Nachbemerkung: Zwei Wege um den Atlantik

Seit Wochen haben Ausläufer des Azorenhochs Mitteleuropa fest im Griff. Es ist heiß und windstill: Kein Wetter, das zum Segeln auf der Elbe motiviert. Noch dazu vermissen wir die Weite des Atlantiks, den mächtigen Puls des großen Ozeans mit Welle und Wind, die sternklaren Nächte und das Leuchten der Hecksee in der Dunkelheit. Uns fehlt der Rythmus der Wachen, das einfache Leben an Bord und das Glücksgefühl wenn nach Tagen auf See das Land am Horizont auftaucht. Alles das können wir auf der Elbe nicht erleben.
Trotzdem brechen wir an diesem Wochenende auf: Morgens um 09:00 werfen wir in Wedel die Leinen los. Unter Maschine fahren wir vier Stunden bis Brunsbüttel. Dann kommt ein wenig Wind und wir setzen die Segel. Zuerst können wir gerade den Tonnenstrich in Richtung Ostemündung anliegen. Aber der Wind nimmt zu und dreht ein wenig nördlich. So segeln wir schließlich mit Kurs West an der Oste vorbei in Richtung Nordsee.

Rode Zora auf der Elbe

Inzwischen ist der Strom gekentert und von Cuxhaven kommen uns die ersten Segler entgegen, die den Tidenwechsel abgewartet haben. Da, zwischen vielen weißen Segeln ein hohes schwarzes Rigg, das rasch näher kommt. Deshalb sind wir heute hier.

Class 40 „Red“ kommt von achtern auf

Wir gehen über Stag und laufen wieder zurück in Richtung Brunsbüttel. Der hohe schwarze Segler wird uns rasch einholen. Und in der Tat, wenige Minuten später zieht die Class 40 „Red“ mit Speed in Lee an uns vorbei. Sie kommt von Bermuda und hat gerade die „Atlantic Anniversary Regatta“ des NRV vollendet. Freudiges Winken auf beiden Seiten, ordentliches Tröten auf der Zora, Fotos hier und da und ein kurzer Austausch per Whatsapp. Dann ist die Red schon fast ausser Sichtweite.

Class 40 „Red“ zieht mit Speed in Lee vorbei

In Samaná hatten wir uns kennengelernt und einige Tage gemeinsam in der gastfreundlichen Marina Puerto Bahia verbracht. Etwa eine Woche vor uns ist die Red dann von Samaná in Richtung Bermuda aufgebrochen und hat für die 850 Meilen unter vier Tage gebraucht. Mit einem Schmunzeln erinnern wir uns daran, wie der Racer mit 15 Grad nach Steuerbord krängend den Hafen verlassen hat. An Bord hatte man konstante östliche Winde erwartet und entsprechend umgestaut. Ohne derartige Maßnahmen folgt Zora eine Woche später und braucht für die gleiche Strecke etwa 7 Tage, allerdings unter etwas weniger günstigen Bedingungen. Auf Bermuda liegt Zora in Dockyard wenige Meter von der Red entfernt, deren Crew allerdings schon wieder nach Europa gejetted ist. Für sie geht es erst im Juli mit der NRV Regatta weiter. Zu dieser Zeit ist Zora schon wieder in Hamburg und ihre Crew setzt sich mit den Höhen und Tiefen des Alltags auseinander.
Mittels Yellow Brick Tracker und NRV Blog nehmen wir an den Erlebnissen der Red teil. So halten wir unsere eigenen Erinnerungen ans Atlantiksegeln lebendig. Begeistert verfolgen wir die ersten Tage der Wettfahrt, in denen die Red ganz vorne im Regattafeld segelt und die Wertung der Class 40 anführt. Mit Bestürzung erfahren wir aber auch von zwei Kollisionen mit Treibgut und einem Wal, die einen Zwischenstopp auf den Azoren erzwingen. Schließlich freuen wir uns sehr, dass die Red nach etwas mehr als einer Woche weitersegeln kann. So erreicht sie etwa 12 Tagen von Horta die sommerliche Elbe.
Am Ende haben die Crew der Red und die Crew der Zora in einem Jahr den Atlantik umsegelt, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Auf der Red gibt es keine Toilette, keinen Kühlschrank, keinen Backofen, keinen elektrischen Staubsauger und keine Fahrräder. Alles dreht sich um Speed und entsprechende Gewichseinsparung. Auf Zora dagegen wir viel gekocht und gebacken und das eine oder andere Segelmanöver um ein paar Stunden verschoben, damit man in der Nacht nicht auf dem Vorschiff herumturnen muss. Meistens fährt die Zora auch ganz alleine, nur von ihrer Windsteuerung auf Kurs gehalten. Die Wache im Cockpit muss sich dann Mühe geben nicht nur in den grandiosen Sternenhimmel sondern gelegentlich auch mal nach vorne zu schauen. Am Ende aber sind beide Schiffe mehr als 10000 Meilen gesegelt auf dem großen Ozean mit Welle und Wind, mit atemberaubenden sternklaren Nächten, dem Leuchten der Hecksee in der Dunkelheit und dem Glücksgefühl, wenn nach vielen Tagen auf See das Ziel an Land vor dem Bug erscheint. Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben an Bord und dem Rythmus der Wachen wird uns so schnell nicht wieder loslassen…

Red auf dem Atlantik

 

Zora auf dem Atlantik

Finale auf der Elbe

Nach zwei Tagen auf Helgoland verlassen wir am Donnerstag, den 28. Juni um 0800 die rote Insel. Es geht auf den Weg  nach Hamburg die letzten Meilen die Elbe aufwärts. Der Wetterbericht verspricht NE 4 und strahlenden Sonnenschein. Wir stellen uns auf eine schnelle Reise mit Tide und Wind ein. Doch zunächst kommt der Wind eher aus NW und kann auf der Nordsee nur leichtes Kräuseln bewirken. Wir haben keine Eile, denn in Hamburg werden wir erst am Freitag Abend erwartet. Wir steuern auf die Perlenkette in die Elbe ein- und auslaufender Schiffe zu und genießen das warme sonnige Wetter. Langsam verschwindet der rote Felsen hinter uns.

Markus sitzt an der Pinne während wir schließlich das gut betonnte Fahrwasser der Außenelbe erreichen. Nun geht es außerhalb des Fahrwassers am nördlichen Tonnenstrich entlang. Die Inseln Scharhörn und Neuwerk ziehen vorbei. Auslaufend kommt uns ein riesiges Kranschiff, die Innovation, entgegen. Sie ist auf dem Weg zum Windpark Borkum Offshore II. Jörg meint, dort werde die zweite Ausbaustufe verwirklicht. Die Innovation hat das Fundament für eines der gewaltigen Windräder, einen Tripoden aus Stahl, geladen.

Kranschiff Innovation in der Außenelbe auf dem Weg zum Windpark Borkum Offshore II

Der Wind will immer noch nicht so recht und so muß El Motor wieder helfen: Hier auf der Außenelbe sollte man nicht manövrierunfähig herumtreiben, denn von allen Richtungen kommen Schiffe. Vor allem die Krabbenfischer sind heute in großer Zahl bei der Arbeit. Erst querab Cuxhaven bekommen wir soviel Wind, dass wir den Motor abstellen können. Nun sind wir allerdings fast drei Stunden hinter unserem ursprünglichen Zeitplan: Das Ziel Glückstadt wäre nur noch gegen den Tidenstrom erreichbar. Das ist bei Spring auf der Elbe mühsam, wie sich 3 Meilen vor Brunsbüttel bestätigt. Die Tide ist gekippt und läuft uns mit 3 Knoten entgegen. Mit 3 Knoten über Grund motoren wir dagegen an. Kurz erwägen wir in den tidenabhängigen alten Hafen von Brunsbüttel einzulaufen, aber der Wasserstand fällt schon seit über 2 Stunden und im Hafenpriel wollen wir nicht steckenbleiben. Wir entscheiden uns für den Kanalhafen und schleusen in den NOK. Wenig später flanieren wir durch das Örtchen Brunsbüttel auf der Suche nach einer netten Kneipe.
Am Abend kommt dann noch Rahel aus Hamburg mit dem Rennrad nach Brunsbüttel. Sie hat 80km zurückgelegt um uns zu begrüßen. Am nächsten Morgen geht´s dann zum aller letzten Schlag. Allerdings müssen wir diesmal, anders als am Vortag, ordentlich lange auf die Schleuse warten. Nach eineinhalb Stunden sind wir endlich wieder auf der Elbe unterwegs. In Glückstadt laufen wir kurz in den Hafen ein. Dort wartet Jakob am Steg mit Anzug und Krawatte. Er hat an diesem Tag im Glückstädter Büro von Ince gearbeitet und möchte für die letzten Meilen an Bord kommen. Rahel steigt mit Rennrad aus, denn sie hat am Abend noch eine Verabredung in Hamburg. Jakob hat offensichtlich den Wind mitgebracht.

Während wir elbauf segeln, kommen uns zahllose Hamburger Segler auf dem Weg ins Wochenende entgegen. In der Hafeneinfahrt von Wedel kommt es dann fast noch zu einer Kollision, denn die auslaufenden Schiffe wollen keine Sekunde ihres Wochenendes aufgeben und missachten unser Wegerecht als einlaufendes Schiff. Aber diese Aufregung legt sich rasch und wir machen um 1830 direkt an der Brücke zur Westanlage des Hamburger Yachthafens fest.

Zora macht im Hamburger Yachthafen in Wedel fest

Dort winken Gesa und Götz Nietsch. Götz überbringt Glückwünsche von der SVAOe und Gesa hat einen ganzen Fahrradanhänger voller Getränke und Köstlichkeiten dabei. Mit einigen Freunden und Bekannten, die an diesem Abend noch vorbeikommen, lassen wir so den Tag ausklingen. Dann machen wir uns auf den Weg in die Elbchaussee. Dort wartet ein richtiges Bett. Der Skipper und Schreiber dieser Zeilen ist sehr gespannt, wie es sich darin schläft, denn in den vergangenen 6 Monaten hat er nur eine Nacht an Land verbracht in einem Hotel in der Domrep. Und in dieser Nacht hat er nicht besonders gut geschlafen.
So endet nach einem Jahr und 19 Tagen und mehr als 10000 gesegelten Meilen rund um den Nordatlantik diese Reise und natürlich auch dieser Blog. Wir sind sehr dankbar für die vielen Erlebnisse unterwegs,  und dafür, dass wir ohne Schäden und Verletzungen wieder zuhause sind.

//WL2K 300 Meilen über die Nordsee

Wieder piepsen, zwitschern, fiepen, dudeln und quaken verschiedene Handys aus allerlei Kojen schon um 0530. Wir wollen mit der Tide los zum letzten größeren Schlag über die Nordsee. Bis Elbe 1 sind es noch 300 Meilen. Das kommt uns fast wie ein Katzensprung vor, nach tausenden Meilen über den Atlantik. Aber die Nordsee hat andere Reize zu bieten: Windparks, Verkehrstrennungsgebiete, wechselhaftes Wetter, Ölplatformen, dichten Schiffsverkehr. Da können 300 Meilen noch eine echte Herausforderung werden. Besonders Wetter und Wind lassen keine allzu einfache und rasche Fahrt erwarten. Am Tag zuvor hat noch ein waschechter Nordweststurm über der Nordsee getobt. Unsere Quellen in Hamburg berichten, dass viele Äste von den Bäumen gekommen sind. Jetzt dehnt sich ein Hoch von den Britischen Inseln nach Osten aus und bringt schache umlaufende Winde. Nur vor den Friesischen Inseln soll es noch eine Weile NW geben, was für ein flottes Finale gut sein könnte. Zuerst aber müssen wir raus aus dem Kanal und der Straße von Dover. Bei strahlendem Sonnenschein werfen wir die Leinen los. Im Vorhafen warten wir eine Weile auf die Freigabe zum Auslaufen. Eine Stunde später liegen die weißen Klippem von Dover, von der Sonne angeleuchtet in unserem Kielwasser. Die ersten Meilen sind ruhig und gemütlich. Platt vor dem Wind mit ausgebaumtem Klüver schaukeln wir in Richtung NE immer außen am TSS Dover Strait entlang. Navigation kann man anhand der parallel laufenden Schifffahrt betreiben: Immer 2 Meilen Abstand halten. Dann ist alles gut. An Backbord zieht ein Windpark nach dem anderen an uns vorbei. Jörg weiß allerlei zu berichten über die Technik und insbesondere über Konstruktion und Fertigung der Rotorblätter. Am späten Nachmittag schläft dann der Wind, wie erwartet, ein und El Motor muss helfen. Der läuft dann bis 2300. Früher als erwartet setzt Nordwind ein, mit dem wir gerade unseren Kurs halten können. So wird die Nacht viel besser als erwartet. Mit ausreichend Lage, so dass wir gerade gut in den Leesegeln liegen, kommen wir gut voran. Alle 6 Stunden pendelt der Speed zwischen 7 und 3 Knoten, je nachdem ob die Tide mit oder gegen uns läuft. Am Vormittag unseres zweiten Seetages stehen wir querab von Ijmuiden, wo wir 2014 zum ersten Mal mit Zora auf die Nordsee hinausgesegelt sind.

//WL2K Nebel im Kanal

Die letzte Etappe der Atlantikrunde beginnt am 9. Juni um 6 Uhr in der Frühe. Die nächste Crew, Jörg, Markus und Tyll sind am Tag zuvor aus Hamburg angereist, das Schiff ist wieder verproviantiert, Diesel ist gebunkert und der Wassertank ist gefüllt. Das günstige Wetterfenster für den Besuch der Isles of Scilly ist nur kurz geöffnet. Am Sonnabend soll es günstigen NE Wind geben. Schon für den folgenden Sonntag sieht es aus nach Flaute im Englischen Kanal. Also nichts wie los! Wir verlassen tatsächlich pünktlich die Marina du Chateau. Auf der Rade de Brest begrüßt uns ein pechschwarzer Himmel und im Hintergrund blitzt und donnert es mächtig. Wind ist erstmal kaum, aber da der Strom durch den Goulet de Brest mitläuft, lassen wir uns ohne Motorgeknatter in Richtung Atlantik treiben. Relevant ist erstmal nur der Beginn des Flutstroms im Canal du Four, der gegen 8:30 einsetzt und bis 14:30 läuft. Bis dahin haben wir genug Zeit. Das Gewitter verfolgt uns bis zur Isle Ouessant, bringt keinen Wind, spendiert aber zum Schluß einen ordentlich Regenschauer. Erst als dieser ausgestanden ist, kommt der Wind. Jetzt läuft die Tide kräftig in den Kanal, der Wind bläst dagegen und produziert eine tolle Kabbelsee. Der Englische Kanal macht seinem Ruf alle Ehre. Das bringt die Mägen der neuen Crew ordentlich in Bedrängnis und einer nach dem anderen muss sein Frühstück hergeben, einer, mangels Erfahrung mit dieser Maläse, sogar nach Luv. Details werden hier nicht wiedergegeben. Aber Zora läßt sich von der See nicht beeindrucken und prescht mit Druck in den Segeln nach Nordwesten. Dabei schaufelt sie ordentlich Wasser an Deck, das dann die Bescherung auf dem Seitendeck auch schnell wieder beseitigt. So geht es zügig voran und der ETA kurz vor St. Mary´s liegt noch vor Mitternacht. Das ist natürlich zu früh, denn bei Dunkelheit wollen wir auf keinen Fall in die Inselwelt der Scillies mit ihren zahllosen Steinen einlaufen. Der Wetterbericht läßt vermuten, dass das aber nicht so eintreten wird, denn der Wind soll abnehmen und nach Norden drehen. Zunächst aber ist das Verkehrtrennungsgebiet „Off Ushant“ zu queren, durch das die großen Pötte wie an einer Perlenkette aufgereiht sind, einmal von Süden nach Norden und ein paar Meilen weiter von Norden nach Süden. Damit das auch recht interessant wird, spendiert der Kanal Nebel. Trotz der hohen Verkehrsdichte fädeln wir uns ohne Schwierigkeiten zwischen den großen Schiffen hindurch. Gegen Abend, etwa auf halber Strecke ist dann plötzlich der Nebel weg und die Sonne kommt heraus. Markus hat es inzwischen in seine Koje geschafft und bleibt dort bis wir am nächsten Morgen ankommen. Tyll, Jörg und der Skipper bestreiten die Nachtwachen. Wir rollen den Klüver weg und reduzieren so unseren Speed ausreichend um in der Helligkeit anzukommen. Mit dem ersten Licht kommt dann der Nebel zurück und diesmal so dicht, dass man die Windex und die Laterne auf dem Masttop kaum mehr erkennen kann. Der Skipper überlegt schon, ob wir vielleicht in Richtung Lands End abdrehen sollen. Da hebt sich mit Sonnenaufgang der weiße Schleier und wir gleiten in die Ankerbucht „The Cove“. Um 07:30 Bordzeit fällt der Anker. Um uns herum scheint noch alles zu schalfen Northwest Territories find phone , den vor Ort ist es ja erst 06:30. Der Nebel hat einen leichten Dunst zurückgelassen, in dem die Inseln zu schweben scheinen. Nur leichtes Geplätscher und Vogelgezwitscher ist zu hören. Welch eine Idylle!

//WL2K Komplette Runde

Heute, am 2. Juni 2018 am frühen Morgen, auf 47 Grad 45 Minuten Nord und 006 Grad 35 Minuten West kreuzt Zora ihren Ausgangskurs vom 3. Juli 2017, 2000. Damit ist die Atlantikrunde von etwa 8000 Meilen in etwas unter 11 Monaten komplett. Am 3. Juli 2017 waren Jakob Haas und Denis Buhrmann auf dem Weg von Falmouth nach A Coruna, das sie in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli erreichten. Die aktuelle Crew hat um 1200 UT 1085 Meilen seit Ponta Delgada auf Sao Miguel, Azoren, in 10 Tagen zurückgelegt. Trotz ausgedehnter Flauten beträgt das aktuelle Etmal 108 Meilen. Während 79 Stunden lief die Maschine. So besteht die Hoffnung, dass die Crew ihren Flieger am morgigen Sonntag noch erreichen kann.

//WL2K Finale mit Sonne

Der Tag beginnt für den Skipper mit der 0100 Wache. Es ist vollkommen windstill. Der Fast-Vollmond scheint über eine ölige Wasserfläche und wirft Schatten im Cockpit. Nur wenige ganz helle Sterne sind zu sehen. El Motor rackert seit Stunden brav vor sich hin. Da unser eiserner Gustav seinen Geist aufgegeben hat, darf gesteuert werden. Aber Jochen, der sonst ganz scharf aufs Steuern ist, läßt sich um diese Tageszeit dann doch nicht motivieren. Also steuert der Skipper selber. Die Stunden verstreichen und gegen 0300 beginnt es im Nordosten hell zu werden. Am Ende der Wache ist es vor dem Bug orange-rot vom bevorstehenden Sonnenaufgang und hinter dem Heck blau-scharz von der vergehenden Mondnacht. Bärbel übernimmt um 0400 und findet dieses Himmelsschauspiel krass. Wenn dem Skipper nicht so kalt wäre, würde er auch noch aufbleiben und diese Beleuchtung bis zum Sonnenaufgang genießen. Doch die warme Koje übt stärkere Anziehungskraft aus und er verkriecht sich unter Deck. Als er um 0900 wieder herauskommt, sitzt Jochen im strahlenden Sonneschein an der Pinne. Wind gibt es immer noch nicht, aber die Sonne entschädigt einigermaßen. Es sind jetzt noch ca 150 Meilen bis Brest und wenn nichts dazwischenkommt, wie zum Beispiel Gegenwind, dann sollten wir in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni dort sein. Immehin soll es am Abend und in der Nacht etwas winden, bevor sich dann am kommenden Tag wieder die Flaute über die Biskaya senkt. Bisher haben wir auf diesem Törn schon 74 Motorstunden eingesammelt und es könnten am Ende 100 werden. Richtig guten Wind zum Segeln haben wir immer nur für ganz wenige Stunden gehabt. Bemerkenswert, wie ruhig es hier draußen sein kann! Westlich von uns hat sich zwar ein kräftiges Tief gebildet, aber selbst das scheint schon wieder am Zerfallen zu sein. Nun, da wir fast da sind, ist uns das nun egal. Immerhin verspricht die Ankunft in Brest bei Flaute, Nieselregen und im Dunkeln abzulaufen. Das wäre dann das Sahnehäubchen auf dieser Törn-Torte!

//WL2K Grau und Mau

Gestern Abend sollte eigentlich laut Wetterbericht ordentlicher Westwind einsetzen. Stattdessen gab´s erst einmal Südost und Nieselregen. Erst in der Nacht gegen 0200 kommt dann der SW allerdings mit viel weniger Wumms als erhofft. Da wir in der Dunkelheit nicht auf dem Vorschiff mit dem Spibaum hantieren wollen, fahren wir erst einmal so hoch, dass der Klüver auch auf der Leeseite steht. Morgens bei Wachwechsel setzen Jochen und der Skipper dann den Baum. Dabei wird der neue Spibaumbeschlag auch gleich wieder verbogen… Der Wind ist anfangs ok und wir kommen einigermassen voran aber schon bald wirds wieder mau und wir machen gerade mal 3 kn vor dem Wind. Dabei schlagen die Segel erbärmlich in der Welle. Die gute Nachricht: Es sind noch 200l Diesel im Tank. Die Schlechte: wir werden sie wahrscheinlich brauchen, denn für die verbleibenden 270 Meilen bis Brest sind ähnliche Bedingungen, grau und mau vorhergesagt. Wir steuern, schlafen und essen und versuchen uns bei Laune zu halten. Dann am Nachmittag die große Überraschung: Sonne und (etwas) Wind. Vom Wind immerhin so viel, dass es mit knapp 4 Knoten voran geht. Vielleicht kann uns ja das Wetter noch ein paar ähnliche nette Überraschungen bieten.

//WL2K Dieselglück

Die Nacht hindurch ist Zora unter Maschine unterwegs. Immer mal wieder regt sich zwar der neue strahlend schwarz-gelbe Stander, den der Skipper in Ponta Delgada hochgezogen hat (nachdem vom Vorgänger nur noch etwa die Hälfte übrig war), aber der Hauch von Wind reicht nicht um messbaren Vortrieb zu generieren. So erträgt die Besatzung den Lärmpegel und kommt auch damit klar, dass gesteuert werden muss, wenn die Maschine läuft. Das gleichmäßige Geratter scheint den Schlaf sogar befördert zu haben, denn alle sind schon vor neun auf den Beinen und machen einen ausgeruhten Eindruck. El Motor knattert unbeeindruckt seit 20 Stunden vor sich hin, nibbelt bescheiden an seinem Treibstofftank und schiebt uns je nach Seegangsverhätnissen bei 1600 Umdrehungen mit 4 – 6 Knoten Richtung Brest. Bis dorthin sind es zurzeit noch 370 Meilen. Der Skipper wagt sich erstmals mit einer vorsichtigen Prognose für die Ankunft aus der Deckung und spricht vom 4. Juni. Bis dahin sind noch ein Tag Westwind, eine längere Beinaheflaute und eine sportliche Zielkreuz zu erwarten. Vor allem vor der Zielkreuz scheint einigen an Bord ein wenig bang zu sein. Der Skipper beruhigt mit den Worten: Ein Reff ist Groß, Luken dicht und unten durch! Wenn´s denn all zu hart wird, können wir auch in einen der südlicheren Häfen in der Bretagne ausweichen… Wie es im Detail werden wird, scheint auch in den Prognosen noch unsicher zu sein, die je nach Tageszeit und Wetterquelle bekommen wir da verschieden Infos.

//WL2K Fliegende Teller

Die Crew hat ein köstliches Abendessen zubereitet: Guacamole als Vorspeise und Pasta mit einer Sauce von Thunfisch und Oliven. Sogar die Sonne schaut hinter den Wolken hervor, um sich dieses Festmahl nicht entgehen zu lassen. Aber offensichtlich ist Neptun ein wenig neidisch: Niemand hat ihm etwas von den Köstlichkeiten abgegeben. Der Skipper stellt seinen Teller hinter dem Cockpit aufs Deck. Da sieht Neptun seine Chance gekommen. Er schickt eine fiese kleine Welle, die Zora schüttelt sich einmal ärgerlich und der Teller begibt sich auf eine ballistische Bahn, die im Wassergang endet. Zwar bleibt der Teller an Bord, doch die Nudeln liegen übers Deck verstreut und dem Skipper bleibt nichts übrig als sie über Bord zu befördern. Voilà, Neptun hat seinen Teil bekommen. Tja, heute früh war der Nebel von gestern plötzlich wie weggeblasen und die Sonne kam heraus. Allerdings war auch der Wind dann weg und El Motor musste 7h mit 1400 Umdrehungen unser Segeln unterstützen. Es war immerhin soviel Wind, dass PeFö steuern konnte, denn unser Eiserner Gustav hat seine Dienste quittiert. Obwohl der Skipper das Ding nochmal auseinandergenommen hat und alle Kontakte kontrolliert, glaubt Gustav, dass es nur eine Kompassrichtung gibt, nämlich 12 Grad. Wenn man von unserer Positon konsequent 12 Grad steuert, dann kommt man wahrscheinlich nach Spitzbergen. Ist das vielleicht, wo Gustav hin will? Wir finden es schon auf 44 Grad Nord recht frisch und haben erst mal kein Bedürfnis nach mehr Kälte! Ahh und eine Sache gibt es auch noch zu berichten: Irgendwann heute Nacht haben wir die halbe Strecke zwischen Ponta Delgada und Brest bewältigt, 575 Meilen. Zurzeit sind es noch 453 Meilen bis Brest. Wir rechnen erstmal konservativ mit 100 Meilen pro Tag. Das hieße dann, dass wir am 3. oder vielleicht am 4. dort ankommen werden. Allerdings erwarten wir noch eine Menge Flaute und Gegenwind am Ende… Also wollen wir mit den Prognosen vorsichtig sein. Newfoundland find phone

//WL2K Kuchen im Nebel

Der Skipper hat sich am Abend mit Kopf- und Ohrenweh und einer Portion Paracetamol in die Koje gehauen. Die Crew hat in der Nacht spontan die Wache aufgeteilt und dem Skipper eine volle Nachtruhe gegönnt. Dafür ist der sehr dankbar, denn der Schlaf hat die Kopfweh vertrieben. Das Wetter ist anti-tropisch: Kühl und diesig. Immer mal wieder sieht man die Sonne schemenhaft durch den Nebel. Aber zum Nachmittag hin gewinnt das Grau den Wetterwettkampf dieses Tages. Nebel hüllt uns grau, dunkel und feucht ein. Die Sicht beträgt vielleicht noch 500m. Aber hier draußen ist das kein Grund zu großer Sorge: Auf dem AIS ist weit und breit nichts zu sehen. Und wir geben entsprechend auch kein Lang-kurz-kurz mit der Tröte alle 2 Minuten. Besser die Ohren spitzen und die Lampen einschalten. Die guten Nachricht des Tages ist unser Etmal mit 146nm. Das ist das Beste was wir auf dem Törn seit Ponta Delgada geschafft haben. Und in der Nacht werden wir wahrscheinlich die Hälfte der Strecke nach Brest zurückgelegt haben. Im Vorgriff auf dieses Event gibt´s Mandelkuchen und heiße Getränke. Die Plätze im Cockpit achtern bleiben allerdings leer: Alles drängt sich unterm Omazelt, alias Sprayhood, und auf der Niedergangstreppe.