Hurricane Irma

Zora liegt vor dem französischen Teil der Insel Sint Maarten/Saint Martin vor Anker. Der Passat soll in den nächsten Tagen wieder ordentlich zulegen und bis 30 kn erreichen. Unsere nächste Etappe führt über die Anegada Passage, knapp 100 Meilen offener Atlantik zu den Virgin Islands. Dafür wünschen wir uns etwas ruhigere Bedingungen als dort zurzeit herrschen. Bestätigung liefert ein Bericht von der RORC Caribbean 600, an der auch einige Hamburger Schiffe teilnehmen, die Haspa, Broader View Hamburg, die Outsider. Die Wettfahrt geht von Antigua nach Süden um Guadeloupe herum und dann nördlich zwischen Anguilla und Sint Maarten hindurch zurück nach Antigua, 600 sm insgesamt. Vor Saba ist ein großer Katamaran durchgekentert und 34 Schiffe haben aufgegeben. (Die Broader View Hamburg, die HASPA und die Bank von Bremen sind alle durchgekommen, eine beachtliche Leistung wenn man bedenkt, dass sie von jungen Enthusiasten gesegelt werden und nicht von bezahlten Profis wie z. B. die Rambler, die die Wettfahrt gewonnen hat)

Wir haben also genug Zeit für allerlei Aktivitäten, Inseltouren, Reparaturen, Lesen, Gammeln.
An diesem Sonntag wollen wir endlich mal die Fahrräder aus der Backskiste holen, die dort schon mehrere Tausend Meilen vor sich hinschlummern. Eine Tour um die Lagune sollte doch mal drin sein. Dazu müssen wir unsere beiden Birdys mit dem Dinghi an Land bringen, eine echte Herausforderung, denn mit zwei Fahrrädern und zwei Personen ist unser kleiner Lastesel eigentlich jenseits seiner Transportkapazität. Aber das Manöver gelingt erstaunlich gut und die edlen Drahtesel gelangen trocken und sicher an Land. Dort versammelt sich rasch eine kleine Gruppe Neugieriger, die solche Fahrräder noch nicht gesehen hat. Vor allem das Interesse einiger Jungs, die wohl am liebsten gleich damit losfahren würden, erfordert Umsicht und Fingerspitzengefühl.

Blick auf die Lagune von St. Maarten

Wenig später sind wir dann unterwegs, jedoch noch etwas vorsichtig: Unsere Luftpumpe passt nicht zu den Autoventilen des einen Fahrrads und wir brauchen eine Tankstelle zum Aufpumpen. Normalerweise gibt es Tankstellen an jeder Ecke, auch und ganz besonders auf diesen Inseln, die von Autos wimmeln. Aber hier auf St. Martin ist das anders. Im September letzten Jahres ist Hurricane Irma über die Insel hinweggerollt und hat die Infrastruktur schwer beschädigt. Inzwischen, ein halbes Jahr danach, ist das Meiste mehr oder weniger in Gang, aber eben nicht alles. Wir finden zwar Tankstellen, aber die sind gerade erst wieder aufgebaut und haben noch keine Druckluft. Erst bei der Autovermietung Hertz haben wir Erfolg. Man hilft uns freundlich mit dem mobilen Kompressor.

Die Route führt zunächst auf den Holländischen Teil von St. Martin/Sint Maarten. Die Grenze wird durch drei Flaggenmasten markiert: Frankreich, Niederlande und die eigene Flagge von St. Maarten wehen dort. Dann geht es durch ein ziemlich gerupftes Industriegebiet hinüber nach Simpson Bay und in Richtung Flughafen. Die Kombination von Industrie, Billigtourismus und Zerstörung in diesem Teil der Insel raubt uns den Atem. Wir fahren hindurch zwischen Kasinos, Supermärkten, Autovermietungen, Bars. Überall Schilder: We are open! Rechts von uns liegt die große Lagune, erkennbar an den Masten von einigen Superyachten, die dort bereits wieder ankern.

Lagune von St. Maarten

Die Lagune von St. Maarten galt eigentlich als Hurricane-Hole. Aber Irma hat hier alles abgeräumt. Die Wucht des Sturms muss unvorstellbar gewesen sein. Überall liegen noch Wracks im Wasser. Auch eine futuristisch aussehende 30m Motoryacht ist darunter. Sie wirkt wie ein abgestürztes Ufo. Weiter westlich gelangen wir dann an den Flughafen. Längs der Zufahrtsstraße liegen dutzende gestrandeten Schiffe. Yachten, Fischdampfer, auch ein älterer Schlepper ist darunter. Auch das Flughafenterminal ist gezeichnete. Teile der Fassade sind abgerissen und die Passagiere müssen noch durch einen provisorischen Zugang direkt aufs Flugfeld. Die Abfertigung scheint in hastig aufgestellten Containern zu erfolgen. Natürlich stauen sich die Menschen und die Autos, weil die Kapazitäten jetzt viel zu klein sind.

Straße zum Flughafen

Schließlich gelangen wir nach Maho Beach, wo man direkt unter der Einflugschneise am Strand liegen kann während die landenden Flieger nur wenige hundert Meter vor dem Aufsetzen direkt darüber hinweg donnern. Trauben von Menschen stehen dort mit Kameras um die landenden Flugzeuge festzuhalten. Unmittelbar daneben wieder Hotels und Kasinos, die allerdings so schwer beschädigt sind, dass man nicht glaubt sie könnten schon wieder in Betrieb sein. Aber nein! Auch hier Schilder: We are open und zwischen den vielen mit Brettern verschlossenen Fensteröffnungen sieht man einige, die so wirken als wohne jemand dahinter.

Zerstörtes Hotel in Maho

Die Tour geht weiter und wieder zurück auf französisches Gebiet. Wir durchqueren Terre Basses, eine Villenviertel, in dem die Häuser fast unbeschädigt aussehen. Entweder hier wurde mit viel Geld alles schon wieder repariert oder die solidere Bauweise hat den Sturm besser überstanden. Kurz bevor wir wieder unseren Ankerplatz erreichen fahren wir noch durch „Sandy Ground“, einen Ort der auf einem Sandstreifen zwischen Atlantik und Lagune liegt. Hier wohnen weniger wohlhabende Menschen. Und hier hat Irma fürchterliche Spuren hinterlassen. Immer noch stehen zerstörte Autos am Straßenrand, die meisten Häuser haben keine Dächer oder sind gleich ganz platt.

Blick von Terre Basses auf die Lagune von St. Maarten

Am folgenden Tag machen wir noch eine Inselrundfahrt mit Mietauto und können die Schäden auf der Ostseite der Insel beschauen. Besonders dramatisch ist es dort, wor der Atlantik ungebremst auf die Küste trifft. Von der Bebauung dort kann man nur noch die Reste erahnen, die in Haufen über die Landschaft zerstreut sind. Aber selbst dort regt sich wieder das Leben: Wir folgen einem handgemalten Schild und finden eine kleine Bar aus Schutt zusammengezimmert. Davor sind die Kitesurfer unterwegs… Mit dem Rücken zum Land und mit Blick auf Meer könnte man meinen, es sei nichts geschehen.

Schlag nach Norden

Wenn der NE Passat im karibischen Winter auf den kleinen Antillen gut etabliert ist, dann folgen auf Perioden mit Winden zwischen 3 und 5 Beaufort regelmäßig mehrere Tage mit Starkwind, der in Böen 30kn erreicht, also Windstärke 7. An den Kaps der hohen Inseln ist der Wind durch Eckeneffekte verstärkt. Zusammen mit dem Strom, der mit 0.5 bis 2 Knoten durch die Passagen läuft entstehen Bedingungen, die man durchaus als sportlich bezeichnen kann. Die kleine Crew der Zora findet das wenig attraktiv und wartet deshalb die ruhigeren Perioden ab um weiter nach Norden zu segeln. Allerdings gibt es nicht auf allen Inseln geeignete Ankerplätze um während der Starkwindperioden sicher und komfortabel zu liegen und abzuwarten. Dadurch wird die Reiseplanung zum Puzzlespiel: Wann soll man wo losfahren und wo kann man dann sicher und attraktiv abwarten? Ende Februar wollen wir gerne auf den Virgin Islands sein um sowohl dort als auch für Puerto Rico ausreichend Zeit zu haben. Immerhin sind wir schon 43 Tage unterwegs und es verbleiben noch 47 Tage bis Gesa mit Ada von La Romana in Richtung Kiel abreisen soll.

So entsteht der Plan einen längeren Schlag nach Norden zu segeln und dann auf St. Barts oder St. Maarten auf angenehme Bedingungen für die Anegada Passage hinüber zu den Virgins zu warten. Das bedeutet aber auch: Wir müssen einige Inseln „auslassen“. Einige davon sind sicher interessant: Montserrat zum Beispiel mit seinem aktiven Vulkan aber auch Statia und Saba, die noch wenig vom Tourismus erfasst sind. Aber bekanUntlich kann man nicht alles haben und wir konkretisieren unsere Pläne: Von Point-à-Pitre auf Guadeloupe wollen wir zunächst nach Süden um Basse-Terre herum und dann auf der Leeseite der Insel wieder nach Norden. Von dort geht es dann via Montserrat, Nevis, St. Kitts, Statia und Saba nach St. Barts oder Sint Maarten, alles zusammen ca. 190 Meilen, für die wir 30 – 35 Stunden planen. Unser Helfer von der Werft, Ian Henry aus Dominica, möchte gerne mitfahren, denn er will nach Sint Maarten, wo es viel Arbeit gibt. Dem Skipper ist das ganz recht, denn das bedeutet zusätzliche Crew, falls die Bedingungen doch rauer werden sollten.

Allerdings is diese Aktion ist nicht ganz legal, denn Ian hat nur ein Seefahrtsbuch und keinen Pass. Das ist auch der Grund, warum er nicht per Flugzeug reisen kann. Die rechtliche Lage wird mit dem frisch zum Hamburgischen Rechtsanwalt in einer Seerechtskanzlei akkreditieren Sohn Jakob diskutiert und dann trotz rechtlicher Bedenken beschlossen. Gesa betrachtet das allerdings alles mit Sorge, zum Einen wegen der zu erwartenden Bedingungen auf See und zum Anderen wegen der rechtlichen Konsequenzen. Sie entscheidet schließlich, die Strecke nach Norden doch mit dem Flugzeug zu bewältigen und das Segeln Ian und dem Skipper zu überlassen. Als der Wetterbericht ein geeignetes Fenster verspricht, wird die Abreise auf den 15. Februar festgesetzt. Der Skipper holt Ian mit dem Beiboot von Land, klariert aus und wenig später ist Zora unterwegs. Draußen vor der geschützten Bucht von Pont-à-Pitre weht es mit fünf bis sechs Stärken aus E und die Welle ist aufgrund der komplizierten Tiefenverhältnisse recht rau. Aber nachdem einige Meilen in Richtung auf die Iles des Saintes zurückgelegt sind, wird das Segeln angenehmer.

Ian Henry aus Dominica am Ruder der Zora

Es geht zunächst um die Südspitze von Guadeloupe herum. Dazu gehen wir vor den Wind und baumen den Klüver aus. Unter vollen Segeln rauschen wir mit durchweg 8 – 9 Knoten durch die See, gesteuert zuverlässig von unserer Windpilot, die den Klüver nicht ein Mal einfallen lässt. Bei Pointe du Vieux-Fort bietet sich und ein kurioses Bild: Während wir auf 2-3 m hohen Wellen surfen, liegt wenige hundert Meter vor uns ein Kat völlig ruhig vor Anker. Und in der Tat: innerhalb weniger Bootslängen verschwindet die Welle schlagartig. Wir sind im Lee der Insel. Der Kontrast könnte dramatischer kaum sein. Im Lee wird allerdings auch der Wind launig. Immer wieder kommen heftige Böen von den hohen Berghängen, die uns mächtig wegkrängen. Dazwischen herrscht Flaute. Wir rollen den Klüver weg und motorsegeln. Ian steht an der Pinne und der Skipper kocht Kaffee. Als die dampfende Tasse gerade dem Rudergänger im Cockpit gereicht wird, fällt eine kräftige Böe ein. Mit dichtgeholtem Groß und ohne Vorsegel ist das Schiff völlig aus der Balance. Der Skipper saust nach oben um die Großschot zu lösen, Ian versucht mit aller Kraft das Schiff auf Kurs zu halten und der Kaffee? Der Inhalt der Tasse fliegt in hohem Bogen über Bord…

Aber unser Kurs in Richtung Montserrat führt uns zunehmend aus dem Lee von Guadeloupe heraus und der Wind wird stetiger. So vergeht der Nachmittag und gegen 17:00 stehen wir querab von Deshaies im Norden von Guadeloupe, wo wir die Schiffe eng beieinander vor Anker liegen sehen. Der Skipper entscheidet, vor Einbruch der Dunkelheit ein Reff ins Groß zu ziehen, denn der Wind ist kräftig und die Aussichten in der Dunkelheit auf dem Vorschiff herumzuturnen sind nicht so einladend. Ohne Klamotten nur in Unterhose turnt der Skipper nach vorn, denn es ist dort inzwischen ziemlich nass. Die Sachen trocknen rasch, aber sind hinterher voller Salz. Ian hält derweil zuverlässig Kurs und bedient die Großschot.

Kurz nach 18:00 geht die Sonne unter und es wird rasch dunkel. Ian nimmt die erste Wache und der Skipper legt sich aufs Ohr. Als der nach drei Stunden wieder im Cockpit auftaucht, sind wir bereits wenige Meilen vor Montserrat. Gespenstisch hebt sich der dunkle Vulkankegel gegen den atemberaubenden Sternenhimmel ab: Im Süden der Insel gibt es keinerlei Lichter und auch keine Seezeichen, denn aufgrund der vulkanischen Aktivität musste alles aufgegeben werden. Nur ganz im Norden der Insel sieht man in der Nacht einige Lichter auf engem Raum zusammengedrängt. Bis Mitternacht ist nun der Skipper auf Wache. Der nutzt die Muße um seine Kenntnis der Sternbilder aufzufrischen. Denn unsere Windsteuerung hält zuverlässig Kurs und es ist kaum Verkehr.

Der Himmel ist so dunkel und die Luft so klar, dass man die Lichter der umliegenden Inseln gut sehen kann: Guadeloupe im Süden, Antigua im Osten, St. Kitts und Nevis im Norden, alle zwischen 30 und 40 Meilen entfernt. Hoch im Zenith steht der Orion und im Norden, niedrig und mit der Deichsel teilweise unter dem Horizont, Ursa Major, der große Wagen. Auch Polaris steht niedrig und erinnert daran, dass wir hier 40 Grad südlicher sind als in Deutschland. Kurz vor Ende der Wache geht dann im Süden Cygnus, der Schwan auf, den man in unseren Breiten im Sommer hoch am Himmel sieht. So vergehen die 3 Stunden der Wache wie im Flug, besonders da man es sich unter der Sprayhood liegend sehr bequem machen kann. Man sollte nur nicht der Versuchung erliegen einzuschlafen, aber das ist während der ersten Wache kein Problem.

Schwieriger wird da für den Skipper die zweite von 03:00 bis 06:00, denn nun schlägt die Müdigkeit ordentlich zu. Zora steht schon zwischen Nevis und St. Kitts. Durch die 5 Meilen breite Lücke zwischen diesen Inseln pustet es ordentlich hindurch und erfordert die einen oder anderen Korrekturen an der Windsteuerung. Ein Passagierfahrzeug läuft lange fast parallelen Kurs mit nur 6kn und kommt näher. Schließlich greift der Skipper zum Mikrofon und fragt nach, ob man uns auf der Steuerbordseite eigentlich wahrgenommen hat. Der Wachoffizier bestätigt das pflichtschuldig mit starkem russischen Akzent. Aber kurz darauf beschleunigt der Dampfer, ändert seinen Kurs und fährt in sicherem Abstand vor uns durch. Der Skipper hat starke Zweifel, dass der uns wirklich auf dem Schirm hatte.

Um 08:00 erreichen wir die Lücke zwischen Statia und St. Kitts und gehen hoch an den Wind um im sicheren Abstand vor der Leegerwallküste zu passieren. Diesem Manöver fallen leider die Pancakes zum Opfer, mit deren Zubereitung der Skipper etwas zu spät im Lee von St. Kitts begonnen hatte. Bei 35 Grad Lage und 3m Welle zieht es der Skipper vor nicht mehr mit dem heissen Fett zu hantieren. Aber die Sonne scheint, der Wind ist günstig und in der Ferne erkennt man bereits die Umrisse von St. Barth und St. Martin, beide noch mehr als 30 Meilen entfernt. Ian singt Lieder und erklärt, dass er so seinen Widerstand gegen die korrupte Regierung in Dominica ausdrückt. Er erzählt Geschichten von Korruption, Elend, Mord. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit Crews auf Derlivery-Törns nach Europa, von Kameradschaft an Bord und davon, dass die Kameraden, kaum an Land, von ihm, dem schwarzen Mann nichts mehr wissen wollten. Und er erzählt, dass er von seinem ersten Geld in St. Martin eine Motorsäge kaufen will, mit der er sein Haus auf Dominica wieder aufbauen kann. So vergeht die Zeit im Flug und am frühen Nachmittag segeln wir schon im Lee von St. Martin. Wenig später liegen wir vor Marigot auf der französischen Seite der Insel vor Anker. Ian ist ungeduldig und will rasch an Land: Er muss sich noch eine Unterkunft besorgen und es ist bereits 16:00. Am Dinghi Dock wartet Gesa bereits. Ein Händedruck und Ian ist auf und davon. Ob er wohl die Einladung auf ein Bier an Bord noch wahrnehmen wird in den nächsten Tagen? Wir wünschen ihm jedenfalls viel Erfolg bei seinem Bemühen in Dominica wieder auf die Beine zu kommen.

//WL2K Zweiter Seetag

Wir sind nun den zweiten Tag auf See. Der Passat weht mit 15 – 20 kn aus SE und wir können mit halbem Wind auf Bermuda zuhalten. Von den 830 Meilen liegen bereits 150 hinter uns. Es ist tagsüber sehr warm, sowohl im Cockpit als auch unter Deck. Da der Wind immer noch leicht vorlich kommt, wollen wir die Luken auf dem Vorschiff nicht öffnen. Der Skipper hat der Crew versprochen, dass es jeden Tag ein Grad kühler wird auf unserem Weg nach Norden. Im Moment freuen wir uns noch darüber. Aber es ist uns auch klar, dass wir auf dem Rückweg sind. Das stimmt ein bisschen wehmütig. Die letzten Tage in der Republica Dominicana waren erlebnisreich und anstrengend. Vor allem das Problem mit unserem Motor hat an den Nerven gezerrt. Der Skipper hat lange Zeit gezweifelt, ob unser Motor noch einmal laufen würde. Aber Dank der Hilfe ganz vieler ist die Geschichte am Ende gut ausgegangen: Da war als Erster der Hafenmeister, Eduardo, der uns den geeigneten Mechaniker besorgt hat. Jakob hat in Hamburg einen gebrauchten aber überholten Zylinderkopf aufgespürt und ihn dann spät Abends nach der Arbeit an einem Freitag aus Rerik abgeholt. Rahel hat den 13kg schweren Aluminiumklotz verpackt in ihrer Reisetasche untergebracht. Einige Goodies, die sie für unsere Reise besorgt hatte, mussten deshalb zuhause bleiben. Eduardo hat noch einmal seine Überzeugungskraft eingesetzt, nachdem Rahels Gepäck verspätet ankam und der Zoll auf unser Ersatzteil aufmerksam wurde. Björn Spiekermann ist mit dem Skipper noch einmal nach Punta Cana gefahren und hat mit seinem Spanisch beim Kampf im Behördendickicht unschätzbare Dienste geleistet, so dass wir am Ende den Zylinderkopf ohne Gebühren durch den Zoll bekamen. Schließlich hat der Mechaniker, Carela Dilson, mit seinem Lehrling Morito 12 Stunde fast ohne Pause durchgearbeitet alles wieder zusammen zu bauen. Am Ende waren die Nerven noch einmal besonders gefordert: Die Maschine war schon wieder vollständig und Carela begann Kühlmittel einzufüllen. Da lief das Wasser einfach an der Vorderseite der Maschine heraus. Der Skipper dachte, das sei nun das endgültige Aus. Er packte die Crew ins Auto und fuhr nach Samana um erst einmal etwas zu essen. Als wir dann zurück waren, saßen Carela und Morito grinsend im Cockpit und forderten den Skipper auf die Maschine zu starten. Unsere wiederbelebte grüne Eminenz sprang sort an, lief eine Stunde zur Probe und funktionierte auch am Folgetag ohne zu Mucken. Was Carela am Ende getan hat um die letzten Probleme zu lösen, haben wir nicht erfahren. Aber wir sind ihm unendlich dankbar für seinen Einsatz und seine Hilfe. Samana und die Dominikanische Republik werden in sehr guter Erinnerung bleiben.

//WL2K Das Wunder von Samana

Es ist 21:02 lokaler Zeit. Wir segeln mit einem Schrick in den Schoten mit Kurs Nord. Ziel Bermuda. Unsere aktuelle Position ist etwa 35 Meilen nördlich von Kap Samana zwischen der Navidad und der Silver Bank. Dass wir jetzt hier segeln, ist das Wunder von Samana, denn erst gestern Abend um 20:00 nach vielen Mühen, Verwicklungen und Arbeit lief unser grüner Schwede wieder. Heute vormittag hat er uns dann problemlos eine Stunde lang gegen den Wind aus der Bucht von Samana geschoben. Mehr kann dazu jetzt nicht gechrieben werden, denn der Skipper ist auf Wache und sollte nicht zu viel Zeit vor dem PC zubringen. Nur noch dies: Es geht uns gut und wir haben ruhige Passatbedingungen. Die Bewegung macht unser aller Mägen noch etwas zu schaffen. Aber trotzdem haben alle an Bord gut und ausgiebig gespeist. Wir melden uns morgen wieder mit etwas mehr Details.
Eine gute und ruhige Nacht wünschen Rahel, Marcel, Bjoern und Tobias

Die Helden von Toplicht oder die Freuden von Petroleum

Sendung aus Hamburg-Bahrenfeld nach Point-à-Pitre mit Ledermanschette für den Taylor Petroleumkocher

Der Skipper erinnert sich an folgende Begebenheit von vor vielen, vielen Jahren: Mit einer alten kleinen Holzyacht war die ganze Familie, zwei Erwachsene und vier Kinder, Anfang Oktober auf der Elbe nach Cuxhaven gesegelt. Eigentlich sollte es durchs Watt nach Büsum gehen, oder, falls das Wetter ein Einsehen haben sollte, gar um die Sände herum in die Eider. Aber das Wetter war so, wie es um diese Jahreszeit in Norddeutschland eben ist: An eine Reise durch die Außenelbe war mit diesem Schiff und dieser Crew nicht zu denken.

Noch dazu muckte der sonst eigentlich ganz zuverlässige Primus Petroleumkocher und das Essen für die vielen hungrigen Mäuler an Bord konnte nur noch auf einer Flamme zubereitet werden. Nun gab (und gibt) es in Cuxhaven einen großen Schiffsausrüster am Fischereihafen. Dem Vater und Skipper war somit nicht bange, dass man ein geeignetes Ersatzteil für den Kocher dort beschaffen könne. Doch weit gefehlt: Auf die Frage nach einer Ventilnadel für einen Primuskocher antwortete der ansonsten sehr freundliche und umgängliche Verkäufer: „So´n Schiet hebb wi nich mehr. In Medem dor kanns du welche finn. De hebb de Lüt buten geworfen!“ Trotz dieser Erfahrung wurde viele Jahre auf der guten alten Mollymauk mit Petroleum gekocht und der Ruß an der Decke der winzigen Pantry im Winter mit Ammoniak beseitigt.
Als wir im Frühjahr 2014 der alten hölzernen Dame Lebewohl sagten und auf die für unsere Verhältnisse riesige Rode Zora umzogen, schreckte uns dann auch nicht der dort eingebaute Petroleumkocher. Ganz im Gegenteil: Denn das war kein 50 Jahre altes Teil aus weißem Emaille mit allerlei abgesprungenen Ecken. Nein, an Bord von Rode Zora gibt es einen echten Taylor aus Edelstahl und Messing, kardanisch aufgehängt, getrenntem 15l Petroleumtank und einem Backofen. Einen solchen Kocher findet man zum Beispiel als eines der Ausstellungsstücke bei der Firma Toplicht in Bahrenfeld, wo dann allerdings auch ein sehr beachtliches Preisschild daran baumelt.
Die ersten Erfahrungen mit unserem neuen Kocher waren allerdings gemischter Natur: Die Kinder, inzwischen junge Erwachsene und gute Segler, konnten zwar das große neue Schiff sicher durch Hollands Kanäle steuern, aber beim ersten Kontakt mit dem Taylor wäre die Zora um ein Haar ein Totalschaden geworden. Nur der beherzte Einsatz des Feuerlöschers durch den zukünftigen Schwiegersohn rettete das Schiff. Allerdings war danach ein halber Tag Putzen notwendig und beim Eintreffen des Skippers kochten die Kartoffeln vorsichtshalber auf dem Dieselofen (was selbst an einem Apriltag in Holland den Salon auf sehr mollige Temperaturen bringt).
Eine Überholung und sorgfältige Einweisung der Crew in die Feinheiten des Petroleumkochens folgte und wir konnten danach unbeschwert eine Reise durch die Ostsee bis nach Oslo unternehmen, ohne dass das Schiff in Flammen aufging oder die Mägen knurren mussten. Erst die Reise im folgenden Jahr durch die Nordsee nach Schottland und zurück über Norwegen offenbarte ein neues Problem: Die in Hamburg gebunkerten 15l Edelpetroleum mit dem Name „Esso Blue“, in Hamburg sehr bequem bei Toplicht zu bekommen, waren nach ausgiebigem Backen und Kochen der Damencrew in Norwegens Fjorden aufgebraucht und die anreisende Herrencrew mit Skipper Jakob verbrachte 2 Tage erfolglos auf der Suche nach Ersatz in Norwegens Hafenstädten. Die Firma Toplicht rettete den Segeltörn, indem sie 10l Petroleum per Expressfracht nach Haugesund ins dortige Touristenbüro expedierte und der hungrigen Crew die warmen Mahlzeiten sicherte.
Für die lange Reise über den Atlantik und zurück war also sorgfältige Planung nötig: Der Kocher wurde noch einmal ordentlich überholt, die Brenner wurden gegen die inzwischen erhältlichen und sehr zuverlässigen Hansabrenner ausgetauscht, drei zusätzliche vollständige Hansabrenner kamen ins Ersatzteillager und 50l Petroleum wurden an Bord genommen. Eine Freundin kommentierte das mit den Worten, wir müssten jetzt eine rote Flagge fahren, denn wir seien ein Gefahrguttransporter. Von diesen 50l Petroleum waren auch noch 20 Liter an Bord als die Karibikcrew in Martinique das Schiff übernahm. Dass diese Menge nicht bis Hamburg reichen würde, war natürlich klar, aber irgendwo zwischen Fort-de-France und Santo Domingo würde sich bestimmt etwas auftreiben lassen. Zur Not könnte man auch mit „Jet-Fuel“ kochen, war der Tipp eines Petroleumspezialisten in Hamburg.
Und in der Tat: In einem riesigen Carrefour auf Martinique fand der Skipper tatsächlich Kanister mit der Aufschrift „Pétrole“ und einem Bild eines Petroleumofens…
Doch was musste der Skipper bemerken, nachdem die kostbare Flüssigkeit aus Martinique (deren Preis in der Tat den von Rum übersteigt) in den Tank gefüllt war? Die Druckpumpe, noch vor Abreise überholt, funktioniert nicht mehr: Sowohl die kleine Ledermanschette am Pumpenkolben als auch das Druckventil am Fuß erfüllten nicht mehr ihren Dienst. Es ließ sich kaum Druck aufbauen und der wenige erreichte Druck ließ Petroleum am Pumpenschaft nach oben spritzen.
Was tut der genervte Skipper in dieser Lage? Er schreibt eine Email an Toplicht mit der Bitte um Ersatzteile, denn ausgerechnet diese kleine Ledermanschette ist natürlich nicht im Ersatzteillager und ebenso nicht das Bodenventil. Eine Suche in einem der lokalen Ausrüster muss man erst gar nicht versuchen. So kommt die kleine Ledermanschette zuverlässig und schnell von Toplicht versandt per Post in die Marina auf Guadeloupe und das Bodenventil wird mit einer Feder aus einem Kugelschreiber und einem Stück Gummi von einem O-Ring aus der Grabbelkiste repariert. Nun faucht er wieder unser Taylor, läßt Wasser in wenigen Minuten zum Kochen kommen und sorgt auch für frisches Brot und köstliche Aufläufe aus dem Backofen. Ein Hoch auf Petroleum und auf die Helden von Toplicht!

P. S. Neulich lief uns ein Amerikaner über den Weg mit völlig verklärtem Gesicht, weil es ihm gelungen war seine Gasflasche vor Ort befüllen zu lassen. Seine Worte: „I managed something great today“.

Knistern in der Bilge

Der Kran ächzt und knarrt. Der Kranfahrer, auf Französisch „Grutier“, macht ein ärgerliches Gesicht und fummelt an seiner Fernbedienung. Aber alles umsonst. Jedesmal, wenn der vordere Gurt den Kiel einen halben Meter angehoben hat, gibt es einen Alarm wegen Überlast und der Kiel sinkt langsam wieder zu Boden.

Der Skipper erklärt dem Grutier, dass am Morgen desselben Tages das Schiff ohne Probleme aus dem Wasser gekommen sei. Da sei die Lastverteilung zwischen vorne und hinten anders gewesen. Das Schiff habe weiter hinten in den Schlingen gehangen. Der Grutier hört nicht zu sondern versucht ein Stück zu fahren, während das Schiff langsam zu Boden sinkt. Wir sollen jeweils rechtzeitig einen Holzklotz unter den Kiel schieben. Nach zwei Versuchen, die uns nur wenige Meter voran bringen aber das Schiff in furchterregendes Schaukeln versetzen,  hat schließlich der Grutier ein Einsehen: Das Schiff wird nochmal aufgepallt, die Schlingen werden um einen halben Meter verschoben und danach kann Zora ohne weitere Schwierigkeiten zu Wasser gehen.

Doch die Geschichte sollte von Anfang an erzählt werden: In unseren ersten Tag an Bord auf Martinique war uns aufgefallen, dass man in ruhigen Momenten, z. B. am Abend vor Anker, ein eigenartiges Knistern aus der Bilge hören konnte. Es hörte sich an wie wenn jemand die kleinen Blasen von Luftpolsterfolie platzen läßt, ein Hobby übrigens, dem Gesa mit Leidenschaft nachgeht. Ein solches Geräusch hatten wir an Bord bisher nicht gehört. Der Skipper hatte sich darüber eine Weile den Kopf zerbrochen und das Knistern dann als das Ergebnis von vielen Schraubengeräuschen in weiter Ferne interpretiert. Irgendwann stellte natürlich auch Gesa die Frage, was das Geräusch wohl sein könne und der Skipper antwortete spontan: „Das sind die kleinen Muscheln, die am Rumpf wachsen.“ Denn in der Tat begann sich unser Schiff einen Bart zuzulegen, der schneller zu wachsen schien als der im Gesicht der Besatzung.

Zora hat sich einen Bart zugelegt, der besonders abends knistert!

Die Tradewind Crew hatte unterwegs an einem Flautentag das Schiff noch einmal ordentlich geschrubbt und auch der Skipper hatte nach der Ankunft auf Martinique beim Baden die Schrubberbürste geschwungen. Aber 15 Tonnen Schiff haben eine ziemlich große Oberfläche und unsere blinden Passagiere außenbords hatten auch gar nicht die Absicht sich einfach vertreiben zu lassen. So reifte der Plan an einem geeigneten Ort an Land zu gehen und die Unterwasserfarbe zu erneuern. Diese war nämlich schon einige Jahre alt, nicht für tropische Gewässer gemacht und Zoras letzter Landaufenthalt lag schon zwei Jahre zurück. Vielleicht sollte man auch mal die Anoden kontrollieren, die Ruderlager schmieren und eine generelle Inspektion durchführen.
Der Hafen in Point-à-Pitre schien für diese Übung ideal. Denn dort gibt es eine ordentliche Werft mit viel Infrastruktur und gleich eine ganze Reihe Ausrüster bei denen wir Material erwerben wollten. Einziges Hindernis: In der Capitainerie erklärte man uns, die Werft sei auf Wochen ausgebucht. Man wolle uns allenfalls auf die Warteliste setzen.
Nachdem der Wetterbericht für die kommenden Tage ein ordentliches Windfeld vorhersagte mit teilweise über 30 Knoten, entschloß sich die Crew, dass man ja mal ein paar Tage warten könne. Vielleicht würde sich eine Möglichkeit ergeben. Dann drehte der Skipper noch eine Runde durch die Werft. Nach zwei Tagen Warten hatte sich an der Warteliste nichts verändert, allerdings bekamen wir den Rat doch mal direkt mit dem Vorarbeiter zu reden. Vielleicht ginge da ja was. Und in der Tat: Nach etwas Klönschnack, gutem Zureden auf Französisch und der Versicherung, dass wir tatsächlich nur 8 Stunden benötigten, hieß es: Kommt morgen früh um Acht. Einen Helfer zum Kärchern etc. müssten wir aber selber organisieren.
Dieser Helfer war schnell gefunden, denn am Hafen hatten wir bereits mit Ian aus Dominica gesprochen, der sich mit allerlei Gelegenheitsarbeiten an Schiffen über Wasser hielt, ein weiteres Opfer von Hurricane Maria. Ian sagte sofort zu und stand dann auch pünktlich am nächsten Morgen am Schiff. Natürlich konnten wir nicht wie versprochen um 8:00 kranen, denn vorher mussten noch allerlei Schiffe wieder ins Wasser gesetzt werden.

Zora auf Werft in Pont-à-Pitre

Aber um 10:00 stand Zora dann tatsächlich sehr sorgfältig aufgepallt an Land. Und zur Überraschung der meisten neugierigen Mitstreiter der umliegenden Schiffe war Zora auch tatsächlich rechtzeitig fertig um pünktlich wieder zu Wasser zu gehen. In nur etwas unter 6 Stunden hatte die Crew der Zora zusammen mit Helfer Ian das Schiff gekärchert, trocknen lassen, mehrere Stellen grundiert, den Propeller gebürstet, die Anoden gereinigt, die Ruderlager abgeschmiert und dann komplett gemalt. Die Zeit reichte sogar noch um mittags eine Pizza zu essen und am Nachmittag gemütlich mit Ian im Cockpit einen Kaffee zu trinken und den anderen beim Arbeiten zuzuschauen.

Ian und Tobias haben Zora gemalt

Tja, fast perfekt, wäre da nicht die Tatsache, dass durch die heftigen Kranmanöver unser Windgenerator gegen die Traverse geditscht war und nun neue Flügel fällig sind. Immerhin hat die Werft die Kosten dafür erstattet. Fragt sich nun nur wie wir auf Guadeloupe an neue Blätter für unseren Silentwind gelangen.
Ach ja, das Knistern: Das ist nun tatsächlich nach dem Reinigen und Malen verschwunden! Jetzt haben wir einige Tausend blinde Passagiere weniger.

Zora fertig gemalt mit edlen 4 l Seahawk Island 77 auf der Haut

Inselausflug

Die Crew der Zora hat es geschafft ein Mietauto zu ergattern. Ja, das ist tatsächlich eine Leistung, denn in der Karibik ist Hochbetrieb, alle Marinas voll, die Autos vergeben und selbst die Ankerplätze manchmal knapp. Eine Unzahl Telefonate, vom Skipper in gepflegtem Französisch geführt, bringen kein Ergebnis. Erst der Ausflug ins Internet lässt uns fündig werden: Bei einer lokalen Agency am Flughafen gibt es tatsächlich noch einen kleinen Toyota, den wir für einen Tag bekommen. Also auf zum Airport! Das geht in der Tat mit dem Bus, aber in der Marina weiß keiner wo und wann der fährt, denn wer fährt schon mit dem Bus: Die Crew einer Swan aus Oslo sitzt vor der Capitainerie mit ihrem Gepäck und wartet offensichtlich auf ein Taxi, während wir losstiefeln um das öffentliche Verkehrsmittel zu suchen… und sogar finden! Darauf sind wir einigermaßen stolz. Aber die Leute hier sind freundlich und hilfsbereit, besonders wenn man sich mit ihnen auf Französisch unterhält.

Die Busfahrt für ganze 1,20 Euro dauert ein Weilchen, denn jede mögliche Schleife auf dem Weg zum Airport wird ausgefahren. Gesa ist ganz nervös und glaubt wir hätten die Haltestelle vielleicht gar verpasst. Aber nein: Pünktlich um 10:00 hält der Bus vor dem Terminal, das riesengroß und ziemlich verlassen ist. Wenig später haben wir auch unseren Autoschlüssel und werden zu unserem Autochen hingefahren, das sauber und wenig gefahren auf uns wartet.

Wir entscheiden uns für eine Runde um den westlichen Teil von Guadeloupe, genannt Basse-Terre. Dieser Teil ist gebirgig und man soll im großen Nationalpark in den Bergen sehr schön wandern können. Der östliche Teil von Guadeloupe ist eher flach und landwirtschaftlich genutzt. Zwischen Basse-Terre im Westen und Gros-Terre im Osten verläuft die Rivière Salé, die im Prinzip befahrbar ist mit bis zu 1,8m Tiefgang. Da wollten wir eigentlich hindurch um dann weiter nach Antigua zu segeln. Die Passage ist ein bisschen kompliziert, aber im Detail im Standardführer von Patuelli gut beschrieben. Leider haben wir allerdings in der Marina erfahren, dass die zwei Brücken seit drei Jahren kaputt sind und nicht mehr öffnen. Wann sie repariert sein werden weiß niemand… Guadeloupe gehört zwar zu Frankreich, liegt aber doch näher an Südamerika als an Europa!

Mit dem Auto überqueren wir vom Flughafen kommend die Rivière Salé und können sehen, dass der Weg durch die Mangroven sicher sehr reizvoll gewesen wäre… Die Fahrt geht weiter vorbei an einer Unzahl von Einkaufszentren und Autohäusern ehe die Straße in Richtung Inselinneres abknickt. Überhaupt finden wir die Anzahl von Autos auf diesen Inseln verblüffend! Rasch bleibt jetzt dieser Teil der Zivilisation hinter uns und es geht in den Nationalpark mit atemberaubend schöner tropischer Vegetation. Wo immer es abseits der Straße etwas zu sehen gibt stehen viele kleine weiße Autos am Straßenrand (In der Karibik scheinen alle Mietautos klein und weiß zu sein) Ab und zu ist auch ein Reisebus zu finden von einem der Cruiseliner, die in Point à Pitre im Hafen liegen.

Unser erster Stopp gilt dem Wasserfall Cascade aux Ecrevisses, zu dem man auf einem gepflasterten Weg flaniert. Am Wasserfall ist es voll, aber nur einige Meter weiter am Fluss endet der Touristenstrom und man glaubt sich allein in einer tropischen Idylle.

An der Cascade des Ecrevisses, Rivière Bras David

Etwas weiter die Route de la Traversée entlang stoßen wir auf die Maison de la Forêt, von wo wir durch den tropischen Wald wandern. Es sieht aus wie die Kulisse zu  Djungle Book: Baumriesen bewachsen mit Lianen und allerlei anderen Schlingpflanzen. Der Weg führt über ein Netz von Wurzelwerk im Halbdunkel durch das nur an wenigen Stellen die Sonne blinzelt. Am allerhöchsten Punkt hat einer der Stürme ein Guckloch in den Wald geschlagen, so dass wir die umliegenden Berge erahnen können.

Kulisse zu Djungle Book auf Guadeloupe

Weiter geht es auf die Leeseite der Insel, wo wir bei einer kleinen Strandbar köstliche Bokits zu Mittag speisen. Das sind Sandwiches mit Hühnchen oder Fisch, das Brötchen aus besonderem Teig in der Fritteuse zubereitet. Das Baden im Meer wird aufgrund der gefüllten Mägen verschoben und wir rollen weiter auf der Küstenstraße entlang in Richtung Vieux Fort an der Südspitze der Insel. Hier im Osten der Insel ist wenig Tourismus, die Orte klein und wenig spektakulär.

Am späten Nachmittag erreichen wir Vieux Fort, wo sich wieder der Atlantik bemerkbar macht. Vom kräftigen Passat und dem mächtigen Schwell hatten wir hinter der Insel nichts mitbekommen. Hier hat man auch einen wunderschönen Blick auf die Isles des Saintes, von denen wir vor wenigen Tagen hierher gekommen sind.

Blick auf die Isles des Saintes

Vor der Rückfahrt nach Point à Pitre entdecken wir noch ein tolle Badestelle mit feinem Sand, einer grünen Wiese zum Liegen unter hohen Palmen und köstlichem Sorbet aus Cocosmilch, das in einer handbetriebenen Maschine mit Eiswürfeln als Kühlmittel auf Wunsch hergestellt wird.

Der Tag endet mit dem Großeinkauf im Carrefour in Point-à-Pitre. Denn auch dafür ist das kleine Mietauto ideal: Es fährt große Mengen an Trink- und Essbarem direkt bis an den Steg der Marina. Wir nutzen die günstige Gelegenheit und bunkern in großem Stil, denn die Einkaufsmöglichkeiten auf den französischen Inseln sind deutlich besser als anderswo.

Dominica

 

In der Nachmittagshitze ist die Crew der Zora hinauf zum Fort Napoleon gewandert. (So etwas tun nur Deutsche. Alle anderen düsen mit knatternden Scootern oder elektrischen Golfcarts die steile Straße hinauf zu diesem wunderschönen Aussichtspunkt) Aber der Blick von diesem strategischen Aussichtspunkt auf den Isles des Saintes lohnt die Mühe und ist atemberaubend. Im Norden erscheint Guadeloupe zum Greifen nahe, der Vulkan La Souffriere in Wolken gehüllt, im Süden erscheinen die Umrisse von Dominica, etwas bedrohlich wie ein gestrandeter Wal.

Vor Anker in den Isles des Saintes mit Blick auf den „Pain de Sucre“

Von dort war Zora am Vortag zum kleinen Archipel der Isles des Saintes gesegelt, nachdem sie in Prince Rupert Bay einen Tag geankert hatte, damit die Crew die Insel erkunden konnte. Das war eine besondere Erfahrung über die hier berichtet werden muss:
Die Geschichte beginnt im September des Vorjahres, denn am 19. Tag dieses Monats in der Nacht hatte der Wirbelsturm Maria, ein Hurricane der Kategorie 5, die Insel überrollt und unvorstellbare Schäden angerichtet. Der Skipper hatte damals die Wetterentwicklung verfolgt, aus Neugier und als Vorbereitung auf die anstehende Atlantiküberquerung. In den Nachrichten und im Internet gab es Bilder und Berichte, die aus der Ferne kaum einzuordnen sind. Die Familie von Reibnitz, die Dominica von vielen Reisen mit der „Peter von Seestermühe“ kennt, hatte damals einen Hilfscontainer organisiert und Freunde bzw. Bekannte um Beiträge gebeten, die die Crew der Zora gerne geliefert hat.
Nun aber können wir aus einem Abstand von etwas 3 Meilen die Situation mit eigenen Augen betrachten. Die steilen mächtigen Berghänge wirken nicht satt grün, wie etwas auf Martinique. Vielerorts ist gar keine Vegetation mehr zu sehen und das Grün wird merkwürdig dürftig und blass. Viel schlimmer aber sehen Häuser und Infrastruktur aus. Kaum ein Haus, das, selbst jetzt 5 Monate nach dem Sturm, unbeschädigt erscheint. Am Ufer dann die traurigen Reste von Palmstämmen, die auf halber Höhe abrasiert erscheinen.
Auf Martinique und St. Lucia hatte man uns erzählt, dass einzig ganz im Norden der Insel, in Prince Rupert Bay, die Infrastruktur wieder so weit hergestellt sei, dass dort Bootstourismus möglich wäre. Aber wir hatten auch gehört, dass aufgrund der Katastrophe die Sicherheitslage schwierig sei. Auf gut Deutsch, dass man mit Diebstahl oder gar Raub rechnen müsse. Mit gemischten Gefühlen segelt also die Crew unter der Küste Dominicas nach Norden und erreicht etwas spät Prince Rupert Bay. Die Strecke von St. Pierre sind immerhin etwas über 50 Meilen.
Schon weit vor der Ankerbucht wird die Zora von einem Fischerboot abgefangen, allerdings mit einem sehr freundlichen „Welcome to Dominica“. Wir werden gefragt nach dem woher und wohin. Ausserdem bietet uns Avin von der PAYS (Portsmouth Associated Yachting Services) Hilfe vor Ort an. Diese nimmt der Skipper gerne an, denn es wird dunkel und ein Lotse in die Ankerbucht bei Dunkelheit können wir gut gebrauchen. Natürlich verbleibt zunächst ein gewisses Misstrauen, das aber rasch schwindet, nachdem uns Avin freundlich und kompetent zum Ankerplatz lotst, sich dann höflich verabschiedet und ankündigt, er werde am Morgen wiederkommen und schauen, was er für uns tun könne.
Am nächsten Tag bringt uns Avin zum Einklarieren, hilft mit den Formalitäten, macht die „Indian River Tour“ mit uns, empfiehlt ein gutes Restaurant für den Abend, bringt uns dorthin und fährt die Crew zum Schluß auch wieder zurück und das alles für einen völlig angemessenen Preis. Darüber hinaus berichtet er vom Hurricane, von seiner Insel, seinen Plänen und vieles mehr. Wir fühlen uns in jeder Hinsicht wohl und gut versorgt und genießen den Luxus, den uns unser privater Guide bereitet.

Mit Avin unterwegs in den Indian River

Trotzdem bleiben wir nur einen Tag auf dieser gastfreundlichen Insel. Bei aller Gastfreundschaft sind die Möglichkeiten für einen Inselbesuch immer noch stark eingeschränkt. Als dann die Wettersituation ein günstiges Fenster öffnet für die Überfahrt zu den Isles des Saintes, ist die Entscheidung schnell getroffen und die Ankerkette rumpelt über die Winsch in den Kettenkasten. Nur wenige Stunden später liegen wir an einer Boje im kleinen Archipel des „Saintes“. Welch anderes Bild bietet sich hier. Zwar sind auch auf den Isles des Saintes, 20 Meilen nördlich von Dominica ein paar Auswirkungen von Maria zu sehen, aber was immer zerstört war ist aufgeräumt und es herrscht eine gepflegte Idylle. Im Schutz der kleine Isle Cabrit staunen wir über die Jagdkünste der Pelikane, die mit kühnen Sturzflügen ihre Abendmahlzeit aus dem Meer holen.