Ponce

Ponce liegt auf der Südseite Puerto Ricos auf halbem Weg zwischen Punta Tuna im Osten und Cabo Rojo im Westen. Ponce wollen wir besuchen zumal der Führer von Pavlidis die historische Altstadt als sehenswert anpreist. Ausserdem soll man vor dem Ponce Yacht- und Fishing Club ankern können und dann für eine geringe Gebühr Zugang zu den Annehmlichkeiten dieses privaten Segelclubs bekommen. Auf dem Weg von Salinas nach Ponce wird eine Zwischenstation auf der Isla Caja de Muertos empfohlen. die einige Meilen vor der Küste liegt. Von Salinas ist sie nur 12 Meilen entfernt. Das ist eine ideale Entfernung für Wellness Sailing: nur der Klüver wird ausgerollt. Bei 10 – 15 Knoten Wind reicht das für 4 – 5 Knoten Geschwindigkeit.

Isla Caja de Muertos

Die Insel trägt ihren Namen wohl aufgrund ihrer Form und ist von weitem sichtbar. Ohne erwähnenswerte Ereignisse segeln wir zwischen zwei Cays hinaus auf das Karibische Meer und rollen in 3 Stunden gemütlich auf die Insel zu. Schließlich runden wir die südliche Spitze und lassen unseren Anker im Lee der Insel mit Blick auf den Leuchtturm auf dem höchsten Punkt fallen. In Sichtweite ankern bereits eine Neuseeländische, eine Niederländische und eine weitere Deutsche Yacht. Bisher hatten wir den Eindruck im Süden Puerto Ricos ganz allein unterwegs zu sein.

Am Sandstrand liegt die Fähre „Island Flyer“. Die scheint eine ganze Menge Leute mitgebracht zu haben, die im kristallklaren Wasser planschen oder einfach nur am Strand liegen. Wir warten bis um 16:00 die Fähre abgefahren ist und die Insel menschenleer erscheint um an Land zu gehen. Natürlich wollen wir zum Leuchtturm hinauf. Aber am Weg dorthin steht ein Schild: „Area Peligroso“! Wir nehmen das erst einmal nicht so ernst und wandern weiter durch einen Wald von Kakteen, die mehrere Meter hoch sind. Einige von ihnen sind beim letzten Hurricane umgestürzt, aber offensichtlich wurde der Weg wieder freigeräumt. Trotzdem liegen ausgetrocknete mit Monsterstacheln bewehrte Teile auf dem Weg, um die man sehr vorsichtig herumlaufen muss, Peligroso eben. Schließlich erreichen wir eine Stelle an der der Weg über einen Haufen dieser gestürzten Stachelriesen führt. Man kann erkennen, dass Leute regelmäßig darüber klettern. aber wir sind nicht dafür ausgerüstet: Ein Fehltritt würde uns sofort mit tausenden Stacheln in der Haut bestrafen. Und wir stellen fest, dass sich bereits auf den weniger kritischen Metern hierher, zahllose Stacheln in die Sohlen unserer Schuhe gebohrt haben. Beim Herausziehen fühlen sie sich an wie Stahlnadeln. Enttäuscht kehren wir um und gehen wieder an Bord.

Kaktuswald auf Coffin Island

Leider ist der Ankerplatz sehr unruhig. Die ganze Nacht rollen wir hin und her und das Klappern in den Schränken hält uns wach. Die „Locals“ kennen das wohl, denn sie waren alle kurz vor Sonnenuntergang wieder verschwunden. Wir hauen nach dem Frühstück ab und bringen die letzten 7 Meilen nach Ponce hinter uns. Dort bietet sich uns eine farbenfrohe fröhlich-laute Kulisse.

Optitraining vor Ponce/PR

Vor dem Yachtclub trainiern die Jollen, vom Boardwalk Malecon schallt laute Musik herüber und die Polizei dreht Runden und verteilt Knöllchen an Jetskis. Wir gehen beim Yachtclub an Land. Die Anlage ist riesig, menschenleer und wirkt als habe sie schon bessere Zeiten gesehen. Der Wächter am Tor läßt uns nicht vom Gelände und erklärt wir müssten uns erst beim Office anmelden, das allerdings erst morgen wieder geöffnet sei. Wir versuchen unser Glück deshalb bei den Fischern gegenüber, wo mehr los zu sein scheint und wir fröhlich empfangen werden. Hier ist nun wirklich Volksfest: Die Fischer verkaufen Sardinen mit denen die Kinder Fische und Vögel füttern. Am Boardwalk reiht sich ein Kiosk an den nächsten und jeder scheint seine eigene Live-Musik zu haben. Familien mit Kindern promenieren auf und ab, die Kindern meistens auf irgendwelchen fahrbaren Untersätzen, vom Kinderwagen über Roller, Skateboard bis zum elektrisch angetriebenen knall-pinken Einhorn.

Vögelfüttern mit Sardinen in Ponce/PR

Am nächsten Morgen versuchen wir unser Glück erneut im Yachtclub, diesmal im Büro. Aber dort ist man wenig freundlich und sagt wir sollten eine Box in ihrer Marina nehmen. Das wollen wir nicht und verzichten auf Internet, warme Dusche und Wäschwaschen. Immerhin ruft uns der Wächter ein Taxi, das uns in die Innenstadt zur Plaza de Delicias bringt.

Plaza Las Delicias in Ponce

Hier ist alles sehr gepflegt und renoviert, aber nur ein paar Blocks weiter finden wir wieder Verfall und Müll. Selbst der Weg hinauf zur Cruceta El Vigia, einem Aussichtsturm in Form eines Kreuzes, und zum Castillo Serallès in der Mittagshitze endet in einer Enttäuschung.

Im Stadtzentrum von Ponce

Beide Sehenswürdigkeiten sind geschlossen. Also geht es zurück an Bord, nachdem wir in der Stadt noch ein wirklich spektakulär köstliches Eis gegessen und im Supermarkt die Vorräte ergänzt haben. Morgen wollen wir nach Guanica und hinter den Cayos Cana de Gorda ankern.

Westwind

Zora und Crew sind gut über die Anegada Passage von St. Martin zu den British Virgin Islands, oder BVIs, wie alle hier sagen, gelangt. Wind und Welle waren moderat und die Crew hat regulär Wachen gemacht und dem Skipper ordentlichen Schlaf gegönnt. Unterwegs gab es einmal etwas Aufregung weil drei Lichter dicht beieinander auf uns zu kamen, die wir nicht deuten konnten: Zweimal grün und weiß darüber? Vielleicht findet ja ein ausgefuchster DSV Prüfer ein Fahrzeug, das so beleuchtet sein soll. Wir hatten keine Idee, was da unterwegs war und wohin es fuhr. Schließlich löste sich das Rätsel auf als zwei dicht nebeneinander gegenan motorende Segelyachten, die uns im Abstand von ca. 50m passierten. Eine führte kein Dampferlicht und beide hatten kein AIS. Wir hatten versucht die zwei grünen und das eine weiße Licht einem einzigen Fahrzeug zuzuordnen… Hier in der Karibik sind viele Segler ohne AIS Transponder unterwegs. Insbesondere die vielen Charteryachten scheinen nicht damit ausgestattet zu sein. Achja, zum Thema Charteryachten fügt der Schreiber dieser Zeilen mal ein Bild an, das tausend Worte spricht. Titel: Nachschub!

Nachschub: Beobachtet unterwegs von St. Martin zu den BVIs

Auf Virgin Gorda in Spanish Town wird einklariert, wobei neben allerlei Papierkram auch gleich ordentlich Gebühren fällig sind. Wir erfahren also gleich zu Anfang, dass die Virgin Islands ein teures Pflaster sind. Der Gang in den kleinen Ort offenbart uns dann, dass auch hier Hurricane Irma furchtbar gewütet hat. Im Vergleich zu Dominica und St. Martin scheint der Wiederaufbau allerdings noch schleppender voran zu gehen.
Am kommenden Tag besuchen wir „The Bath“ an der Südwestspitze von Virgin Gorda, wo man zwischen gigantischen Findlingen herumklettern kann. Die konnte selbst Irma nicht wegschubsen. Leider darf man dort nicht übernachten. Wir verholen in den Gorda Sound ganz im Norden der Insel, wo wir unerklärlicherweise während der Nacht furchtbar durchgeschüttelt werden. Wo die Welle herkommt und wie sie in den Sound gelangt, können wir uns nicht erklären.

Zora vor „The Bath“ auf Virgin Gorda

Am 1. März geht´s dann in die Trellis Bay auf der Nordostseite von Tortola. Dort gibt´s eine Vollmondparty, die zu den an Bord anstehenden Geburtstagsfeierlichkeiten gut passt. Außerdem erscheint die Trellis Bay gut geeignet um das außergewöhnliche Wetterphänomen abzuwarten, das uns schon seit ein paar Tagen versprochen worden ist: Westwind in der Karibik im Winter:
Das Studium der Wettermodelle hatte schon seit Tagen angedeutet, was sich über dem Nordatlantik zusammenbraut: Ein gigantisches Tiefdrucksystem mit einem Durchmesser von mehr als 2000 Meilen soll die subtropische Hochdruckbrücke bis auf 13 Grad nach Süden drücken. Diese liegt normalerweise zwischen 20 und 30 Grad. Auf der Nordseite des Hochdruckrückens weht es aus W und auf der Südseite aus E bis NE, Passat eben. Wenn der Hochdruckrücken so weit nach Süden gelangt, dann kommen die Westwinde bis in die Karibik. Und auf der Rückseite des großen Atlantiktiefs wird es NW-liche Winde in Orkanstärke geben, die nördlichen Schwell mit bis zu 6m zu den großen Antillen und den BVIs schicken: Ein Traum für Surfer, aber in den Passagen zwischen den Inseln bei Wassertiefen zwischen 20 und 50m kann das durchaus zu brechenden Wellen führen, die man als Segler nicht erleben will. Noch dazu soll uns eine waschechte Kaltfront überqueren mit Schauerböen von bis zu 30kn. Echtes Norwegenfeeling. Die meisten Ankerplätze auf den Inseln sind bei diesen Bedingungen nicht sicher.
Mit unserem Kurzwellengerät können wir die fundierten und ausführlichen Wetterberichte von Chris Parker auf 8137 kHz empfangen, der von Miami aus einen Wetterservice betreibt. Gegen Bezahlung bekommt man individualiserte Beratung, aber die allgemeinen Wetterberichte sind frei empfangbar. So sind wir bestens informiert auch wenn wir Wettermodelle wegen der irrwitzigen Roaming Kosten auf den BVIs im Handy Netz nicht herunterladen.
Während der Vollmondparty lernen wir Carsten und Vinni aus Dänemark kennen, die schon seit zwei Jahren unterwegs sind und die Inseln sehr gut kennen. Sie empfehlen zum Abwettern dieser aussergewöhnlichen Wetterlage „Sopers Hole“ am Westende von Tortola. Die Bucht ist tief eingeschnitten und von hohen Bergen umgeben. Noch dazu gibt es dort angeblich funktionierendes Internet und die Nutzung der Moorings sei noch kostenlos, so lange sich der Ort im Wiederaufbau befindet. Die Abenteur von Carsten und Vinni kann man übrigens auf svcapri.wordpress.com nachlesen.
So segelt die Zora am 2. März vor einem milden NE unter der Küste von Tortola nach Westen. Der Passat schwächelt bereits, aber das Wasser ist glatt und wir kommen mit ausgebaumtem Klüver mit 4 bis 5 Knoten voran. So lässt sich auch die neue Klüverschot aus St. Martin und die leicht geänderte Schotführung bei ruhigem Wetter testen. Hinter uns ist die Meltemi vom DHH unterwegs, die heute in der Nähe von Road Town einen Crewwechsel hat. Parallel läuft eine blaue Yacht aus Holland, die wie eine Koopmans aussieht. Aber sowohl die 50 Fuß Meltemi als auch die etwa gleich große blaue Koopmans bleiben in Zoras Kielwasser zurück. Unser Schiff ist einfach gut drauf heute!

Überbleibsel am Strand von Hurricane Irma in Trellis Bay, Tortola

In Sopers Hole erwartet uns das gleiche Bild wie überall hier auf den Inseln: Häuser ohne Dächer, Boote ohne Masten am Strand verstreut, weggerissene Piers, enthauptete Palmen. Gesa ist deprimiert und möchte gleich wieder weg. Aber wir haben keine Wahl: Hier können wir während der nächsten Tage mit dem unsicheren Wetter gut liegen und für die benachbarten US Virgin Islands fehlt uns das Visum. Die Tatsache, dass man tatsächlich bei Enreise mit dem eigenen Schiff noch ein Visum benötigt, obwohl das zum Beispiel bei Einreise mit dem Flugzeug nicht mehr
nötig ist, haben wir bei unseren Vorbereitungen übersehen. Nun müssen wir den sogenannten Fährentrick anwenden: Einmal mit Fähre von Tortola, BVI, nach St. Thomas, USVI, und dabei den sogenannten VISA Waiver im Pass vermerkt bekommen. Dann darf man rein in die gelobten US of A! Die Alternative: Ins nächste Konsulat nach Barbados und dor t ein Visum beantragan. Da kommt uns die kleine Zwangspause wegen Westwind und Monsterschwell ganz gelegen.
Allerdings scheitert unser erster Versuch mit dem Fährentrick: Der auch noch notwendige elektronische ESTA Antrag, war für Gesa nicht durchgegangen. Leider hatten wir das nicht mitbekommen, denn die email mit der entsprechenden Info war in Gesas Spam Folder gelandet, den wir ohne Gesa Laptop nicht einsehen können. Eine Taxifahrt nach Road Town hin und zurück für 56 Dollar ist damit umsonst. Allerdings kaufen wir in Road Town noch einmal im Supermarkt ein. Das Angebot ist mäßig, die Preise dafür astronomisch. Bei 16 Dollar für 250g Kaffee sattelt der Skipper erst einmal auf die Ostriesenmischung um, die sich noch reichlich an Bord befindet.

Schlag nach Norden

Wenn der NE Passat im karibischen Winter auf den kleinen Antillen gut etabliert ist, dann folgen auf Perioden mit Winden zwischen 3 und 5 Beaufort regelmäßig mehrere Tage mit Starkwind, der in Böen 30kn erreicht, also Windstärke 7. An den Kaps der hohen Inseln ist der Wind durch Eckeneffekte verstärkt. Zusammen mit dem Strom, der mit 0.5 bis 2 Knoten durch die Passagen läuft entstehen Bedingungen, die man durchaus als sportlich bezeichnen kann. Die kleine Crew der Zora findet das wenig attraktiv und wartet deshalb die ruhigeren Perioden ab um weiter nach Norden zu segeln. Allerdings gibt es nicht auf allen Inseln geeignete Ankerplätze um während der Starkwindperioden sicher und komfortabel zu liegen und abzuwarten. Dadurch wird die Reiseplanung zum Puzzlespiel: Wann soll man wo losfahren und wo kann man dann sicher und attraktiv abwarten? Ende Februar wollen wir gerne auf den Virgin Islands sein um sowohl dort als auch für Puerto Rico ausreichend Zeit zu haben. Immerhin sind wir schon 43 Tage unterwegs und es verbleiben noch 47 Tage bis Gesa mit Ada von La Romana in Richtung Kiel abreisen soll.

So entsteht der Plan einen längeren Schlag nach Norden zu segeln und dann auf St. Barts oder St. Maarten auf angenehme Bedingungen für die Anegada Passage hinüber zu den Virgins zu warten. Das bedeutet aber auch: Wir müssen einige Inseln „auslassen“. Einige davon sind sicher interessant: Montserrat zum Beispiel mit seinem aktiven Vulkan aber auch Statia und Saba, die noch wenig vom Tourismus erfasst sind. Aber bekanUntlich kann man nicht alles haben und wir konkretisieren unsere Pläne: Von Point-à-Pitre auf Guadeloupe wollen wir zunächst nach Süden um Basse-Terre herum und dann auf der Leeseite der Insel wieder nach Norden. Von dort geht es dann via Montserrat, Nevis, St. Kitts, Statia und Saba nach St. Barts oder Sint Maarten, alles zusammen ca. 190 Meilen, für die wir 30 – 35 Stunden planen. Unser Helfer von der Werft, Ian Henry aus Dominica, möchte gerne mitfahren, denn er will nach Sint Maarten, wo es viel Arbeit gibt. Dem Skipper ist das ganz recht, denn das bedeutet zusätzliche Crew, falls die Bedingungen doch rauer werden sollten.

Allerdings is diese Aktion ist nicht ganz legal, denn Ian hat nur ein Seefahrtsbuch und keinen Pass. Das ist auch der Grund, warum er nicht per Flugzeug reisen kann. Die rechtliche Lage wird mit dem frisch zum Hamburgischen Rechtsanwalt in einer Seerechtskanzlei akkreditieren Sohn Jakob diskutiert und dann trotz rechtlicher Bedenken beschlossen. Gesa betrachtet das allerdings alles mit Sorge, zum Einen wegen der zu erwartenden Bedingungen auf See und zum Anderen wegen der rechtlichen Konsequenzen. Sie entscheidet schließlich, die Strecke nach Norden doch mit dem Flugzeug zu bewältigen und das Segeln Ian und dem Skipper zu überlassen. Als der Wetterbericht ein geeignetes Fenster verspricht, wird die Abreise auf den 15. Februar festgesetzt. Der Skipper holt Ian mit dem Beiboot von Land, klariert aus und wenig später ist Zora unterwegs. Draußen vor der geschützten Bucht von Pont-à-Pitre weht es mit fünf bis sechs Stärken aus E und die Welle ist aufgrund der komplizierten Tiefenverhältnisse recht rau. Aber nachdem einige Meilen in Richtung auf die Iles des Saintes zurückgelegt sind, wird das Segeln angenehmer.

Ian Henry aus Dominica am Ruder der Zora

Es geht zunächst um die Südspitze von Guadeloupe herum. Dazu gehen wir vor den Wind und baumen den Klüver aus. Unter vollen Segeln rauschen wir mit durchweg 8 – 9 Knoten durch die See, gesteuert zuverlässig von unserer Windpilot, die den Klüver nicht ein Mal einfallen lässt. Bei Pointe du Vieux-Fort bietet sich und ein kurioses Bild: Während wir auf 2-3 m hohen Wellen surfen, liegt wenige hundert Meter vor uns ein Kat völlig ruhig vor Anker. Und in der Tat: innerhalb weniger Bootslängen verschwindet die Welle schlagartig. Wir sind im Lee der Insel. Der Kontrast könnte dramatischer kaum sein. Im Lee wird allerdings auch der Wind launig. Immer wieder kommen heftige Böen von den hohen Berghängen, die uns mächtig wegkrängen. Dazwischen herrscht Flaute. Wir rollen den Klüver weg und motorsegeln. Ian steht an der Pinne und der Skipper kocht Kaffee. Als die dampfende Tasse gerade dem Rudergänger im Cockpit gereicht wird, fällt eine kräftige Böe ein. Mit dichtgeholtem Groß und ohne Vorsegel ist das Schiff völlig aus der Balance. Der Skipper saust nach oben um die Großschot zu lösen, Ian versucht mit aller Kraft das Schiff auf Kurs zu halten und der Kaffee? Der Inhalt der Tasse fliegt in hohem Bogen über Bord…

Aber unser Kurs in Richtung Montserrat führt uns zunehmend aus dem Lee von Guadeloupe heraus und der Wind wird stetiger. So vergeht der Nachmittag und gegen 17:00 stehen wir querab von Deshaies im Norden von Guadeloupe, wo wir die Schiffe eng beieinander vor Anker liegen sehen. Der Skipper entscheidet, vor Einbruch der Dunkelheit ein Reff ins Groß zu ziehen, denn der Wind ist kräftig und die Aussichten in der Dunkelheit auf dem Vorschiff herumzuturnen sind nicht so einladend. Ohne Klamotten nur in Unterhose turnt der Skipper nach vorn, denn es ist dort inzwischen ziemlich nass. Die Sachen trocknen rasch, aber sind hinterher voller Salz. Ian hält derweil zuverlässig Kurs und bedient die Großschot.

Kurz nach 18:00 geht die Sonne unter und es wird rasch dunkel. Ian nimmt die erste Wache und der Skipper legt sich aufs Ohr. Als der nach drei Stunden wieder im Cockpit auftaucht, sind wir bereits wenige Meilen vor Montserrat. Gespenstisch hebt sich der dunkle Vulkankegel gegen den atemberaubenden Sternenhimmel ab: Im Süden der Insel gibt es keinerlei Lichter und auch keine Seezeichen, denn aufgrund der vulkanischen Aktivität musste alles aufgegeben werden. Nur ganz im Norden der Insel sieht man in der Nacht einige Lichter auf engem Raum zusammengedrängt. Bis Mitternacht ist nun der Skipper auf Wache. Der nutzt die Muße um seine Kenntnis der Sternbilder aufzufrischen. Denn unsere Windsteuerung hält zuverlässig Kurs und es ist kaum Verkehr.

Der Himmel ist so dunkel und die Luft so klar, dass man die Lichter der umliegenden Inseln gut sehen kann: Guadeloupe im Süden, Antigua im Osten, St. Kitts und Nevis im Norden, alle zwischen 30 und 40 Meilen entfernt. Hoch im Zenith steht der Orion und im Norden, niedrig und mit der Deichsel teilweise unter dem Horizont, Ursa Major, der große Wagen. Auch Polaris steht niedrig und erinnert daran, dass wir hier 40 Grad südlicher sind als in Deutschland. Kurz vor Ende der Wache geht dann im Süden Cygnus, der Schwan auf, den man in unseren Breiten im Sommer hoch am Himmel sieht. So vergehen die 3 Stunden der Wache wie im Flug, besonders da man es sich unter der Sprayhood liegend sehr bequem machen kann. Man sollte nur nicht der Versuchung erliegen einzuschlafen, aber das ist während der ersten Wache kein Problem.

Schwieriger wird da für den Skipper die zweite von 03:00 bis 06:00, denn nun schlägt die Müdigkeit ordentlich zu. Zora steht schon zwischen Nevis und St. Kitts. Durch die 5 Meilen breite Lücke zwischen diesen Inseln pustet es ordentlich hindurch und erfordert die einen oder anderen Korrekturen an der Windsteuerung. Ein Passagierfahrzeug läuft lange fast parallelen Kurs mit nur 6kn und kommt näher. Schließlich greift der Skipper zum Mikrofon und fragt nach, ob man uns auf der Steuerbordseite eigentlich wahrgenommen hat. Der Wachoffizier bestätigt das pflichtschuldig mit starkem russischen Akzent. Aber kurz darauf beschleunigt der Dampfer, ändert seinen Kurs und fährt in sicherem Abstand vor uns durch. Der Skipper hat starke Zweifel, dass der uns wirklich auf dem Schirm hatte.

Um 08:00 erreichen wir die Lücke zwischen Statia und St. Kitts und gehen hoch an den Wind um im sicheren Abstand vor der Leegerwallküste zu passieren. Diesem Manöver fallen leider die Pancakes zum Opfer, mit deren Zubereitung der Skipper etwas zu spät im Lee von St. Kitts begonnen hatte. Bei 35 Grad Lage und 3m Welle zieht es der Skipper vor nicht mehr mit dem heissen Fett zu hantieren. Aber die Sonne scheint, der Wind ist günstig und in der Ferne erkennt man bereits die Umrisse von St. Barth und St. Martin, beide noch mehr als 30 Meilen entfernt. Ian singt Lieder und erklärt, dass er so seinen Widerstand gegen die korrupte Regierung in Dominica ausdrückt. Er erzählt Geschichten von Korruption, Elend, Mord. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit Crews auf Derlivery-Törns nach Europa, von Kameradschaft an Bord und davon, dass die Kameraden, kaum an Land, von ihm, dem schwarzen Mann nichts mehr wissen wollten. Und er erzählt, dass er von seinem ersten Geld in St. Martin eine Motorsäge kaufen will, mit der er sein Haus auf Dominica wieder aufbauen kann. So vergeht die Zeit im Flug und am frühen Nachmittag segeln wir schon im Lee von St. Martin. Wenig später liegen wir vor Marigot auf der französischen Seite der Insel vor Anker. Ian ist ungeduldig und will rasch an Land: Er muss sich noch eine Unterkunft besorgen und es ist bereits 16:00. Am Dinghi Dock wartet Gesa bereits. Ein Händedruck und Ian ist auf und davon. Ob er wohl die Einladung auf ein Bier an Bord noch wahrnehmen wird in den nächsten Tagen? Wir wünschen ihm jedenfalls viel Erfolg bei seinem Bemühen in Dominica wieder auf die Beine zu kommen.

//WL2K Zweiter Seetag

Wir sind nun den zweiten Tag auf See. Der Passat weht mit 15 – 20 kn aus SE und wir können mit halbem Wind auf Bermuda zuhalten. Von den 830 Meilen liegen bereits 150 hinter uns. Es ist tagsüber sehr warm, sowohl im Cockpit als auch unter Deck. Da der Wind immer noch leicht vorlich kommt, wollen wir die Luken auf dem Vorschiff nicht öffnen. Der Skipper hat der Crew versprochen, dass es jeden Tag ein Grad kühler wird auf unserem Weg nach Norden. Im Moment freuen wir uns noch darüber. Aber es ist uns auch klar, dass wir auf dem Rückweg sind. Das stimmt ein bisschen wehmütig. Die letzten Tage in der Republica Dominicana waren erlebnisreich und anstrengend. Vor allem das Problem mit unserem Motor hat an den Nerven gezerrt. Der Skipper hat lange Zeit gezweifelt, ob unser Motor noch einmal laufen würde. Aber Dank der Hilfe ganz vieler ist die Geschichte am Ende gut ausgegangen: Da war als Erster der Hafenmeister, Eduardo, der uns den geeigneten Mechaniker besorgt hat. Jakob hat in Hamburg einen gebrauchten aber überholten Zylinderkopf aufgespürt und ihn dann spät Abends nach der Arbeit an einem Freitag aus Rerik abgeholt. Rahel hat den 13kg schweren Aluminiumklotz verpackt in ihrer Reisetasche untergebracht. Einige Goodies, die sie für unsere Reise besorgt hatte, mussten deshalb zuhause bleiben. Eduardo hat noch einmal seine Überzeugungskraft eingesetzt, nachdem Rahels Gepäck verspätet ankam und der Zoll auf unser Ersatzteil aufmerksam wurde. Björn Spiekermann ist mit dem Skipper noch einmal nach Punta Cana gefahren und hat mit seinem Spanisch beim Kampf im Behördendickicht unschätzbare Dienste geleistet, so dass wir am Ende den Zylinderkopf ohne Gebühren durch den Zoll bekamen. Schließlich hat der Mechaniker, Carela Dilson, mit seinem Lehrling Morito 12 Stunde fast ohne Pause durchgearbeitet alles wieder zusammen zu bauen. Am Ende waren die Nerven noch einmal besonders gefordert: Die Maschine war schon wieder vollständig und Carela begann Kühlmittel einzufüllen. Da lief das Wasser einfach an der Vorderseite der Maschine heraus. Der Skipper dachte, das sei nun das endgültige Aus. Er packte die Crew ins Auto und fuhr nach Samana um erst einmal etwas zu essen. Als wir dann zurück waren, saßen Carela und Morito grinsend im Cockpit und forderten den Skipper auf die Maschine zu starten. Unsere wiederbelebte grüne Eminenz sprang sort an, lief eine Stunde zur Probe und funktionierte auch am Folgetag ohne zu Mucken. Was Carela am Ende getan hat um die letzten Probleme zu lösen, haben wir nicht erfahren. Aber wir sind ihm unendlich dankbar für seinen Einsatz und seine Hilfe. Samana und die Dominikanische Republik werden in sehr guter Erinnerung bleiben.

//WL2K Das Wunder von Samana

Es ist 21:02 lokaler Zeit. Wir segeln mit einem Schrick in den Schoten mit Kurs Nord. Ziel Bermuda. Unsere aktuelle Position ist etwa 35 Meilen nördlich von Kap Samana zwischen der Navidad und der Silver Bank. Dass wir jetzt hier segeln, ist das Wunder von Samana, denn erst gestern Abend um 20:00 nach vielen Mühen, Verwicklungen und Arbeit lief unser grüner Schwede wieder. Heute vormittag hat er uns dann problemlos eine Stunde lang gegen den Wind aus der Bucht von Samana geschoben. Mehr kann dazu jetzt nicht gechrieben werden, denn der Skipper ist auf Wache und sollte nicht zu viel Zeit vor dem PC zubringen. Nur noch dies: Es geht uns gut und wir haben ruhige Passatbedingungen. Die Bewegung macht unser aller Mägen noch etwas zu schaffen. Aber trotzdem haben alle an Bord gut und ausgiebig gespeist. Wir melden uns morgen wieder mit etwas mehr Details.
Eine gute und ruhige Nacht wünschen Rahel, Marcel, Bjoern und Tobias

Die Helden von Toplicht oder die Freuden von Petroleum

Sendung aus Hamburg-Bahrenfeld nach Point-à-Pitre mit Ledermanschette für den Taylor Petroleumkocher

Der Skipper erinnert sich an folgende Begebenheit von vor vielen, vielen Jahren: Mit einer alten kleinen Holzyacht war die ganze Familie, zwei Erwachsene und vier Kinder, Anfang Oktober auf der Elbe nach Cuxhaven gesegelt. Eigentlich sollte es durchs Watt nach Büsum gehen, oder, falls das Wetter ein Einsehen haben sollte, gar um die Sände herum in die Eider. Aber das Wetter war so, wie es um diese Jahreszeit in Norddeutschland eben ist: An eine Reise durch die Außenelbe war mit diesem Schiff und dieser Crew nicht zu denken.

Noch dazu muckte der sonst eigentlich ganz zuverlässige Primus Petroleumkocher und das Essen für die vielen hungrigen Mäuler an Bord konnte nur noch auf einer Flamme zubereitet werden. Nun gab (und gibt) es in Cuxhaven einen großen Schiffsausrüster am Fischereihafen. Dem Vater und Skipper war somit nicht bange, dass man ein geeignetes Ersatzteil für den Kocher dort beschaffen könne. Doch weit gefehlt: Auf die Frage nach einer Ventilnadel für einen Primuskocher antwortete der ansonsten sehr freundliche und umgängliche Verkäufer: „So´n Schiet hebb wi nich mehr. In Medem dor kanns du welche finn. De hebb de Lüt buten geworfen!“ Trotz dieser Erfahrung wurde viele Jahre auf der guten alten Mollymauk mit Petroleum gekocht und der Ruß an der Decke der winzigen Pantry im Winter mit Ammoniak beseitigt.
Als wir im Frühjahr 2014 der alten hölzernen Dame Lebewohl sagten und auf die für unsere Verhältnisse riesige Rode Zora umzogen, schreckte uns dann auch nicht der dort eingebaute Petroleumkocher. Ganz im Gegenteil: Denn das war kein 50 Jahre altes Teil aus weißem Emaille mit allerlei abgesprungenen Ecken. Nein, an Bord von Rode Zora gibt es einen echten Taylor aus Edelstahl und Messing, kardanisch aufgehängt, getrenntem 15l Petroleumtank und einem Backofen. Einen solchen Kocher findet man zum Beispiel als eines der Ausstellungsstücke bei der Firma Toplicht in Bahrenfeld, wo dann allerdings auch ein sehr beachtliches Preisschild daran baumelt.
Die ersten Erfahrungen mit unserem neuen Kocher waren allerdings gemischter Natur: Die Kinder, inzwischen junge Erwachsene und gute Segler, konnten zwar das große neue Schiff sicher durch Hollands Kanäle steuern, aber beim ersten Kontakt mit dem Taylor wäre die Zora um ein Haar ein Totalschaden geworden. Nur der beherzte Einsatz des Feuerlöschers durch den zukünftigen Schwiegersohn rettete das Schiff. Allerdings war danach ein halber Tag Putzen notwendig und beim Eintreffen des Skippers kochten die Kartoffeln vorsichtshalber auf dem Dieselofen (was selbst an einem Apriltag in Holland den Salon auf sehr mollige Temperaturen bringt).
Eine Überholung und sorgfältige Einweisung der Crew in die Feinheiten des Petroleumkochens folgte und wir konnten danach unbeschwert eine Reise durch die Ostsee bis nach Oslo unternehmen, ohne dass das Schiff in Flammen aufging oder die Mägen knurren mussten. Erst die Reise im folgenden Jahr durch die Nordsee nach Schottland und zurück über Norwegen offenbarte ein neues Problem: Die in Hamburg gebunkerten 15l Edelpetroleum mit dem Name „Esso Blue“, in Hamburg sehr bequem bei Toplicht zu bekommen, waren nach ausgiebigem Backen und Kochen der Damencrew in Norwegens Fjorden aufgebraucht und die anreisende Herrencrew mit Skipper Jakob verbrachte 2 Tage erfolglos auf der Suche nach Ersatz in Norwegens Hafenstädten. Die Firma Toplicht rettete den Segeltörn, indem sie 10l Petroleum per Expressfracht nach Haugesund ins dortige Touristenbüro expedierte und der hungrigen Crew die warmen Mahlzeiten sicherte.
Für die lange Reise über den Atlantik und zurück war also sorgfältige Planung nötig: Der Kocher wurde noch einmal ordentlich überholt, die Brenner wurden gegen die inzwischen erhältlichen und sehr zuverlässigen Hansabrenner ausgetauscht, drei zusätzliche vollständige Hansabrenner kamen ins Ersatzteillager und 50l Petroleum wurden an Bord genommen. Eine Freundin kommentierte das mit den Worten, wir müssten jetzt eine rote Flagge fahren, denn wir seien ein Gefahrguttransporter. Von diesen 50l Petroleum waren auch noch 20 Liter an Bord als die Karibikcrew in Martinique das Schiff übernahm. Dass diese Menge nicht bis Hamburg reichen würde, war natürlich klar, aber irgendwo zwischen Fort-de-France und Santo Domingo würde sich bestimmt etwas auftreiben lassen. Zur Not könnte man auch mit „Jet-Fuel“ kochen, war der Tipp eines Petroleumspezialisten in Hamburg.
Und in der Tat: In einem riesigen Carrefour auf Martinique fand der Skipper tatsächlich Kanister mit der Aufschrift „Pétrole“ und einem Bild eines Petroleumofens…
Doch was musste der Skipper bemerken, nachdem die kostbare Flüssigkeit aus Martinique (deren Preis in der Tat den von Rum übersteigt) in den Tank gefüllt war? Die Druckpumpe, noch vor Abreise überholt, funktioniert nicht mehr: Sowohl die kleine Ledermanschette am Pumpenkolben als auch das Druckventil am Fuß erfüllten nicht mehr ihren Dienst. Es ließ sich kaum Druck aufbauen und der wenige erreichte Druck ließ Petroleum am Pumpenschaft nach oben spritzen.
Was tut der genervte Skipper in dieser Lage? Er schreibt eine Email an Toplicht mit der Bitte um Ersatzteile, denn ausgerechnet diese kleine Ledermanschette ist natürlich nicht im Ersatzteillager und ebenso nicht das Bodenventil. Eine Suche in einem der lokalen Ausrüster muss man erst gar nicht versuchen. So kommt die kleine Ledermanschette zuverlässig und schnell von Toplicht versandt per Post in die Marina auf Guadeloupe und das Bodenventil wird mit einer Feder aus einem Kugelschreiber und einem Stück Gummi von einem O-Ring aus der Grabbelkiste repariert. Nun faucht er wieder unser Taylor, läßt Wasser in wenigen Minuten zum Kochen kommen und sorgt auch für frisches Brot und köstliche Aufläufe aus dem Backofen. Ein Hoch auf Petroleum und auf die Helden von Toplicht!

P. S. Neulich lief uns ein Amerikaner über den Weg mit völlig verklärtem Gesicht, weil es ihm gelungen war seine Gasflasche vor Ort befüllen zu lassen. Seine Worte: „I managed something great today“.

Knistern in der Bilge

Der Kran ächzt und knarrt. Der Kranfahrer, auf Französisch „Grutier“, macht ein ärgerliches Gesicht und fummelt an seiner Fernbedienung. Aber alles umsonst. Jedesmal, wenn der vordere Gurt den Kiel einen halben Meter angehoben hat, gibt es einen Alarm wegen Überlast und der Kiel sinkt langsam wieder zu Boden.

Der Skipper erklärt dem Grutier, dass am Morgen desselben Tages das Schiff ohne Probleme aus dem Wasser gekommen sei. Da sei die Lastverteilung zwischen vorne und hinten anders gewesen. Das Schiff habe weiter hinten in den Schlingen gehangen. Der Grutier hört nicht zu sondern versucht ein Stück zu fahren, während das Schiff langsam zu Boden sinkt. Wir sollen jeweils rechtzeitig einen Holzklotz unter den Kiel schieben. Nach zwei Versuchen, die uns nur wenige Meter voran bringen aber das Schiff in furchterregendes Schaukeln versetzen,  hat schließlich der Grutier ein Einsehen: Das Schiff wird nochmal aufgepallt, die Schlingen werden um einen halben Meter verschoben und danach kann Zora ohne weitere Schwierigkeiten zu Wasser gehen.

Doch die Geschichte sollte von Anfang an erzählt werden: In unseren ersten Tag an Bord auf Martinique war uns aufgefallen, dass man in ruhigen Momenten, z. B. am Abend vor Anker, ein eigenartiges Knistern aus der Bilge hören konnte. Es hörte sich an wie wenn jemand die kleinen Blasen von Luftpolsterfolie platzen läßt, ein Hobby übrigens, dem Gesa mit Leidenschaft nachgeht. Ein solches Geräusch hatten wir an Bord bisher nicht gehört. Der Skipper hatte sich darüber eine Weile den Kopf zerbrochen und das Knistern dann als das Ergebnis von vielen Schraubengeräuschen in weiter Ferne interpretiert. Irgendwann stellte natürlich auch Gesa die Frage, was das Geräusch wohl sein könne und der Skipper antwortete spontan: „Das sind die kleinen Muscheln, die am Rumpf wachsen.“ Denn in der Tat begann sich unser Schiff einen Bart zuzulegen, der schneller zu wachsen schien als der im Gesicht der Besatzung.

Zora hat sich einen Bart zugelegt, der besonders abends knistert!

Die Tradewind Crew hatte unterwegs an einem Flautentag das Schiff noch einmal ordentlich geschrubbt und auch der Skipper hatte nach der Ankunft auf Martinique beim Baden die Schrubberbürste geschwungen. Aber 15 Tonnen Schiff haben eine ziemlich große Oberfläche und unsere blinden Passagiere außenbords hatten auch gar nicht die Absicht sich einfach vertreiben zu lassen. So reifte der Plan an einem geeigneten Ort an Land zu gehen und die Unterwasserfarbe zu erneuern. Diese war nämlich schon einige Jahre alt, nicht für tropische Gewässer gemacht und Zoras letzter Landaufenthalt lag schon zwei Jahre zurück. Vielleicht sollte man auch mal die Anoden kontrollieren, die Ruderlager schmieren und eine generelle Inspektion durchführen.
Der Hafen in Point-à-Pitre schien für diese Übung ideal. Denn dort gibt es eine ordentliche Werft mit viel Infrastruktur und gleich eine ganze Reihe Ausrüster bei denen wir Material erwerben wollten. Einziges Hindernis: In der Capitainerie erklärte man uns, die Werft sei auf Wochen ausgebucht. Man wolle uns allenfalls auf die Warteliste setzen.
Nachdem der Wetterbericht für die kommenden Tage ein ordentliches Windfeld vorhersagte mit teilweise über 30 Knoten, entschloß sich die Crew, dass man ja mal ein paar Tage warten könne. Vielleicht würde sich eine Möglichkeit ergeben. Dann drehte der Skipper noch eine Runde durch die Werft. Nach zwei Tagen Warten hatte sich an der Warteliste nichts verändert, allerdings bekamen wir den Rat doch mal direkt mit dem Vorarbeiter zu reden. Vielleicht ginge da ja was. Und in der Tat: Nach etwas Klönschnack, gutem Zureden auf Französisch und der Versicherung, dass wir tatsächlich nur 8 Stunden benötigten, hieß es: Kommt morgen früh um Acht. Einen Helfer zum Kärchern etc. müssten wir aber selber organisieren.
Dieser Helfer war schnell gefunden, denn am Hafen hatten wir bereits mit Ian aus Dominica gesprochen, der sich mit allerlei Gelegenheitsarbeiten an Schiffen über Wasser hielt, ein weiteres Opfer von Hurricane Maria. Ian sagte sofort zu und stand dann auch pünktlich am nächsten Morgen am Schiff. Natürlich konnten wir nicht wie versprochen um 8:00 kranen, denn vorher mussten noch allerlei Schiffe wieder ins Wasser gesetzt werden.

Zora auf Werft in Pont-à-Pitre

Aber um 10:00 stand Zora dann tatsächlich sehr sorgfältig aufgepallt an Land. Und zur Überraschung der meisten neugierigen Mitstreiter der umliegenden Schiffe war Zora auch tatsächlich rechtzeitig fertig um pünktlich wieder zu Wasser zu gehen. In nur etwas unter 6 Stunden hatte die Crew der Zora zusammen mit Helfer Ian das Schiff gekärchert, trocknen lassen, mehrere Stellen grundiert, den Propeller gebürstet, die Anoden gereinigt, die Ruderlager abgeschmiert und dann komplett gemalt. Die Zeit reichte sogar noch um mittags eine Pizza zu essen und am Nachmittag gemütlich mit Ian im Cockpit einen Kaffee zu trinken und den anderen beim Arbeiten zuzuschauen.

Ian und Tobias haben Zora gemalt

Tja, fast perfekt, wäre da nicht die Tatsache, dass durch die heftigen Kranmanöver unser Windgenerator gegen die Traverse geditscht war und nun neue Flügel fällig sind. Immerhin hat die Werft die Kosten dafür erstattet. Fragt sich nun nur wie wir auf Guadeloupe an neue Blätter für unseren Silentwind gelangen.
Ach ja, das Knistern: Das ist nun tatsächlich nach dem Reinigen und Malen verschwunden! Jetzt haben wir einige Tausend blinde Passagiere weniger.

Zora fertig gemalt mit edlen 4 l Seahawk Island 77 auf der Haut

Inselausflug

Die Crew der Zora hat es geschafft ein Mietauto zu ergattern. Ja, das ist tatsächlich eine Leistung, denn in der Karibik ist Hochbetrieb, alle Marinas voll, die Autos vergeben und selbst die Ankerplätze manchmal knapp. Eine Unzahl Telefonate, vom Skipper in gepflegtem Französisch geführt, bringen kein Ergebnis. Erst der Ausflug ins Internet lässt uns fündig werden: Bei einer lokalen Agency am Flughafen gibt es tatsächlich noch einen kleinen Toyota, den wir für einen Tag bekommen. Also auf zum Airport! Das geht in der Tat mit dem Bus, aber in der Marina weiß keiner wo und wann der fährt, denn wer fährt schon mit dem Bus: Die Crew einer Swan aus Oslo sitzt vor der Capitainerie mit ihrem Gepäck und wartet offensichtlich auf ein Taxi, während wir losstiefeln um das öffentliche Verkehrsmittel zu suchen… und sogar finden! Darauf sind wir einigermaßen stolz. Aber die Leute hier sind freundlich und hilfsbereit, besonders wenn man sich mit ihnen auf Französisch unterhält.

Die Busfahrt für ganze 1,20 Euro dauert ein Weilchen, denn jede mögliche Schleife auf dem Weg zum Airport wird ausgefahren. Gesa ist ganz nervös und glaubt wir hätten die Haltestelle vielleicht gar verpasst. Aber nein: Pünktlich um 10:00 hält der Bus vor dem Terminal, das riesengroß und ziemlich verlassen ist. Wenig später haben wir auch unseren Autoschlüssel und werden zu unserem Autochen hingefahren, das sauber und wenig gefahren auf uns wartet.

Wir entscheiden uns für eine Runde um den westlichen Teil von Guadeloupe, genannt Basse-Terre. Dieser Teil ist gebirgig und man soll im großen Nationalpark in den Bergen sehr schön wandern können. Der östliche Teil von Guadeloupe ist eher flach und landwirtschaftlich genutzt. Zwischen Basse-Terre im Westen und Gros-Terre im Osten verläuft die Rivière Salé, die im Prinzip befahrbar ist mit bis zu 1,8m Tiefgang. Da wollten wir eigentlich hindurch um dann weiter nach Antigua zu segeln. Die Passage ist ein bisschen kompliziert, aber im Detail im Standardführer von Patuelli gut beschrieben. Leider haben wir allerdings in der Marina erfahren, dass die zwei Brücken seit drei Jahren kaputt sind und nicht mehr öffnen. Wann sie repariert sein werden weiß niemand… Guadeloupe gehört zwar zu Frankreich, liegt aber doch näher an Südamerika als an Europa!

Mit dem Auto überqueren wir vom Flughafen kommend die Rivière Salé und können sehen, dass der Weg durch die Mangroven sicher sehr reizvoll gewesen wäre… Die Fahrt geht weiter vorbei an einer Unzahl von Einkaufszentren und Autohäusern ehe die Straße in Richtung Inselinneres abknickt. Überhaupt finden wir die Anzahl von Autos auf diesen Inseln verblüffend! Rasch bleibt jetzt dieser Teil der Zivilisation hinter uns und es geht in den Nationalpark mit atemberaubend schöner tropischer Vegetation. Wo immer es abseits der Straße etwas zu sehen gibt stehen viele kleine weiße Autos am Straßenrand (In der Karibik scheinen alle Mietautos klein und weiß zu sein) Ab und zu ist auch ein Reisebus zu finden von einem der Cruiseliner, die in Point à Pitre im Hafen liegen.

Unser erster Stopp gilt dem Wasserfall Cascade aux Ecrevisses, zu dem man auf einem gepflasterten Weg flaniert. Am Wasserfall ist es voll, aber nur einige Meter weiter am Fluss endet der Touristenstrom und man glaubt sich allein in einer tropischen Idylle.

An der Cascade des Ecrevisses, Rivière Bras David

Etwas weiter die Route de la Traversée entlang stoßen wir auf die Maison de la Forêt, von wo wir durch den tropischen Wald wandern. Es sieht aus wie die Kulisse zu  Djungle Book: Baumriesen bewachsen mit Lianen und allerlei anderen Schlingpflanzen. Der Weg führt über ein Netz von Wurzelwerk im Halbdunkel durch das nur an wenigen Stellen die Sonne blinzelt. Am allerhöchsten Punkt hat einer der Stürme ein Guckloch in den Wald geschlagen, so dass wir die umliegenden Berge erahnen können.

Kulisse zu Djungle Book auf Guadeloupe

Weiter geht es auf die Leeseite der Insel, wo wir bei einer kleinen Strandbar köstliche Bokits zu Mittag speisen. Das sind Sandwiches mit Hühnchen oder Fisch, das Brötchen aus besonderem Teig in der Fritteuse zubereitet. Das Baden im Meer wird aufgrund der gefüllten Mägen verschoben und wir rollen weiter auf der Küstenstraße entlang in Richtung Vieux Fort an der Südspitze der Insel. Hier im Osten der Insel ist wenig Tourismus, die Orte klein und wenig spektakulär.

Am späten Nachmittag erreichen wir Vieux Fort, wo sich wieder der Atlantik bemerkbar macht. Vom kräftigen Passat und dem mächtigen Schwell hatten wir hinter der Insel nichts mitbekommen. Hier hat man auch einen wunderschönen Blick auf die Isles des Saintes, von denen wir vor wenigen Tagen hierher gekommen sind.

Blick auf die Isles des Saintes

Vor der Rückfahrt nach Point à Pitre entdecken wir noch ein tolle Badestelle mit feinem Sand, einer grünen Wiese zum Liegen unter hohen Palmen und köstlichem Sorbet aus Cocosmilch, das in einer handbetriebenen Maschine mit Eiswürfeln als Kühlmittel auf Wunsch hergestellt wird.

Der Tag endet mit dem Großeinkauf im Carrefour in Point-à-Pitre. Denn auch dafür ist das kleine Mietauto ideal: Es fährt große Mengen an Trink- und Essbarem direkt bis an den Steg der Marina. Wir nutzen die günstige Gelegenheit und bunkern in großem Stil, denn die Einkaufsmöglichkeiten auf den französischen Inseln sind deutlich besser als anderswo.

Der goldene Käfig

Die Zora verlässt St. Pierre am Montag morgen kurz nach 09:00. Erst um 08:00 macht das Office de Tourisme auf, in dem man ausklarieren kann.  Bei stetigem Ostwind und Kurs SSE geht es unter der Küste von Martinique nach Süden in Richtung St. Lucia. Dort wollen wir erst einmal die Marina in Rodney Bay ansteuern und uns über St. Lucia erkundigen. Von den Bridoux’s haben wir allerlei Gruselgeschichten von Überfällen und Diebstahl gehört.

Südlich der Pointe du Diamant mit dem eindrucksvollen Roche du Diamant beginnen wir die Atlantikdünung zu spüren. Der Passat ist heute eher mild gestimmt und ohne den Druck im Rigg werden die ersten Meilen im St. Lucia Channel etwas holprig. Gesa findet das gar nicht witzig und begibt sich mit einer Tablette Tavor unter Deck. Als wir schließlich frei sind von Martinique nimmt der Wind wieder zu, wird stetiger und die Welle gleichmäßig. Gegen 17:00 laufen wir in die Rodney Bay ein und mit Sonnenuntergang sind wir in der Marina fest. Dort werden wir von einem Deutsch-Kanadischen Ehepaar, Hans und Nancy freundlich begrüßt. Die beiden laden uns auch gleich für den nächsten Abend auf ein Bier.

Am nächsten Morgen ist Einklarieren angesagt: Ausfüllen unzähliger Formulare mit Durchschlägen und klassischen Blaupapier. Dann Stempel, Stempel, Stempel und wir dürfen uns auf St. Lucia frei bewegen. Diese Freiheit nutzen wir gleich aus und wandern an der Bay entlang zu Pigeon Island, einem Felsen am Eingang der Bucht wo abwechselnd Franzosen und Engländer ihre Kanonen aufgebaut hatten. Heute ist dort ein wunderschöner Park für dessen Besuch man einige „Eastern Carribbean Dollars“ hinlegen muss.

Ach ja, Eastern Carribbean Dollars: Daran müssen wir uns erst einmal gewöhnen. Die gelten auf den meisten unabhängigen Inseln und sind fest an den US Dollar gekoppelt. Die Verwirrung entsteht, weil immer mal wieder auch Preise in US Dollar ausgezeichnet sind, insbesondere beim Schiffsausrüster. Da liegt dann ein Faktor 3 zwischen Erwartung und Wirklichkeit.

Beim Spaziergang zurück zur Marina schlendern wir durch das farbenfrohe Gros Islet Village um dann wieder durch das bewachte Gate in die Marina zurück zu kehren. Die ist in der Tat ein goldener Käfig mit Pool, Restaurants, Cafes, Schiffsausrüster, Bootsreinigern, Wäschefrauen und natürlich saftigen Preisen.

Blick über Rodney Bay von Pigeon Island

Wie diese merkwürdige Welt funktioniert, lernen wir etwas besser verstehen nach unserem netten Abend mit Hans und Nancy. Auch Lothar ist gekommen. Er lebt 80-jährig allein auf seiner Nauticat und pendelt je nach Jahreszeit und Wetter zwischen den Inseln. Für die Einwohner der Inseln haben Hans und Lothar wenig Respekt. Hans hat ein Leben lang in Afrika gearbeitet und davon wenig Positives über die Menschen dort zu berichten. Dieselbe Meinung hat er auch von den Menschen in der Karibik, die nicht hinter hohen Zäunen bewacht und geschützt von der Wirklichkeit vor Ort leben.

Zora vor Anker in Marigot Bay auf St. Lucia

Einen weiteren Teil dieser  Wirklichkeit bekommt dann auch die Zora am nächsten Tag beim Einlaufen in Marigot Bay  zu spüren: Wir werden von Boat Boys und Obstverkäufern ich ihren Schlauchbooten drangsaliert, die uns beim Festmachen helfen wollen, ihre Ware andrehen und allerlei Ratschläge erteilen. Alles natürlich gegen EC$, versteht sich.  Bei der gleichzeitig einlaufenden 70 Fuss Oyster sind sie wohl nichts geworden: Die Bordwand ist einfach zu hoch und die Jungs in ihren Crew T-Shirts wirken zu muskulös…

Les Delices de la Martinique

Die Zora liegt auf der Reede von St. Pierre unter dem Mt Pelé, der im Jahr 1902 in einer einzigen Explosion die gesamte Stadt vernichtet hatte. Seinen Gipfel kann man selten sehen, denn der ist in die vielen Wolken gehüllt, die sich, vollgesaugt mit warmem Atlantikwasser,  über der Insel abregnen. St. Pierre war eine Empfehlung der Bridoux’s: Alles Nötige vor Ort ohne den Trubel von Fort de France und die Touristen im Süden der Insel. Ach ja: Den Pelé besteigen wollten wir ja auch.

Bis heute sieht man die Zeugnisse der Kathastrophe von 1902: Zwischen den Häusern an der Hauptstraße finden sich immer noch geschwärzte Ruinen. Der „Pyroclastic Flow“, die rasende, viele hundert Grad heiße Aschewolke, hat nur die Grundmauern stehen lassen. Von den 20000 Einwohnern der Stadt, die damals als Paris der Karibik galt, überlebte nur der einzige Strafgefangene in seiner fensterlosen Zelle. Auch von den zahllosen auf Reede liegenden Schiffen sanken die meisten. Sie liegen heute noch dort in einem wohl betonnten Reservat. Im Jahr 2018 ist St Pierre eine Kleinstadt am Wasser mit viel Leben am Morgen, die allerdings nach 18:00 in gespenstische Ruhe fällt.

Die Crew der Zora mietet sich in St. Pierre ein Auto, um auch das Innere von Martinique zu erkunden und die Atlantikküste zu besuchen. Und natürlich um den Ausgangspunkt für die Besteigung de Pelé zu erreichen. Zunächst geht es über eine winzige Straße durch die Berge. An den Hängen finden sich Gärten, Bananenplantagen und Felder mit Zuckerrohr. Ganz oben Urwald mit riesigen alten Bäumen, bewachsen und undurchdringlich. Alles vom Regenwasser tropfend, das immer wieder in heftigen Güssen niedergeht.

Mangrovenwald auf der Halbinsel La Caravelle

Auf Luvseite der Insel wandern wir um die Halbinsel La Carvelle, durch Mangrovenwälder.  Die Ostseite von Martinique ist teilweise durch ein vorgelagertes Riff von der Atlantikbrandung geschützt. An einigen Stellen aber rollt sie ungebremst ans Land und bricht dann mit atemberaubendem Donnern gegen das Land. Besonders eindrucksvoll ganz im Norden bei Grand Rivière, wo die Straße endet und die Silhouette von Dominica 10 Meilen nördlich durch den Dunst scheint.

Grand Rivière

So durchquert und genießt die Crew die schöne Insel. Der Pelé bleibt unbestiegen, denn er entblößt sich nicht seiner Wolkenkappe… Nur am Morgen unseres Abreisetages ist er plötzlich frei. Da haben wir kein Auto mehr und wollen auch weiter nach Süden, nach St. Lucia.

Bucht von St. Pierre mit Mt. Pelé