am Nachmittag gemütlich mit Ian im Cockpit einen Kaffee zu trinken und den anderen beim Arbeiten zuzuschauen.

Ian und Tobias haben Zora gemalt

Tja, fast perfekt, wäre da nicht die Tatsache, dass durch die heftigen Kranmanöver unser Windgenerator gegen die Traverse geditscht war und nun neue Flügel fällig sind. Immerhin hat die Werft die Kosten dafür erstattet. Fragt sich nun nur wie wir auf Guadeloupe an neue Blätter für unseren Silentwind gelangen.
Ach ja, das Knistern: Das ist nun tatsächlich nach dem Reinigen und Malen verschwunden! Jetzt haben wir einige Tausend blinde Passagiere weniger.

Zora fertig gemalt mit edlen 4 l Seahawk Island 77 auf der Haut

Inselausflug

Die Crew der Zora hat es geschafft ein Mietauto zu ergattern. Ja, das ist tatsächlich eine Leistung, denn in der Karibik ist Hochbetrieb, alle Marinas voll, die Autos vergeben und selbst die Ankerplätze manchmal knapp. Eine Unzahl Telefonate, vom Skipper in gepflegtem Französisch geführt, bringen kein Ergebnis. Erst der Ausflug ins Internet lässt uns fündig werden: Bei einer lokalen Agency am Flughafen gibt es tatsächlich noch einen kleinen Toyota, den wir für einen Tag bekommen. Also auf zum Airport! Das geht in der Tat mit dem Bus, aber in der Marina weiß keiner wo und wann der fährt, denn wer fährt schon mit dem Bus: Die Crew einer Swan aus Oslo sitzt vor der Capitainerie mit ihrem Gepäck und wartet offensichtlich auf ein Taxi, während wir losstiefeln um das öffentliche Verkehrsmittel zu suchen… und sogar finden! Darauf sind wir einigermaßen stolz. Aber die Leute hier sind freundlich und hilfsbereit, besonders wenn man sich mit ihnen auf Französisch unterhält.

Die Busfahrt für ganze 1,20 Euro dauert ein Weilchen, denn jede mögliche Schleife auf dem Weg zum Airport wird ausgefahren. Gesa ist ganz nervös und glaubt wir hätten die Haltestelle vielleicht gar verpasst. Aber nein: Pünktlich um 10:00 hält der Bus vor dem Terminal, das riesengroß und ziemlich verlassen ist. Wenig später haben wir auch unseren Autoschlüssel und werden zu unserem Autochen hingefahren, das sauber und wenig gefahren auf uns wartet.

Wir entscheiden uns für eine Runde um den westlichen Teil von Guadeloupe, genannt Basse-Terre. Dieser Teil ist gebirgig und man soll im großen Nationalpark in den Bergen sehr schön wandern können. Der östliche Teil von Guadeloupe ist eher flach und landwirtschaftlich genutzt. Zwischen Basse-Terre im Westen und Gros-Terre im Osten verläuft die Rivière Salé, die im Prinzip befahrbar ist mit bis zu 1,8m Tiefgang. Da wollten wir eigentlich hindurch um dann weiter nach Antigua zu segeln. Die Passage ist ein bisschen kompliziert, aber im Detail im Standardführer von Patuelli gut beschrieben. Leider haben wir allerdings in der Marina erfahren, dass die zwei Brücken seit drei Jahren kaputt sind und nicht mehr öffnen. Wann sie repariert sein werden weiß niemand… Guadeloupe gehört zwar zu Frankreich, liegt aber doch näher an Südamerika als an Europa!

Mit dem Auto überqueren wir vom Flughafen kommend die Rivière Salé und können sehen, dass der Weg durch die Mangroven sicher sehr reizvoll gewesen wäre… Die Fahrt geht weiter vorbei an einer Unzahl von Einkaufszentren und Autohäusern ehe die Straße in Richtung Inselinneres abknickt. Überhaupt finden wir die Anzahl von Autos auf diesen Inseln verblüffend! Rasch bleibt jetzt dieser Teil der Zivilisation hinter uns und es geht in den Nationalpark mit atemberaubend schöner tropischer Vegetation. Wo immer es abseits der Straße etwas zu sehen gibt stehen viele kleine weiße Autos am Straßenrand (In der Karibik scheinen alle Mietautos klein und weiß zu sein) Ab und zu ist auch ein Reisebus zu finden von einem der Cruiseliner, die in Point à Pitre im Hafen liegen.

Unser erster Stopp gilt dem Wasserfall Cascade aux Ecrevisses, zu dem man auf einem gepflasterten Weg flaniert. Am Wasserfall ist es voll, aber nur einige Meter weiter am Fluss endet der Touristenstrom und man glaubt sich allein in einer tropischen Idylle.

An der Cascade des Ecrevisses, Rivière Bras David

Etwas weiter die Route de la Traversée entlang stoßen wir auf die Maison de la Forêt, von wo wir durch den tropischen Wald wandern. Es sieht aus wie die Kulisse zu  Djungle Book: Baumriesen bewachsen mit Lianen und allerlei anderen Schlingpflanzen. Der Weg führt über ein Netz von Wurzelwerk im Halbdunkel durch das nur an wenigen Stellen die Sonne blinzelt. Am allerhöchsten Punkt hat einer der Stürme ein Guckloch in den Wald geschlagen, so dass wir die umliegenden Berge erahnen können.

Kulisse zu Djungle Book auf Guadeloupe

Weiter geht es auf die Leeseite der Insel, wo wir bei einer kleinen Strandbar köstliche Bokits zu Mittag speisen. Das sind Sandwiches mit Hühnchen oder Fisch, das Brötchen aus besonderem Teig in der Fritteuse zubereitet. Das Baden im Meer wird aufgrund der gefüllten Mägen verschoben und wir rollen weiter auf der Küstenstraße entlang in Richtung Vieux Fort an der Südspitze der Insel. Hier im Osten der Insel ist wenig Tourismus, die Orte klein und wenig spektakulär.

Am späten Nachmittag erreichen wir Vieux Fort, wo sich wieder der Atlantik bemerkbar macht. Vom kräftigen Passat und dem mächtigen Schwell hatten wir hinter der Insel nichts mitbekommen. Hier hat man auch einen wunderschönen Blick auf die Isles des Saintes, von denen wir vor wenigen Tagen hierher gekommen sind.

Blick auf die Isles des Saintes

Vor der Rückfahrt nach Point à Pitre entdecken wir noch ein tolle Badestelle mit feinem Sand, einer grünen Wiese zum Liegen unter hohen Palmen und köstlichem Sorbet aus Cocosmilch, das in einer handbetriebenen Maschine mit Eiswürfeln als Kühlmittel auf Wunsch hergestellt wird.

Der Tag endet mit dem Großeinkauf im Carrefour in Point-à-Pitre. Denn auch dafür ist das kleine Mietauto ideal: Es fährt große Mengen an Trink- und Essbarem direkt bis an den Steg der Marina. Wir nutzen die günstige Gelegenheit und bunkern in großem Stil, denn die Einkaufsmöglichkeiten auf den französischen Inseln sind deutlich besser als anderswo.

Dominica

 

In der Nachmittagshitze ist die Crew der Zora hinauf zum Fort Napoleon gewandert. (So etwas tun nur Deutsche. Alle anderen düsen mit knatternden Scootern oder elektrischen Golfcarts die steile Straße hinauf zu diesem wunderschönen Aussichtspunkt) Aber der Blick von diesem strategischen Aussichtspunkt auf den Isles des Saintes lohnt die Mühe und ist atemberaubend. Im Norden erscheint Guadeloupe zum Greifen nahe, der Vulkan La Souffriere in Wolken gehüllt, im Süden erscheinen die Umrisse von Dominica, etwas bedrohlich wie ein gestrandeter Wal.

Vor Anker in den Isles des Saintes mit Blick auf den „Pain de Sucre“

Von dort war Zora am Vortag zum kleinen Archipel der Isles des Saintes gesegelt, nachdem sie in Prince Rupert Bay einen Tag geankert hatte, damit die Crew die Insel erkunden konnte. Das war eine besondere Erfahrung über die hier berichtet werden muss:
Die Geschichte beginnt im September des Vorjahres, denn am 19. Tag dieses Monats in der Nacht hatte der Wirbelsturm Maria, ein Hurricane der Kategorie 5, die Insel überrollt und unvorstellbare Schäden angerichtet. Der Skipper hatte damals die Wetterentwicklung verfolgt, aus Neugier und als Vorbereitung auf die anstehende Atlantiküberquerung. In den Nachrichten und im Internet gab es Bilder und Berichte, die aus der Ferne kaum einzuordnen sind. Die Familie von Reibnitz, die Dominica von vielen Reisen mit der „Peter von Seestermühe“ kennt, hatte damals einen Hilfscontainer organisiert und Freunde bzw. Bekannte um Beiträge gebeten, die die Crew der Zora gerne geliefert hat.
Nun aber können wir aus einem Abstand von etwas 3 Meilen die Situation mit eigenen Augen betrachten. Die steilen mächtigen Berghänge wirken nicht satt grün, wie etwas auf Martinique. Vielerorts ist gar keine Vegetation mehr zu sehen und das Grün wird merkwürdig dürftig und blass. Viel schlimmer aber sehen Häuser und Infrastruktur aus. Kaum ein Haus, das, selbst jetzt 5 Monate nach dem Sturm, unbeschädigt erscheint. Am Ufer dann die traurigen Reste von Palmstämmen, die auf halber Höhe abrasiert erscheinen.
Auf Martinique und St. Lucia hatte man uns erzählt, dass einzig ganz im Norden der Insel, in Prince Rupert Bay, die Infrastruktur wieder so weit hergestellt sei, dass dort Bootstourismus möglich wäre. Aber wir hatten auch gehört, dass aufgrund der Katastrophe die Sicherheitslage schwierig sei. Auf gut Deutsch, dass man mit Diebstahl oder gar Raub rechnen müsse. Mit gemischten Gefühlen segelt also die Crew unter der Küste Dominicas nach Norden und erreicht etwas spät Prince Rupert Bay. Die Strecke von St. Pierre sind immerhin etwas über 50 Meilen.
Schon weit vor der Ankerbucht wird die Zora von einem Fischerboot abgefangen, allerdings mit einem sehr freundlichen „Welcome to Dominica“. Wir werden gefragt nach dem woher und wohin. Ausserdem bietet uns Avin von der PAYS (Portsmouth Associated Yachting Services) Hilfe vor Ort an. Diese nimmt der Skipper gerne an, denn es wird dunkel und ein Lotse in die Ankerbucht bei Dunkelheit können wir gut gebrauchen. Natürlich verbleibt zunächst ein gewisses Misstrauen, das aber rasch schwindet, nachdem uns Avin freundlich und kompetent zum Ankerplatz lotst, sich dann höflich verabschiedet und ankündigt, er werde am Morgen wiederkommen und schauen, was er für uns tun könne.
Am nächsten Tag bringt uns Avin zum Einklarieren, hilft mit den Formalitäten, macht die „Indian River Tour“ mit uns, empfiehlt ein gutes Restaurant für den Abend, bringt uns dorthin und fährt die Crew zum Schluß auch wieder zurück und das alles für einen völlig angemessenen Preis. Darüber hinaus berichtet er vom Hurricane, von seiner Insel, seinen Plänen und vieles mehr. Wir fühlen uns in jeder Hinsicht wohl und gut versorgt und genießen den Luxus, den uns unser privater Guide bereitet.

Mit Avin unterwegs in den Indian River

Trotzdem bleiben wir nur einen Tag auf dieser gastfreundlichen Insel. Bei aller Gastfreundschaft sind die Möglichkeiten für einen Inselbesuch immer noch stark eingeschränkt. Als dann die Wettersituation ein günstiges Fenster öffnet für die Überfahrt zu den Isles des Saintes, ist die Entscheidung schnell getroffen und die Ankerkette rumpelt über die Winsch in den Kettenkasten. Nur wenige Stunden später liegen wir an einer Boje im kleinen Archipel des „Saintes“. Welch anderes Bild bietet sich hier. Zwar sind auch auf den Isles des Saintes, 20 Meilen nördlich von Dominica ein paar Auswirkungen von Maria zu sehen, aber was immer zerstört war ist aufgeräumt und es herrscht eine gepflegte Idylle. Im Schutz der kleine Isle Cabrit staunen wir über die Jagdkünste der Pelikane, die mit kühnen Sturzflügen ihre Abendmahlzeit aus dem Meer holen.

Man against Machine

Wenn man von St. Lucia nach Martinique möchte, dann muss man in St. Lucia ausklarieren. Dieser Begriff ist den Seglern in Nordeuropa irgendwie abhanden gekommen. Denn seit offener Grenzen in Europa fährt man von Deutschland nach Dänemark oder nach England oder in die Niederlande und macht je nach Geschmack in jedem Hafen fest, geht an Land ohne Gedanken an Grenzen, Hoheitsgebiete oder gar Kontollen. Gelegentlich soll zwar mal der Zoll vorbeikommen. Der ist dann aber immer freundlich, fragt nach dem Woher und Wohin, ob an Bord etwas zu deklarieren sei, und wünscht dann eine gute Reise.
Ganz anders außerhalb der Grenzen der EU. Da wird immer noch ein- und ausklariert nach Herzenslust mit vielen Stempeln, Formularen, Crewlisten, Blaupapier und das alles überwacht von strengen Menschen in eindrucksvollen Uniformen und noch eindrucksvolleren Mützen, die ihre Aufgabe sehr ernst nehmen.
So auch diesmal in St. Lucia: Der Skipper ist mit dem Beiboot gegen den Wind ca. 1 Meile vom Ankerplatz in den Hafen gepullt im Gepäck die Schiffspapiere. Was der Skipper allerdings übersehen hatte: Der strenge Offizielle will sich mit seinen Stempeln auch in den Pässen der Crew verewigen: „That´s common sense!“, sagt er ohne mit der Wimper zu zucken. Und die Pässe sind noch an Bord! Da  hilft keine trauriger Blick und kein Appell an die Gutmütigkeit des Vertreters der Staatsgewalt von St. Lucia. Der Skipper muss die Meile zum Schiff zurück und dann mit Pässen wieder ein Meile gegen den Wind in den Hafen. Vielleicht würde sich ja einer der Segelkameraden mit ihren gut motorisierten Schlauchbooten erbarmen und einen Schlepp anbieten. Doch diesmal nicht! Als wolle der Himmel diese Lektion in Sorgfalt besonders tief einbrennen, flitzen mehrere Schlauchboote vorbei ohne irgendwelche Zeichen von Hilfsbereitschaft. Etwas 40 Minuten später und um einige Schweißperlen auf der Stirn reicher, ist die leidige Prozedur dann erledigt, die Pässe gestempelt, das Ausreiseformular unterschrieben, die Crewliste in 3-facher Ausführung in den Akten abgelegt und die Zora frei zu segeln, wohin sie möchte. Das tut sie dann auch schleunigst, kehrt St. Lucia den Spiegel zu und verschwindet nach Norden in Richtung Martinique.

Die Erinnerung an dieses Erlebnis bewegt die Crew eine Weile und man fragt sich, wie solche Probleme in Zukunft zu vermeiden, bzw. zu entschärfen wären. Immer mehr drängt sich die Erkenntnis auf, dass das Dinghi vielleicht doch einen Aussenborder braucht. Über Jahrzehnte waren wir unterwegs in Nord- und Ostsee und haben das lärmende Utensil nie vermisst. Ganz im Gegenteil, wir haben uns mehr über die randalierenden Jugendlichen geärgert, die mit dem elterlichen Radiergummi die Ruhe am Ankerplatz störten. Auch die Kinder haben mit Hingabe gepullt und nach langen Segeltagen überschüssige Energie ohne Knattern abgebaut. Diese Philosophie sollte uns auch auf der Westseite des Atlantiks begleiten. Aber wir müssen eingestehen, dass die Umstände hier ganz andere sind: Gute Ankerplätze sind oft weit von Häfen und Einkaufsmöglichkeiten. In St. Lucia z. B. fahren die Mitglieder im Club der Knatterbüchsen mit dem Dinghi direkt zur „Mall“, während die heldenhaften Ruderer schweißgebadet mit Rucksack einen 2km weiten Bogen an einer vielbefahrenen Straße bewältigen, zweimal wohlgemerkt mit ordentlich Gewicht auf dem Rückweg.

Die Gelegenheit, bzw. Versuchung, bietet sich dann schon zwei Tage später in der Marina von Marin. Bei einem der Ausrüster steht ein kleiner Honda mit 2,5 PS im Schaufenster. Der wäre genau das Richtige und selbst der Preis ist gerade noch akzeptabel. Über den Einkauf diskutiert die Crew einen Abend und wirft dann die alten Vorbehalte über Bord. Am nächsten Morgen geht´s zurück nach Marin, diesmal mit Bus aus dem hübschen St. Anne. Der Skipper marschiert geradewegs zum Verkäufer und erklärt, er wolle das Motörchen kaufen und auch gleich mitnehnmen. So schnell geht´s dann allerdings nicht: Der Motor braucht noch seine erste Wartung und muss auch mit Öl befüllt werden. Während das geschieht sitzt die Crew im Café und überlegt wie es wohl sein wird im Club der Knatterbüchsen.

Die Realität lässt nicht lange auf sich warten: Der Verkäufer fährt Motor und Crew in seinem Lieferwagen bis ans Dinghi Dock in St. Anne. Der Skipper bringt es dann sogar noch fertig das Ding zu starten, obwohl beim Herunterreichen ins Beiboot der Vergaser übergelaufen ist und mindestens 100 Mal an der Strippe gezogen werden muss. Als das Motörchen schließlich läuft, fällt die Crew um ein Haar ins Wasser, denn der Gasgriff steht auf Vollgas und das Ding hat eine Fliehkraftkupplung, die das Boot schlagartig losschießen lässt… Dieses Erlebnis und die Erkenntnis, dass man nun das Dinghi immer anschließen muss, dämpfen den Enthusiasmus. Aber schon am nächsten Tag in der Anse d´Arlet geniessen wir die neuen Möglichkeiten und unternehmen eine Besichtigungstour der Bucht unter Motor, der bei halber Kraft, unser kleines Boot sehr zufriedenstellend bewegt und dabei nicht einmal so schrecklich knattert…

Vive la France

Die Kleinen Antillen liegen in der Form eines Halbmondes vor dem Karibischen Meer. Ganz im Osten, etwa 80 Meilen diesem Halbmond vorgelagert, befindet sich Barbados. Von den übrigen Inseln ist  Martinique  die östlichste. Der Passatwind weht beständig mit 15 bis 25 Knoten aus NE und pendelt dabei um die 30 Grad hin und her. Zwischen den Inseln kann es durchaus zu Bedingungen kommen, die man im Englischen als „boisterous“ bezeichnet, im Deutschen etwas weniger poetisch hieße das dann ruppig.

Der Rückweg von St. Lucia nach Martinique bedeutet also einen Am-Wind-Kurs, insbesondere, da die Zora an die Südspitze der Insel will, nach St. Anne, von dem Jakob geschwärmt hatte. Die Bedingungen sind günstig. Das sehr detaillierte französische Wettermodell sagt 15 – 20 Knoten voraus. Mit einem Reff im Groß nimmt die Zora die 20 Meilen nach Martinique in Angriff. Die Crew findet das anfangs ganz akzeptabel, zieht dann aber doch vor mit dem Ipod im Ohr auf dem Fußboden im Salon abzuwettern. Der Skipper hängt die verlässliche Windpilot ein und setzt sich auf die hohe Kante um das Segeln zu genießen.

Eine große Ketsch, die parallel mitläuft, findet die Bedingungen wohl zu „boisterous“  und dreht nach drei Meilen wieder um. Zahllose Charterkats kommen mit Minimalbesegelung entgegen. Aber Zora liebt diese Bedingungen. Eigentlich könnte sie auch noch mehr Segel vertragen, aber mit Rücksicht auf die Crew bleibt das Reff im Groß und das Stagsegel in der Last.  So klettert unser schwerer Kutter mit 7 Knoten mühelos über den heranrollenden Atlantikschwell, der etwa 2m hoch ist, aber wohl gemerkt, signifikante Wellenhöhe. Einzelne Wellen sind dann bis zu zweimal höher.  Das bemerkt der Skipper beim Besuch der Toilette im Vorschiff: Das Luk war nicht fest verschraubt und von oben tropft es auf die Koje… Raumschotssegeln macht nachlässig!

Schon am frühen Nachmittag erreicht wir so Martinique und gehen vor dem kleinen Ort St. Anne vor Anker. Hier wird dicht an dicht geankert: Gesa meint der ganze Wedeler Yachthafen sei vor Anker gegangen. Kein Wunder: Hier gibt’s Baguettes an Land, köstlichen frischen Fisch, keine Boat Boys, Euros, EU-Roaming. Sozusagen Europa unter Palmen. Vive la France!

Abendstimmung auf der Reede von St. Anne

Einziger Vermouth-Tropfen: der bis ins gigantomanisch gesteigerte Chartertourismus. Fast alle Schiffe sind 40 – 60 Fuß große Kats mit 8 – 10 Personen an Bord. Die ankern hier alles zu und nehmen dabei mächtig Platz weg. Dazwischen einige wenige Schiffe, die auf eigenem Kiel hierher gelangt sind. So z. B. die Acapulco mit MSC und SCU Stander unter der Saling. Deren Crew besucht uns schwimmend und wir trinken sehr nett einen Espresso im Cockpit.

Vor Anker vor St. Anne

Am Folgetag fährt die Zora zum Einkaufen in die Marina von Le Marin. Bis wir unseren bereits reservierten Platz zugewiesen bekommen, drehen wir 2 Stunden Runden um dann neben einer 60 Fuß Oyster festzumachen. Deren (bezahlte) Crew berichtet am Abend vom Leben mit zahlenden Gästen, abwesenden Eignern. Wir machen Großeinkauf, zerlegen den Ölkühler, der offensichtlich zugesetzt war (Maschine heiß) und hauen dann so schnell wie möglich wieder ab nach St. Anne, wo man ruhig liegt, wo in der Nacht ein kühler Wind durchs Boot streicht und am Land freundliche Franzosen köstliche Baguettes verkaufen.

Das Kirchlein von St. Anne

 

Boat Boys or Bad Boys

Nancy, Lothar und Hans hatten uns allerlei Ratschläge gegeben, über St. Lucia, St. Vincent, die Boat Boys und noch manches andere. Wir fühlen uns wohl vorbereitet darauf, was uns wohl weiter in Richtung Südamerika erwartet.

Aber weit gefehlt: Kaum läuft die Zora in Marigot Bay ein, hat sie schon eine Schlauchbooteskorte, die sich auch durch hartnäckiges Ignorieren nicht abschütteln lässt. Ob wir eine Mooring wollen, oder ein Taxi, oder Brot, Gemüse… Eigentlich wollen wir nur die angebliche Postkartenidylle bewundern, eventuell ankern, oder vielleicht auch weitersegeln. Doch daraus wird nichts. Der Bursche in seinem Radiergummi lässt nicht locker bis er uns ans einer Boje fest hat; das Fruchtpaket zum Sonder-(Wucher)-Preis und die Brotbestellung für den nächsten Morgen natürlich mit dazu.

Marigot Bay

Aber Marigot Bay ist besser als die Schilderungen und der Fruchtpunsch direkt am Wasser ist köstlich. Am nächsten Tag geht’s weiter nach  Souffrieres zu den Pitons. Dort wiederholt sich das Spielchen nur eine Nummer aggressiver.  Nun sollen wir auch gleich eine Taxifahrt zu den heissen Schwefelquellen buchen für lockere 300 Karibikdollar. Und für das am Morgen gelieferte Klebstoffbrot will der Boat Boy 20 Dollar. Jetzt reißt dem Skipper die Geduld. Der nächste schwimmende Trödler bekommt eine Beschimpfung statt Dollars für seinen Thunfisch und die Zora nimmt Reißaus.

Mit ordentlich Druck hoch am Wind pflügt sie zurück nach Rodney Bay. Am nächsten Tag werden das Bad in der Schwefelquelle und die Inselrundfahrt per Mietauto nachgeholt. Die köstliche Kokosnuss nach dem Schlammbad und das Barbeque Chicken am Wegrand versöhnen die Crew wieder mit St. Lucia.

Der goldene Käfig

Die Zora verlässt St. Pierre am Montag morgen kurz nach 09:00. Erst um 08:00 macht das Office de Tourisme auf, in dem man ausklarieren kann.  Bei stetigem Ostwind und Kurs SSE geht es unter der Küste von Martinique nach Süden in Richtung St. Lucia. Dort wollen wir erst einmal die Marina in Rodney Bay ansteuern und uns über St. Lucia erkundigen. Von den Bridoux’s haben wir allerlei Gruselgeschichten von Überfällen und Diebstahl gehört.

Südlich der Pointe du Diamant mit dem eindrucksvollen Roche du Diamant beginnen wir die Atlantikdünung zu spüren. Der Passat ist heute eher mild gestimmt und ohne den Druck im Rigg werden die ersten Meilen im St. Lucia Channel etwas holprig. Gesa findet das gar nicht witzig und begibt sich mit einer Tablette Tavor unter Deck. Als wir schließlich frei sind von Martinique nimmt der Wind wieder zu, wird stetiger und die Welle gleichmäßig. Gegen 17:00 laufen wir in die Rodney Bay ein und mit Sonnenuntergang sind wir in der Marina fest. Dort werden wir von einem Deutsch-Kanadischen Ehepaar, Hans und Nancy freundlich begrüßt. Die beiden laden uns auch gleich für den nächsten Abend auf ein Bier.

Am nächsten Morgen ist Einklarieren angesagt: Ausfüllen unzähliger Formulare mit Durchschlägen und klassischen Blaupapier. Dann Stempel, Stempel, Stempel und wir dürfen uns auf St. Lucia frei bewegen. Diese Freiheit nutzen wir gleich aus und wandern an der Bay entlang zu Pigeon Island, einem Felsen am Eingang der Bucht wo abwechselnd Franzosen und Engländer ihre Kanonen aufgebaut hatten. Heute ist dort ein wunderschöner Park für dessen Besuch man einige „Eastern Carribbean Dollars“ hinlegen muss.

Ach ja, Eastern Carribbean Dollars: Daran müssen wir uns erst einmal gewöhnen. Die gelten auf den meisten unabhängigen Inseln und sind fest an den US Dollar gekoppelt. Die Verwirrung entsteht, weil immer mal wieder auch Preise in US Dollar ausgezeichnet sind, insbesondere beim Schiffsausrüster. Da liegt dann ein Faktor 3 zwischen Erwartung und Wirklichkeit.

Beim Spaziergang zurück zur Marina schlendern wir durch das farbenfrohe Gros Islet Village um dann wieder durch das bewachte Gate in die Marina zurück zu kehren. Die ist in der Tat ein goldener Käfig mit Pool, Restaurants, Cafes, Schiffsausrüster, Bootsreinigern, Wäschefrauen und natürlich saftigen Preisen.

Blick über Rodney Bay von Pigeon Island

Wie diese merkwürdige Welt funktioniert, lernen wir etwas besser verstehen nach unserem netten Abend mit Hans und Nancy. Auch Lothar ist gekommen. Er lebt 80-jährig allein auf seiner Nauticat und pendelt je nach Jahreszeit und Wetter zwischen den Inseln. Für die Einwohner der Inseln haben Hans und Lothar wenig Respekt. Hans hat ein Leben lang in Afrika gearbeitet und davon wenig Positives über die Menschen dort zu berichten. Dieselbe Meinung hat er auch von den Menschen in der Karibik, die nicht hinter hohen Zäunen bewacht und geschützt von der Wirklichkeit vor Ort leben.

Zora vor Anker in Marigot Bay auf St. Lucia

Einen weiteren Teil dieser  Wirklichkeit bekommt dann auch die Zora am nächsten Tag beim Einlaufen in Marigot Bay  zu spüren: Wir werden von Boat Boys und Obstverkäufern ich ihren Schlauchbooten drangsaliert, die uns beim Festmachen helfen wollen, ihre Ware andrehen und allerlei Ratschläge erteilen. Alles natürlich gegen EC$, versteht sich.  Bei der gleichzeitig einlaufenden 70 Fuss Oyster sind sie wohl nichts geworden: Die Bordwand ist einfach zu hoch und die Jungs in ihren Crew T-Shirts wirken zu muskulös…

Les Delices de la Martinique

Die Zora liegt auf der Reede von St. Pierre unter dem Mt Pelé, der im Jahr 1902 in einer einzigen Explosion die gesamte Stadt vernichtet hatte. Seinen Gipfel kann man selten sehen, denn der ist in die vielen Wolken gehüllt, die sich, vollgesaugt mit warmem Atlantikwasser,  über der Insel abregnen. St. Pierre war eine Empfehlung der Bridoux’s: Alles Nötige vor Ort ohne den Trubel von Fort de France und die Touristen im Süden der Insel. Ach ja: Den Pelé besteigen wollten wir ja auch.

Bis heute sieht man die Zeugnisse der Kathastrophe von 1902: Zwischen den Häusern an der Hauptstraße finden sich immer noch geschwärzte Ruinen. Der „Pyroclastic Flow“, die rasende, viele hundert Grad heiße Aschewolke, hat nur die Grundmauern stehen lassen. Von den 20000 Einwohnern der Stadt, die damals als Paris der Karibik galt, überlebte nur der einzige Strafgefangene in seiner fensterlosen Zelle. Auch von den zahllosen auf Reede liegenden Schiffen sanken die meisten. Sie liegen heute noch dort in einem wohl betonnten Reservat. Im Jahr 2018 ist St Pierre eine Kleinstadt am Wasser mit viel Leben am Morgen, die allerdings nach 18:00 in gespenstische Ruhe fällt.

Die Crew der Zora mietet sich in St. Pierre ein Auto, um auch das Innere von Martinique zu erkunden und die Atlantikküste zu besuchen. Und natürlich um den Ausgangspunkt für die Besteigung de Pelé zu erreichen. Zunächst geht es über eine winzige Straße durch die Berge. An den Hängen finden sich Gärten, Bananenplantagen und Felder mit Zuckerrohr. Ganz oben Urwald mit riesigen alten Bäumen, bewachsen und undurchdringlich. Alles vom Regenwasser tropfend, das immer wieder in heftigen Güssen niedergeht.

Mangrovenwald auf der Halbinsel La Caravelle

Auf Luvseite der Insel wandern wir um die Halbinsel La Carvelle, durch Mangrovenwälder.  Die Ostseite von Martinique ist teilweise durch ein vorgelagertes Riff von der Atlantikbrandung geschützt. An einigen Stellen aber rollt sie ungebremst ans Land und bricht dann mit atemberaubendem Donnern gegen das Land. Besonders eindrucksvoll ganz im Norden bei Grand Rivière, wo die Straße endet und die Silhouette von Dominica 10 Meilen nördlich durch den Dunst scheint.

Grand Rivière

So durchquert und genießt die Crew die schöne Insel. Der Pelé bleibt unbestiegen, denn er entblößt sich nicht seiner Wolkenkappe… Nur am Morgen unseres Abreisetages ist er plötzlich frei. Da haben wir kein Auto mehr und wollen auch weiter nach Süden, nach St. Lucia.

Bucht von St. Pierre mit Mt. Pelé