Die Zora liegt auf der West-Seite von Puerto Rico in der kleinen Marina Puerto Real und wartet auf günstige Bedingungen um die Mona Passage hinüber zur Dominikanischen Republik zu queren. Puerto Real ist ein Fischerdorf, wo die Fischer eindrucksvolle Fänge anlanden.
Tigersharks
Der Wetterbericht verspricht für die Ostertage angenehmes Wetter. Die verbleibenden Tage wollen wir nutzen um Puerto Rico zu erkunden und haben dazu ein Auto gemietet.
Strand in Boqueron, PR
Zunächst fahren wir nach Boqueron etwas südlich von Puerto Real. Am wunderschönen Strand verbringen wir einen Vormittag. Anfangs sind wir dort ganz allein, aber gegen Mittag tauchen langsam andere Badegäste auf, richten sorgfältig ihr Stranddomizil ein mit Campingstühlen und Sonnenschirmen und begeben sich dann mit einer Dose Medalla ins Wasser. Wir können uns auch nach drei karibischen Monaten diese Lebensart noch nicht ganz zu eigen machen.
Uns interessiert dagegen die kleine Stadt San German, ein kleines Stück landeinwärts. Die ist nach San Juan die zweitälteste Stadt der Insel und beherbergt die kleine Kirche Porta Coeli, die von den Dominikanern Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet wurde.
Kirche „Porta Coeli“ in San German, PR
Leider ist sie wie so vieles was wir in Puerto Rico besuchen geschlossen. Wir geben uns daher den leiblichen statt den geistlichen Genüssen hin und essen in einem sehr netten Bistro köstlich zu Mittag. Danach erkunden wir die schöne kleine Stadt mit ihren klassizistischen Fassaden und in rotem Backstein gelegten eleganten Straßen
San German, PR
Am nächsten Tag wollen wir in die Berge. Die Wanderschuhe kommen aus der Backskiste und der Rucksack wird gepackt. In der Cordillera Central soll es viele wunderschöne Möglichkeiten geben. Zunächst aber müssen wir ein paar Kilometer mit dem Auto zurücklegen. Es geht nach Osten, vorbei an den Orten, die wir schon vom Wasser kennen, Parguera, Guanica, Ponce und Jobos. Bei Jobos biegt die in Richtung San Juan ab in Richtung Norden und quert das Gebirge. Oben auf der Passhöhe biegen wir auf die Ruta Panoramica ab und fahren in Richtung Aibonito.
Bosque Toro Negro: Leider sind alle Wanderwege gesperrt
Uns dämmert, dass es mit unserer Wanderung schwierig werden könnte, denn hier oben haben wieder die Hurricanes Maria und Irma große Schäden angerichtet. Vermutlich sind die Wanderwege noch nicht wieder geräumt. Leider bestätigt sich dieser Verdacht dann auch im Bosque Toro Negro, wo tatsächlich alle Wege gesperrt sind.
Bosque Toro Negro vom Hurricane zerzaust
Immerhin gedeihen jetzt die Blumen im Unterholz, nachdem die Kronen der Bäume verschwunden sind. Gesa ist besonders begeistert von den üppig blühenden Trompetenblumen tief drin im tropischen Wald. Trotzdem sind wir etwas enttäuscht und fahren in die kleine Stadt Adjuntas. Es hat inzwischen heftig zu regnen begonnen und unser Stadtbummel wird entsprechend kurz. Die meiste Zeit verbringen wir in einer Paneteria mit Kaffee und Cupcakes.
Adjuntas, PR
Für unseren dritten Tag haben wir uns einen Besuch beim Radioteleskop in Arecibo vorgenommen. Das Teleskop wurde Anfang der 60er Jahre gebaut und ist bis heute erfolgreich in Betrieb. Es stammt also aus der selben Epoche wie Stony Brook und DESY, einer Zeit, in der viel in die Grundlagenforschung investiert wurde. Über die Jahre ist immer wieder in den Ausbau und die Weiterentwicklung investiert worden. Das wahrscheinlich wichtigste wissenschaftliche Ergebnis in Arecibo war der indirekte Nachweis von Gravitationswellen durch die präzise Messung der Verlangsamung eines rasch rotierenden Doppelsternsystems, eines Pulsars, durch Pulse und Taylor.
Der Weg nach Arecibo ist unspektakulär entlang von Strip-Malls und schließlich durch Wohngebiete. Umso beeindruckender ist dann der Blick von oben in den Reflektor, der in die eigentümliche Karstlandschaft im Nordwesten von Puerto Rico perfekt eingebettet ist.
Arecibo Radio Teleskop
Übrigens auch hier ist man noch dabei die Hurricane Schäden aus dem letzten Jahr zu beseitigen. Der Wind hatte eine der Antennen an der hängenden Plattform abgerissen. Die dunklen Bereiche im Bild sind diejenigen, die noch nicht wieder gereinigt sind.
Von Arecibo wollen wir noch die Camuy Caves besichtigen, aber auch die sind leider geschlossen. So fahren wir direkt wieder zum Boot nach Puerto Real und feiern im Cockpit mit einer Flasche Puerto-Ricanischem Wein den Studienabschluß von Rahel und Lea. Rahel hatte um 12:00 Abgabetermin ihrer Masterarbeit und Lea um 12:30 ihr Master-Konzert! Noch dazu hatte an diesem Mittwoch den 28. 3. 2018 auch Adas Freund Lars seine Bachelor Arbeit in Freiburg abgegeben. Wir sind ein bisschen traurig, dass wir an diesem Tag so weit weg sind.
Am Abend hat die Crew der Zora die letzte Flasche Rotwein an Bord geköpft und ist dann in einen tiefen ruhigen Schlaf gefallen. Es war auch mal nicht so warm unter Deck, gerade mal 27 Grad. Nun dämmert das erste Licht durch das Skylight im Vorschiff und der Skipper will sich genüsslich wieder umdrehen, denn im Hintergrund hört man Geräusche die dem Unterbewusstsein nur allzu vertraut sind. Es trappelt auf Deck als ob tausend Mäuse darüber hinweg liefen. Doch halt! Was ist das? Ist das etwa Regen? Moment mal. Die schläfrigen Gedanken müssen erst einmal geordnet werden, der letzte Traum ins Unterbewusstsein gepackt und dann langsam die Koordinaten bestimmt. Heute ist der 25. März. Regen nicht ungewöhnlich, aber doch ein bisschen warm für März. Oh, wir sind ja gar nicht in Norddeutschland an einem grauen verhangenen Vorfrühlingstag Ende März. Wir sind auf der Westseite Puerto Ricos im kleinen Hafen Puerto Real.
Fischerort Puerto Real
Das muss erst einmal beguckt werden. Im Halbdunkel klettert der Skipper aus der Koje und geht an Deck. Tatsächlich: Langsamer, norddeutscher Landregen. So etwas hatten wir bisher noch nicht erlebt. Auf den Windward Island hat es geregnet, und zwar kräftig, mal mit Wolke und mal ohne, meistens aber nie mehr als 10 Minuten lang fiel Wasser vom Himmel als hätte jemand eine Pütz über uns ausgekippt, das ganze begleitet von ordentlich Böen. Aber alles schnell wieder vorbei. Die salzigen Badehandtücher wurden auf diese Weise regelmäßig gespült und das Deck war immer sauber, ohne das es je geschrubbt worden wäre. Im Sonnensegel sammelte sich dabei so viel Wasser, dass man sich damit problemlos die Haare waschen konnte.
Seit wir Ende Februar von St. Martin in Richtung Westen losgesegelt sind hat es kaum mehr geregnet. Puerto Rico haben wir südlich umrundet. Die Hügel und Berge an denen wir vorbeigefahren sind waren braun und trocken. Nun sind wir auf der Westseite der Insel. Hier ist es grüner, denn über den hohen Bergen kann die Feuchtigkeit in der Passatströmung kondensieren. Wenn diese Wolken langsam aufs Meer driften, bringen sie Regen an die Küste, so wie heute.
Pelikanfrühstück in Puerto Real
Der Skipper braut sich einen Kaffee und setzt sich dann unter die Sprayhood. Es wird langsam hell. Die Pelikane sind Frühaufsteher und haben mit ihrer Morgenmahlzeit begonnen. Auf einer vor Anker liegenden Motoryacht haben sie ihren Ansitz aufgeschlagen. Immer wieder hebt einer von ihnen ab, dreht eine Runde über der Bucht und stürzt sich dann halsbrecherisch ins Wasser. Fast jedes Mal sieht man den Erfolg dieser Kunststücke in der großen Tasche unter dem Schnabel zappeln. Dann gibt’s eine kurze Fresspause und das Spiel beginnt erneut. Wie die Pelikane die Fische aus der Luft finden bleibt ein Rätsel, denn das Wasser ist bräunlich trübe. Das liegt zum einen an den Mangroven, die das Ufer der Bucht bilden, aber sicher auch am kleinen Ort Puerto Real, wo man die Regeln von Marpol nicht kennt oder nicht ernst nimmt.
Die Kulisse ist trotzdem idyllisch. Die kleinen bunten Häuschen am Ufer haben allesamt eine Terasse am Wasser. Wer findet da Anstoß, wenn mal eine Salatschüssel ins Wasser fällt und über die Bucht treibt, oder wenn das Spülwasser oder sonstiges noch weniger appetitliches im Meer landet? Die Fische und die Pelikane scheint es nicht zu stören und die Anwohner dieser wunderschönen Bucht ebenso wenig, denn man sieht sie auch in der trüben Brühe fischen. Uns allerdings verdirbt die Wasserqualität den Badespaß.
Mangrovenidylle in der Bucht von Guanica
Der ist allerdings in den letzten Tagen nicht zu kurz gekommen, denn an unseren letzten Ankerplätzen hatten wir kristallklares, türkises Karibikwasser. Von Ponce aus waren wir gemütlich 15 Meilen bis Guanica an der Küste entlang gesegelt und hatten uns dann tief drin in der Buch hinter den Cayos de Cana Gorda vor Anker gelegt. Eine dieser Inseln ist auch unter dem Namen Guilligan´s Island bekannt. Von einem kleinen Restaurant verkehrt eine Fähre regelmäßig und bringt tagsüber Badegäste. Abends herrscht tiefe Ruhe, abgesehen von der Brandung die vom Mar Caraibe gegen die Außsenseite der Insel läuft.
Guilligan´s Island
Weiter westlich waren wir zum Ort Parguera gefahren. Dort liegen eine Unzahl von kleinen Mangroveninseln hinter zwei Reihen Korallenriffen und schaffen eine riesige ruhige Wasserlandschaft voller Charme. Am ersten Abend lagen wir direkt vor dem kleinen Ort, der offensichtlich ein beliebtes Ausflugsziel in der Umgebung ist. Es gibt dort mehrere Bootsvermieter und man kann Touren mit Kayaks in die benachbarte Bahia Fosforescente buchen. Allerdings rauschen bis spät in die Nacht die Motorboote mit hohem Speed zwischen den Inselchen hindurch und produzieren Lärm, Schwell und Gestank. Deshalb waren wir nach der ersten Nacht etwas weiter weg vom Ort hinter eines der Korallenriffe umgezogen und hatten uns hinter Cayos La Gata vor Anker gelegt. Den Weg dorthin hatten wir mit viel Vorsicht und sehr langsam zurückgelegt, denn die Tiefenangaben in der Karte sind wenig zuverlässig zwischen diesen Inselchen. Diese Vorsicht fanden wir am Nachmittag bestätigt, denn eine größere Badegesellschaft musste ihre Motoryacht von einer Untiefe schieben, auf die sie mit ordentlich Speed gefahren war. Dabei gab es fast noch einen Seenotfall, denn kaum war das Boot in tieferes Wasser gelangt stellte sich heraus, dass zwei Damen gar nicht schwimmen konnten und Hals-über-Kopf gerettet werden mussten. In Puerto Rico scheinen solche Ereignisse dem Alltag anzugehören, denn in jedem Hafen findet man „SeaTow“, eine kommerzielle Bergungsgesellschaft für Sportboote, die gegen einen stattlichen Obulus Freizeitskipper aus mißlichen Lagen befreit. Die Coast Guard wird in solchen Fällen wahrscheinlich nicht tätig: Auf UKW hören wir wie die Coast Guard per PAN PAN Hilfe anfordert für eine gekenterte Yacht vor St. Croix: „30 – 40 Foot boat capsized 4 nautical miles north of Christansted. People are in the water. Vessels in the vicinity are requested to assist.“ Wir waren da mehr als 100 Meilen entfernt und konnten nicht helfen.
In Parguera wären wir gerne noch geblieben. Aber von Norden nähert sich eine weitere Kaltfront, die kräftige NE Winde und nördlichen Schwell bringen soll. Da denken wir es würde entspannter sein das ruhige Wetter zu nutzen um zu unserem Absprungspunkt in Richtung DomRep zu gelangen. Dieser Ort ist Puerto Real mit seiner kleinen Marina, in der wir das Boot sicher zurücklassen können. Wir haben nämlich noch ein paar Tage Zeit und die wollen wir für ein paar Ausflüge ins Hinterland nützen. Und wir wollen noch Diesel und Wasser bunkern, denn wie gut die Versorgungsmöglichkeiten in der DomRep sind, können wir nicht einschätzen.
Ponce liegt auf der Südseite Puerto Ricos auf halbem Weg zwischen Punta Tuna im Osten und Cabo Rojo im Westen. Ponce wollen wir besuchen zumal der Führer von Pavlidis die historische Altstadt als sehenswert anpreist. Ausserdem soll man vor dem Ponce Yacht- und Fishing Club ankern können und dann für eine geringe Gebühr Zugang zu den Annehmlichkeiten dieses privaten Segelclubs bekommen. Auf dem Weg von Salinas nach Ponce wird eine Zwischenstation auf der Isla Caja de Muertos empfohlen. die einige Meilen vor der Küste liegt. Von Salinas ist sie nur 12 Meilen entfernt. Das ist eine ideale Entfernung für Wellness Sailing: nur der Klüver wird ausgerollt. Bei 10 – 15 Knoten Wind reicht das für 4 – 5 Knoten Geschwindigkeit.
Isla Caja de Muertos
Die Insel trägt ihren Namen wohl aufgrund ihrer Form und ist von weitem sichtbar. Ohne erwähnenswerte Ereignisse segeln wir zwischen zwei Cays hinaus auf das Karibische Meer und rollen in 3 Stunden gemütlich auf die Insel zu. Schließlich runden wir die südliche Spitze und lassen unseren Anker im Lee der Insel mit Blick auf den Leuchtturm auf dem höchsten Punkt fallen. In Sichtweite ankern bereits eine Neuseeländische, eine Niederländische und eine weitere Deutsche Yacht. Bisher hatten wir den Eindruck im Süden Puerto Ricos ganz allein unterwegs zu sein.
Am Sandstrand liegt die Fähre „Island Flyer“. Die scheint eine ganze Menge Leute mitgebracht zu haben, die im kristallklaren Wasser planschen oder einfach nur am Strand liegen. Wir warten bis um 16:00 die Fähre abgefahren ist und die Insel menschenleer erscheint um an Land zu gehen. Natürlich wollen wir zum Leuchtturm hinauf. Aber am Weg dorthin steht ein Schild: „Area Peligroso“! Wir nehmen das erst einmal nicht so ernst und wandern weiter durch einen Wald von Kakteen, die mehrere Meter hoch sind. Einige von ihnen sind beim letzten Hurricane umgestürzt, aber offensichtlich wurde der Weg wieder freigeräumt. Trotzdem liegen ausgetrocknete mit Monsterstacheln bewehrte Teile auf dem Weg, um die man sehr vorsichtig herumlaufen muss, Peligroso eben. Schließlich erreichen wir eine Stelle an der der Weg über einen Haufen dieser gestürzten Stachelriesen führt. Man kann erkennen, dass Leute regelmäßig darüber klettern. aber wir sind nicht dafür ausgerüstet: Ein Fehltritt würde uns sofort mit tausenden Stacheln in der Haut bestrafen. Und wir stellen fest, dass sich bereits auf den weniger kritischen Metern hierher, zahllose Stacheln in die Sohlen unserer Schuhe gebohrt haben. Beim Herausziehen fühlen sie sich an wie Stahlnadeln. Enttäuscht kehren wir um und gehen wieder an Bord.
Kaktuswald auf Coffin Island
Leider ist der Ankerplatz sehr unruhig. Die ganze Nacht rollen wir hin und her und das Klappern in den Schränken hält uns wach. Die „Locals“ kennen das wohl, denn sie waren alle kurz vor Sonnenuntergang wieder verschwunden. Wir hauen nach dem Frühstück ab und bringen die letzten 7 Meilen nach Ponce hinter uns. Dort bietet sich uns eine farbenfrohe fröhlich-laute Kulisse.
Optitraining vor Ponce/PR
Vor dem Yachtclub trainiern die Jollen, vom Boardwalk Malecon schallt laute Musik herüber und die Polizei dreht Runden und verteilt Knöllchen an Jetskis. Wir gehen beim Yachtclub an Land. Die Anlage ist riesig, menschenleer und wirkt als habe sie schon bessere Zeiten gesehen. Der Wächter am Tor läßt uns nicht vom Gelände und erklärt wir müssten uns erst beim Office anmelden, das allerdings erst morgen wieder geöffnet sei. Wir versuchen unser Glück deshalb bei den Fischern gegenüber, wo mehr los zu sein scheint und wir fröhlich empfangen werden. Hier ist nun wirklich Volksfest: Die Fischer verkaufen Sardinen mit denen die Kinder Fische und Vögel füttern. Am Boardwalk reiht sich ein Kiosk an den nächsten und jeder scheint seine eigene Live-Musik zu haben. Familien mit Kindern promenieren auf und ab, die Kindern meistens auf irgendwelchen fahrbaren Untersätzen, vom Kinderwagen über Roller, Skateboard bis zum elektrisch angetriebenen knall-pinken Einhorn.
Vögelfüttern mit Sardinen in Ponce/PR
Am nächsten Morgen versuchen wir unser Glück erneut im Yachtclub, diesmal im Büro. Aber dort ist man wenig freundlich und sagt wir sollten eine Box in ihrer Marina nehmen. Das wollen wir nicht und verzichten auf Internet, warme Dusche und Wäschwaschen. Immerhin ruft uns der Wächter ein Taxi, das uns in die Innenstadt zur Plaza de Delicias bringt.
Plaza Las Delicias in Ponce
Hier ist alles sehr gepflegt und renoviert, aber nur ein paar Blocks weiter finden wir wieder Verfall und Müll. Selbst der Weg hinauf zur Cruceta El Vigia, einem Aussichtsturm in Form eines Kreuzes, und zum Castillo Serallès in der Mittagshitze endet in einer Enttäuschung.
Im Stadtzentrum von Ponce
Beide Sehenswürdigkeiten sind geschlossen. Also geht es zurück an Bord, nachdem wir in der Stadt noch ein wirklich spektakulär köstliches Eis gegessen und im Supermarkt die Vorräte ergänzt haben. Morgen wollen wir nach Guanica und hinter den Cayos Cana de Gorda ankern.
Von Puerto del Rey wollen wir früh los in Richtung Westen. Der nächste geeignete Ankerplatz ist 35 Meilen entfernt und liegt hinter einem Korallenriff. Da wollen wir nicht im Dunkeln ankommen. Aber der Skipper hat in der Nacht über einige Merkwürdigkeiten in der Schiffselektrik nachgedacht und möchte nun die Starterbatterie tauschen. Er glaubt das ginge in PDR deutlich einfacher als anderswo, denn hier gibt´s einen Ausrüster, der auch entsprechende Batterien führt und die netten Golfcarts fahren die schwere alte Batterie zum Ausrüster und die neue wieder zum Schiff. Wo bekommt man sonst einen solchen Service? Allerdings macht der Ausrüster erst um 08:30 auf. Pünktlich, wie er meint, steht der Skipper vor der Ladentür, aber nichts regt sich. Irgendwann kommt mal jemand vorbei und deutet an, dass der Laden wohl erst in einer Stunde öffnet. Der Skipper glaubt das liege am lateinamerikanischen Zeitmanagement. Aber er irrt sich. Seine Uhr geht um eine Stunde falsch! Wie das? Unser Wetterbericht auf 8137 kHz SSB aus Miami sendet seit Sonnabend eine Stunde früher. In den USA wurde nämlich die Sommerzeit an diesem Wochenende eingeführt. Außerdem hat sich die Uhr auf Gesas iPhone ebenso um eine Stunde vorgestellt. Da haben wir naiv angenommen auch Puerto Rico habe die Uhren vorgestellt. Aber die ticken hier nur bedingt im Takt von Washington und bleiben einfach in derselben Zeitzone. Also muss der Skipper wohl oder übel abwarten.
Schließlich erscheint der Ladeninhaber pünktlich nach seiner Uhr und der Skipper bekommt die neue Batterie. Die juckelt dann mit dem Golfcart über die Stege von PDR bis zum Liegeplatz und wird auch sofort eingebaut. Dazu muss der Skipper durch die Backskiste in den Maschinenraum unter das Cockpit, eine Tätigkeit die schon in einer Hamburger Bootslagerhalle bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt den Schweiß aus den Poren treibt, ganz zu schweigen bei karibischen 30 Grad!
Auf diese Weise beginnt die Reise heute nicht wie geplant um 08:00 sondern erst um 11:00. Zunächst geht es gegenan nach Osten um die Isla Pineros und die Punta Puerca, dann mit Kurs SW immer an der Ostküste Puerto Ricos entlang in Richtung Punta Tuna. Erste Sehenswürdigkeit ist die ehemalige Naval Base „Roosevelt Roads“. Hier hatte die Navy im zweiten Weltkrieg eine riesige Anlage errichtet um im Notfall die gesamte Britische Flotte aufzunehmen, sollte Hitler tatsächlich Großbritannien besetzen. Diese gigantische Anlage ist inzwischen aufgegeben und nur rostende Kräne lassen erahnen, was hier einmal vorhanden war, zwischendrin trostlos eine kleine Marina, in der noch einige ehemalige Offiziere ihre Booten haben.
Auf Backbord liegt Viequez, das wir leider nicht besucht haben und dessen Silhouette sich eindrucksvoll im Gegenlicht präsentiert. Auf Steuerbord sehen wir im Fernglas die Marina Palmas del Mar, die wir nicht anlaufen wollen, da in der Einfahrt bei der vorherrschenden Windlage die Wellen brechen können. Denn als wir aus dem Lee von Viequez herauskommen bekommen wir wieder ordentlich Welle, ein Gruß aus Martinique meint der Skipper zur Crew, wo zurzeit „Brisk Trades“ vorherrschen, wie sich Chris Parker in seinem hervorragenden Wetterbericht ausdrückt. Während wir so um Punta Tuna, die SE Ecke von Puerto Rico, herumsegeln, bekommen wir Besuch von der Policia, die sich mit einem potenten Rib durch die Welle kämpft. Wir lauschen aufs UKW und beobachten durchs Glas, was die Obrigkeit von uns will und zu tun gedenkt. Doch die winkt nur freundlich und verschwindet achteraus.
Wir nehmen das erleichtert zur Kenntnis und setzen unseren Weg fort, der heute vor dem Örtchen Puerto Patillas endet, einigermaßen geschützt von einem vorgelagerten Korallenriff, das wir sehr aufmerksam und vorsichtig runden. Als wir schließlich rum sind, sinkt die Aufmerksamkeit deutlich ab, so dass uns nicht auffällt, dass wir in viel zu flaches Wasser gelangen. Zwei oder drei satte Rrrums, mit denen unser Kiel auf dem Grund aufsetzt, wecken unsere Sinne wieder. Aber das Problem ist durch beherztes Rückwärtsfahren rasch beseitigt und wir liegen sicher vor Anker. Allerdings ist der Platz nur bedingt Katalog-geeignet. Die seit fast 10 Jahren andauernde Wirtschaftskrise in Puerto Rico hat solchen Orten ordentlich zugesetzt und die einladende Beschreibung im Hafenhandbuch lässt sich nur noch mit viel Phantasie mit der Wirklichkeit in Übereinklang bringen. Noch dazu ist die „Anchorage somewhat rolly“, auf gut Deutsch: Man muss die Bierflasche ordentlich festhalten sonst braucht man sie nicht selber auszutrinken.
In den Mangroven von Bahia de Jobos
Am nächsten Morgen gehts darum ohne viel Gedöns ankerauf und weiter in Richtung Bahia Jobos. Der Passat ist wieder kräftig und die Welle ausgeprägt. Gesa findet das langsam anstrengend und freut sich, dass wir nach nur 4 Stunden wieder hinter ein Korallenriff verschwinden. Wir hätten da auch schon früher sein können. Aber wir verzichten die nicht ausgetonnte Einfahrt „Bocas del Infierno“ zu nutzen, der Name sagt hier, glaube ich, bereits alles. Stattdessen segeln wir 5 Meilen extra und fahren durch die ausgetonnte tiefe und breite Zufahrt für den Hafen von Jobos. Die im Handbuch angepriesene Betonnung besteht allerdings nur aus einem winzigen Tonnenpäärchen und einer ziemlich unscheinbaren rostigen Bake an Land, beides nur mit guten Augen und dem Fernglas zu finden. Aber Navigation in der Karibik ist einfach: immer sichtiges Wetter! So gelangen wir sicher in eine wunderschöne Bucht, in der sich ausser uns niemand befindet. Die Ufer sind dicht mit Mangroven bewachsen. In der Ferne sieht man die Hügel und Berge von Puerto Rico und nur ein Kräuseln kann der Wind auf die Wasserfläche zaubern. Einzig das große Kraftwerk von Jobos im Hintergrund verdirbt ein wenig die Postkartenidylle. In dieser Bucht soll es die besten Hurricane-Holes von Puerto Rico geben, tief drinnen in den Mangroven, wo man sich mit vielen Leinen rundum an den stabilen Wurzeln festbinden kann. Wir erkunden diese später am Nachmittag mit unserem Dinghi, aber selbst für das Dinghi sind die allerletzten Ecken nicht mehr erreichbar: Alles dicht zugewachsen.
Trotz Idylle verholen wir nach einer wunderschönen ruhigen Nacht in die 3 Meilen westlich gelegene kleine Bucht von Salinas. Hier soll es eine Marina geben und einen kleinen Ort. Auch die Bucht von Salinas gilt als Hurricane Hole. Aber hier hat der Schutz beim letzten Mal nicht ausgereicht: Das sehen wir sofort beim Einlaufen. Überall ringsum in den Mangroven sind noch Wracks oder Reste davon. Selbst in der wunderschönen kleinen Durchfahrt zwischen zwei Cays zur Playa de Salinas liegt noch ein Boot auf Grund. Das zerfetzte Rollsegel weht im Wind. Es fällt uns immer wieder schwer zu begreifen, warum dieser Müll nicht beseitigt wird. Wem gehören alle diese gesunkenen Boote und sorgen die Behörden nicht dafür, dass die gehoben und entfernt werden? Oder hat die wieder aufgebaute kleine Bar direkt am Ufer kein Interesse daran, dass der Blick von der wunderschönen Terasse nicht auf einen Müllhaufen geht? Aber, wie gesagt, die Uhren ticken anders hier.
Salinas, PR
Wir erledigen unsere emails, versuchen erneut eine Reservierung in einer Marina in der DomRep zu arrangieren und machen eine kleine Wanderung zum 3km entfernten Salinas. Der Weg dorthin führt erst am Strand entlang und dann durch Wohngebiete, die allesamt mit Mauern und Gittern gesichert sind. Uns befällt Unbehagen wenn wir uns versuchen vorzustellen, wovor diese Mauern, Zäune und Gitter die Bewohner schützen sollen. Wir fühlen uns hier eigentlich nicht bedroht. Aber auch mancher Autofahrer macht sich Sorgen um uns und hält an um uns an unser Ziel zu bringen. Vielleicht sind wir doch zu naiv. Aber die spontane Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aller, mit denen wir in Kontakt kommen, lässt solche Gefühle nicht aufkommen.
Auf der Straße in Salinas, PR
Salinas ist ein geschäftiges kleines Örtchen mit der derben Mischung aus Charme, Verfall und Müll, an den wir uns nicht gewöhnen wollen. Die Kirche und das Rathaus sind hübsch an einem kleinen Platz gelegen mit obligatorischer Statue eines lokalen Helden aus Bronze und mit Anzug und Krawatte, an den Straßen überall üppige Blüten in traumhaften Farben. Auf dem Weg aus dem Ort dann wieder verfallene, eingestürzte Häuser, Schlaglöcher. Der Supermarkt am Stadtrand inmitten eines gigantischen Parkplatzes könnte auch in jeder Stadt auf dem US Amerkanischen Festland zu finden sein. Laut Wikipedia hat Puerto Rico das höchste pro Kopf Einkommen in der Karibik, den Zahlen nach vergleichbar mit Italen. Wenn man die großen Autos hier sieht oder die Preise im Supermarkt betrachtet, erscheint das plausibel, entlang der Straßen in Salinas allerdings weniger. Mit Verpflegung im Rucksack wandern wir schließlich zurück zu unserem Liegeplatz und geniessen auf der Terasse der Bar ein Bier mit Blick auf die Bucht: Wenn man in die richtige Richtung schaut ist alles sehr idyllisch.
Von St. Thomas, US Virgin Island nach Culebra, Puerto Rico, sind es 20 Meilen. Vor guten 4 bis 5 Beaufort aus SE schaukeln wir hinüber zu den „Spanish Virgins“, dem Teil dieser Inseln, die noch von der alten Spanischen Kolonialtradition geprägt sind, obwohl sie jetzt auch politisch zu den Vereinigten Staaten gehören.
Im Licht des späten Nachmittags runden wir das Arrecife Culebrita und laufen in die Ensenada Honda ein. Die Bucht ist auf drei Seiten von der Insel umschlossen und nach Süden hervorragend durch ein Korallenriff geschützt. Wenige hundert Meter vor dem Town Dock fällt unser bewährter Spade ins etwas trübe Wasser. Dann
kehrt nach dem Geschaukel auf dem immer noch beachtlichen nördlichen Schwell vollkommene Ruhe ein. Der Wind aus SE kräuselt ein wenig das Wasser, am Ufer reiht sich ein buntes Häuschen mit Anleger an das nächste und über einen kleinen Kanal spannt sich eine altertümliche Hebebrücke. Ausser uns liegt noch ein Franzose, ein Däne und ein Norweger hier. Alles andere sind „Locals“, welch ein Kontrast zum geschäftigen Charlotte Amalie und zu den Ankerbuchten auf den östlicheren Inseln. Ausserdem ist hier kaum etwas von den Hurricane-Schäden zu sehen. Das ist wohltuend nach Wochen Katastrophen-Kulisse.
Isla del´Encanto
Die Crew will sofort an Land, aber der Skipper ist ausgepowert nach einem langen heißen Tag und leistet passiven Widerstand indem er sich mit einem kühlen Bier im Cockpit verschanzt. Der Landgang muss also bis zum nächsten Tag warten. Langsam senkt sich der Abend und die Nacht über die Ensenada Honda und lässt eine zauberhafte Kulisse entstehen überspannt von einem wundervollen Sternenhimmel. Das ist ein passender Einstand für die Isla del´Encanto, die verzauberte Insel, wie es hier auf jedem Nummerschild heißt.
Am nächsten Morgen steht wieder Einklarieren auf dem Programm. Zwar gehören sowohl St. Thomas als auch Culebra zu den USA, aber uns wurde schon in Charlotte Amalie erklärt, dass wir zwar jetzt in die USA eingereist seien, unseren „Cruising Permit“ für die Vereinigten Staaten bekämen wir aber erst in Puerto Rico. Auf Culebra muss man das am Flughafen erledigen, der etwa zwei Kilometer vom Town Dock entfernt ist. Wir wandern an der Hauptstraße entlang und werden freundlich von den Vorbeifahrenden gegrüßt. Der Flughafen ist zwar winzig hat aber ein großes Büro der Homeland Security. Der Officer ist zunächst genervt weil wir uns nicht schon am Abend telefonisch gemeldet hatten, wird dann aber zunehmend freundlicher und nach etwa einer halben Stunde Papierkrieg erteilt er der Zora ein Crusing Permit, das für ein Jahr gültig ist, entschuldigt sich aber dafür, dass er 35 Dollar kassieren muss. „It´s for the boss. He needs the money. He is crazy! But he is the boss.“ Er zeigt dabei auf Donald Trump an der Wand, der mit bekannt grimmigem Blick aus seinem Bilderrahmen auf uns herunter schaut.
Mit diesem wertvollen Dokument im Gepäck und somit voll und ganz im Land der unbegrenzten Möglichkeiten legitimiert wandern wir wieder zurück in den Ort auf der Suche nach einem Frühstück. Leider finden wir das im „Pavlidis“ angepriesene Cafe Rosita nicht und nehmen mit einer ziemlich schäbigen Bude vorlieb, in die der Hunger uns hineintreibt. Leider treibt uns der Ekel kurz darauf wieder heraus, denn in einem unserer Pancakes findet sich eine Fliege. Dieser Schreck ist rasch vergessen, nachdem wir einmal auf die Westseite der Insel gewandert sind, wo wir eine traumhafte kleine Bucht mit Sandstrand und Korallenriff vorfinden. Hinter dem Riff hat das Wasser beinahe Badewannentemperatur. Wir sitzen einfach nur im warmen Wasser und lassen den Tag verstreichen. Der klingt aus in „Mamacita´s“ direkt am kleinen Kanal, wo es köstlichen Fisch zu essen gibt und riesige Fische zu bestaunen, die im Schein der Lampen direkt vor der Terasse am kleinen Kanal herumschwimmen.
Chillen am Strand von Culebra
Am nächsten Morgen gibt es lange Diskussionen an Bord über die weitere Route. Am bevorstehenden Wochenende soll der Wind mal wieder ordentlich zulegen und der Skipper denkt, dass die Crew dann vielleicht nicht segeln will. Er möchte gerne nach Viequez und dort das Wochenende verbringen. Viequez ist die zweite große Insel der Spanish Virgins, wo es eine Bucht mit Meeresleuchten geben soll. Die Crew will das nicht, denn um nach Viequez zu gelangen müssen wir gegen den SE ankreuzen und ausserdem ein Gebiet der Navy queren. Über dieses haben wir widersprüchliche Infos. Wir haben drei unterschiedliche Karten an Bord, zwei elektronische und eine aus Papier. In jeder dieser Karten ist etwas anderes vermerkt! Das Buch von Pavlidis als vierte Quelle ignoriert das Problem völlig. Schließlich einigen wir uns darauf direkt zur Hauptinsel Puerto Rico weiter zu segeln und dort in der Marina Puerto del Rey nach Wochen mal wieder ordentlich zu duschen! Wenige Stunden später sind wir dort fest zwischen einer Unzahl riesiger Motoryachten und werden von einem kleinen Golfcart zum Büro gefahren damit wir die wenigen hundert Meter nicht zu Fuß gehen müssen.
In PDR, wie hier alle die Marina nennen, gibt´s für uns WWW, was nicht für World-Wide Web sondern für Warm Water und Wireless steht, daneben Wäschewaschen und ein Auto mieten. Mit dem geht´s dann am nächsten Tag in die Hauptstadt nach San Juan. Das Buch über Puerto Rico hat nicht zuviel versprochen: San Juan ist eine Offenbarung und steht hinter kaum einer südeuropäischen Hafenstadt zurück: Die Stadt ist auf einer Felsinsel errichtet, die einem großartigen Naturhafen vorgelagert ist. Spanien hat von hier aus 300 Jahre lang seine Mittel- und Südamerikanischen Kolonien geschützt und versorgt. Entsprechend wurde die Insel befestigt und gegen Franzosen, Briten, Niederländer und Dänen verteidigt. Ende des 19. Jahrhunderts war dann Spanien nicht mehr in der Lage sich gegen die aufstrebenden Vereinigten Staaten zu behaupten und verlor Puerto Rico im Spanish-American War. Die riesigen Festungsanlagen San Felipe del Morro und Castillo San Cristobal sowie die alten Stadtmauern sind vollständig erhalten geblieben.
Blick auf „El Morro“, St. Juan
Die US Navy hat sie sogar noch einmal im 2. Weltkrieg genutzt um sich gegen eine eventuelle Invasion durch deutsche U Boote zu rüsten. Hinter diesen Mauern findet sich eine wunderschön renovierte Stadt mit bunten Häusern, engen Gassen, eindrucksvollen Palästen und voller lateinamerikanischer Lebensart. Vor den Mauern brandet der Atlantik mächtig gegen die Felsen. Wir wandern voll Staunen durch dieses UNESCO Weltkulturerbe.
Gasse in Old San Juan
Am Abend machen wir uns beeindruckt und bezaubert wieder auf den Rückweg in die Marina. Aus dieser Bezauberung holt uns allerdings auf der Autobahn ein Schlagloch von wahrhaft riesenhaften Ausmaßen, das in der beginnenden Dämmerung nicht mehr zu vermeiden war. Vom Knall zu urteilen müsste eigentlich die Radaufhängung in Stücke gerissen worden sein, aber oh Wunder Japanischer Technik, wir können bei der späteren Inspektion keinen sichtbaren Schaden erkennen. Der Autovermieter meint später: Yeah, Puerto Rico is famous for its potholes…
Die Expressfähre braust von Tortola nach Westen. Das Schiff sieht aus wie ein Schnellboot der Marine und ist entsprechend laut. Die Maschine röhrt und der Schiffskörper vibriert. Mit fast 30 kn fliegt die Küste von Tortola an uns vorbeit. Dann kommt offenes Wasser. Der im Norden über dem Atlantik tobende Wintersturm hat mächtig Schwell hierher geschickt. Die Fähre reduziert ein wenig die Fahrt, damit das Aufsetzen des Rumpfes die Passagiere nicht zu sehr durcheinander wirbelt. Aber es knallt und rummst mächtig, wenn der Aluminiumrumpf in die vielleicht 3m hohen Wellen einsetzt. Auch der Schiffsführer scheint von dem Schauspiel beeindruckt und kommt aus dem Steuerhaus um mit seinem Handy zu filmen: Rechts und links branden die Wellen meterhoch an die Inseln. Das Wasser ist türkisblau wie ein Gletscherbach vom aufgewirbelten Sand. Doch das Spektakel dauert nicht lange. Dann erreicht das Boot die Durchfahrt zwischen St. John und St. Thomas und schließlich im Lee der Inseln ist das Wasser wieder glatt. Wenig später laufen wir in Charlotte Amalie ein, der Hauptstadt von St. John und damit Teil der Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Crew musste fürs Erste die Zora auf Tortola zurücklassen um die bürokratischen Hürden zu nehmen, di
Mit der Fähre ins Gelobte Land
e das Ministerium für die Sicherheit der Heimat vor eine Einreise auf eigenem Kiel in die USA errichtet hat – würde da nicht unser neuer Bundesinnenminister vor Freude glucksen… Ja, in der Tat, während wir mit Flugzeug oder Schiff ohne Visum im gelobten Land einreisen, benötigt man für die Einreise mit dem eigenen Wasserfahrzeug ein waschechtes Besuchervisum. Letzteres kann man bei einem Konsulat der Vereinigten Staaten bekommen, also z. B. Berlin oder Frankfurt. Das geographisch nächste zur aktuellen Position der Zora befindet sich auf Barbados. Es wäre recht aufwändig dorthin zu reisen. Warum das alles so ist? Darauf gibt es eine einfache aber unbefriedigende Antwort, die einem jeder in schmucke Uniform gekleidete US Amerikanische Beamte entgegenschleudern wird: „It´s the law!“ Aber wie jedes Gesetz hat auch dieses ein „loophole“: Wenn man einmal mit einem öffentlichen Transportmittel ohne Visum eingereist ist, dann bekommt man einen Stempel in den Pass, der 90 Tage Gültigkeit hat. Und mit diesem wiederum darf man in den nächsten US-Amerikanischen Hafen segeln.
Schon auf Martinique war uns das Problem mit dem Visum aufgefallen und unser Shore Team in Freiburg hatte dann die Lösung mit dem Stempel heraus gegoogelt, zu dessen Umsetzung wir heute unterwegs sind. In der Praxis geht das so: 1. Irgendwo hinsegeln, wo man Internet bekommt. 2. Eine elektronische Reisegenehmigung, vulgo ESTA, einholen. 3. Tickets für eine öffentliches Verkehrsmittel erwerben, das das Territorium der USA ansteuert. 4. Letzteres besteigen und unversehrt den Boden der Vereinigten Staaten betreten, ausgestattet mit einem biometrischen Pass. 5. In der unterprivilegierten Schlange für Nicht-Amerikaner und sonstige Fieslinge mindestens eine Stunde warten. 6. Abdrücke sämtlicher Extremitäten abliefern und sich ablichten lassen sowie allerlei irrelevante Fragen beantworten. 7. Mit dem Stempel im Pass gleich wieder den Rückweg antreten.
Bei der Umsetzung dieser Vorschrift befinden wir uns jetzt gerade, allerdings im zweiten Versuch. Denn beim ersten war aus unerfindlichen Gründen Gesas ESTA Antrag nicht durchgegangen und die Mitteilung darüber war im SPAM Ordner verschwunden, was dann zu einer nutzlosen Taxifahrt für lockere 56 Taler (i.e. Dollar) geführt hatte. Aber zurück zum Kern des Geschehens:
Nach den völlig zerstörten Britischen Jungferninseln wirkt St. Thomas wie eine heile Welt. Zwar haben auch hier die beiden Ladies from Hell, Irma und Maria, gewütet. Aber entweder die Amis haben schon alles in unnachahmlicher Effizienz und Geschäftigkeit wieder aufgebaut oder die Schäden waren viel weniger schwer, vielleicht beides. Auch das Ambiente ist hier ganz anders: Im Hafen liegen drei Kreuzfahrer, zwei von der Britischen und einer von der Französischen Variante. An der Strandpromenade braust der Autoverkehr. Wir betreten mit etwas bangem Herzen das Empfangsgebäude der Homeland Security und reihen uns brav in die Schlange der Wartenden. Nach der obligatorischen Stunde werden wir mit dem Ritterschlag der Einreisebehörde belohnt: „You did the right thing!“.
Eigentlich könnten wir jetzt gleich wieder zurück nach Tortola, aber die nächste Fähre geht erst wieder in 4 Stunden und die verbringen wir mit einem Stadtbummel: Direkt am Hafen liegt das alte Dänische Fort aus dem 17. Jahrhundert. Die Besichtigung des alten Gemäuers gegen 10 Taler ist nicht sehr eindrucksvoll, aber allemal netter als das Spießrutenlaufen durch die Mainstreet, wo sich ein Juwelier an den anderen reit. Hier werden die Schiffstouristen (nicht die Segler) abgefischt. Denn St. John ist zollfrei! Wir finden das Spektakel widerlich und verdrücken uns in eine Seitengasse, wo man die Bebauung mit Lagerschuppen aus Dänischer Zeit noch erahnen kann und man im Schatten ein Carib gegen 5 Taler bekommt. Pünktlich um 14:30 donnern wir dann wieder mit der Fähre zurück nach Road Town und mit dem Taxi für 28 Taler ans Westende der Insel, wo Zora wohlbehalten um ihre Ankerkettekette schwojt.
Am Abend geben wir dann unsere Abenteuer beim gemütlichen Bier an unsere Ankerfreundschaften wieder: Ian und Manuelle aus London von der Mister X und Pouwel und Marji aus den Niederlanden von der Gwelan. Letztere eine Victoire 1200 aus der Feder von Meister Koopmans. Die Ähnlichkeiten zur Zora sind unverkennbar!
Zora und Crew sind gut über die Anegada Passage von St. Martin zu den British Virgin Islands, oder BVIs, wie alle hier sagen, gelangt. Wind und Welle waren moderat und die Crew hat regulär Wachen gemacht und dem Skipper ordentlichen Schlaf gegönnt. Unterwegs gab es einmal etwas Aufregung weil drei Lichter dicht beieinander auf uns zu kamen, die wir nicht deuten konnten: Zweimal grün und weiß darüber? Vielleicht findet ja ein ausgefuchster DSV Prüfer ein Fahrzeug, das so beleuchtet sein soll. Wir hatten keine Idee, was da unterwegs war und wohin es fuhr. Schließlich löste sich das Rätsel auf als zwei dicht nebeneinander gegenan motorende Segelyachten, die uns im Abstand von ca. 50m passierten. Eine führte kein Dampferlicht und beide hatten kein AIS. Wir hatten versucht die zwei grünen und das eine weiße Licht einem einzigen Fahrzeug zuzuordnen… Hier in der Karibik sind viele Segler ohne AIS Transponder unterwegs. Insbesondere die vielen Charteryachten scheinen nicht damit ausgestattet zu sein. Achja, zum Thema Charteryachten fügt der Schreiber dieser Zeilen mal ein Bild an, das tausend Worte spricht. Titel: Nachschub!
Nachschub: Beobachtet unterwegs von St. Martin zu den BVIs
Auf Virgin Gorda in Spanish Town wird einklariert, wobei neben allerlei Papierkram auch gleich ordentlich Gebühren fällig sind. Wir erfahren also gleich zu Anfang, dass die Virgin Islands ein teures Pflaster sind. Der Gang in den kleinen Ort offenbart uns dann, dass auch hier Hurricane Irma furchtbar gewütet hat. Im Vergleich zu Dominica und St. Martin scheint der Wiederaufbau allerdings noch schleppender voran zu gehen.
Am kommenden Tag besuchen wir „The Bath“ an der Südwestspitze von Virgin Gorda, wo man zwischen gigantischen Findlingen herumklettern kann. Die konnte selbst Irma nicht wegschubsen. Leider darf man dort nicht übernachten. Wir verholen in den Gorda Sound ganz im Norden der Insel, wo wir unerklärlicherweise während der Nacht furchtbar durchgeschüttelt werden. Wo die Welle herkommt und wie sie in den Sound gelangt, können wir uns nicht erklären.
Zora vor „The Bath“ auf Virgin Gorda
Am 1. März geht´s dann in die Trellis Bay auf der Nordostseite von Tortola. Dort gibt´s eine Vollmondparty, die zu den an Bord anstehenden Geburtstagsfeierlichkeiten gut passt. Außerdem erscheint die Trellis Bay gut geeignet um das außergewöhnliche Wetterphänomen abzuwarten, das uns schon seit ein paar Tagen versprochen worden ist: Westwind in der Karibik im Winter:
Das Studium der Wettermodelle hatte schon seit Tagen angedeutet, was sich über dem Nordatlantik zusammenbraut: Ein gigantisches Tiefdrucksystem mit einem Durchmesser von mehr als 2000 Meilen soll die subtropische Hochdruckbrücke bis auf 13 Grad nach Süden drücken. Diese liegt normalerweise zwischen 20 und 30 Grad. Auf der Nordseite des Hochdruckrückens weht es aus W und auf der Südseite aus E bis NE, Passat eben. Wenn der Hochdruckrücken so weit nach Süden gelangt, dann kommen die Westwinde bis in die Karibik. Und auf der Rückseite des großen Atlantiktiefs wird es NW-liche Winde in Orkanstärke geben, die nördlichen Schwell mit bis zu 6m zu den großen Antillen und den BVIs schicken: Ein Traum für Surfer, aber in den Passagen zwischen den Inseln bei Wassertiefen zwischen 20 und 50m kann das durchaus zu brechenden Wellen führen, die man als Segler nicht erleben will. Noch dazu soll uns eine waschechte Kaltfront überqueren mit Schauerböen von bis zu 30kn. Echtes Norwegenfeeling. Die meisten Ankerplätze auf den Inseln sind bei diesen Bedingungen nicht sicher.
Mit unserem Kurzwellengerät können wir die fundierten und ausführlichen Wetterberichte von Chris Parker auf 8137 kHz empfangen, der von Miami aus einen Wetterservice betreibt. Gegen Bezahlung bekommt man individualiserte Beratung, aber die allgemeinen Wetterberichte sind frei empfangbar. So sind wir bestens informiert auch wenn wir Wettermodelle wegen der irrwitzigen Roaming Kosten auf den BVIs im Handy Netz nicht herunterladen.
Während der Vollmondparty lernen wir Carsten und Vinni aus Dänemark kennen, die schon seit zwei Jahren unterwegs sind und die Inseln sehr gut kennen. Sie empfehlen zum Abwettern dieser aussergewöhnlichen Wetterlage „Sopers Hole“ am Westende von Tortola. Die Bucht ist tief eingeschnitten und von hohen Bergen umgeben. Noch dazu gibt es dort angeblich funktionierendes Internet und die Nutzung der Moorings sei noch kostenlos, so lange sich der Ort im Wiederaufbau befindet. Die Abenteur von Carsten und Vinni kann man übrigens auf svcapri.wordpress.com nachlesen.
So segelt die Zora am 2. März vor einem milden NE unter der Küste von Tortola nach Westen. Der Passat schwächelt bereits, aber das Wasser ist glatt und wir kommen mit ausgebaumtem Klüver mit 4 bis 5 Knoten voran. So lässt sich auch die neue Klüverschot aus St. Martin und die leicht geänderte Schotführung bei ruhigem Wetter testen. Hinter uns ist die Meltemi vom DHH unterwegs, die heute in der Nähe von Road Town einen Crewwechsel hat. Parallel läuft eine blaue Yacht aus Holland, die wie eine Koopmans aussieht. Aber sowohl die 50 Fuß Meltemi als auch die etwa gleich große blaue Koopmans bleiben in Zoras Kielwasser zurück. Unser Schiff ist einfach gut drauf heute!
Überbleibsel am Strand von Hurricane Irma in Trellis Bay, Tortola
In Sopers Hole erwartet uns das gleiche Bild wie überall hier auf den Inseln: Häuser ohne Dächer, Boote ohne Masten am Strand verstreut, weggerissene Piers, enthauptete Palmen. Gesa ist deprimiert und möchte gleich wieder weg. Aber wir haben keine Wahl: Hier können wir während der nächsten Tage mit dem unsicheren Wetter gut liegen und für die benachbarten US Virgin Islands fehlt uns das Visum. Die Tatsache, dass man tatsächlich bei Enreise mit dem eigenen Schiff noch ein Visum benötigt, obwohl das zum Beispiel bei Einreise mit dem Flugzeug nicht mehr
nötig ist, haben wir bei unseren Vorbereitungen übersehen. Nun müssen wir den sogenannten Fährentrick anwenden: Einmal mit Fähre von Tortola, BVI, nach St. Thomas, USVI, und dabei den sogenannten VISA Waiver im Pass vermerkt bekommen. Dann darf man rein in die gelobten US of A! Die Alternative: Ins nächste Konsulat nach Barbados und dor t ein Visum beantragan. Da kommt uns die kleine Zwangspause wegen Westwind und Monsterschwell ganz gelegen.
Allerdings scheitert unser erster Versuch mit dem Fährentrick: Der auch noch notwendige elektronische ESTA Antrag, war für Gesa nicht durchgegangen. Leider hatten wir das nicht mitbekommen, denn die email mit der entsprechenden Info war in Gesas Spam Folder gelandet, den wir ohne Gesa Laptop nicht einsehen können. Eine Taxifahrt nach Road Town hin und zurück für 56 Dollar ist damit umsonst. Allerdings kaufen wir in Road Town noch einmal im Supermarkt ein. Das Angebot ist mäßig, die Preise dafür astronomisch. Bei 16 Dollar für 250g Kaffee sattelt der Skipper erst einmal auf die Ostriesenmischung um, die sich noch reichlich an Bord befindet.
Zora liegt vor dem französischen Teil der Insel Sint Maarten/Saint Martin vor Anker. Der Passat soll in den nächsten Tagen wieder ordentlich zulegen und bis 30 kn erreichen. Unsere nächste Etappe führt über die Anegada Passage, knapp 100 Meilen offener Atlantik zu den Virgin Islands. Dafür wünschen wir uns etwas ruhigere Bedingungen als dort zurzeit herrschen. Bestätigung liefert ein Bericht von der RORC Caribbean 600, an der auch einige Hamburger Schiffe teilnehmen, die Haspa, Broader View Hamburg, die Outsider. Die Wettfahrt geht von Antigua nach Süden um Guadeloupe herum und dann nördlich zwischen Anguilla und Sint Maarten hindurch zurück nach Antigua, 600 sm insgesamt. Vor Saba ist ein großer Katamaran durchgekentert und 34 Schiffe haben aufgegeben. (Die Broader View Hamburg, die HASPA und die Bank von Bremen sind alle durchgekommen, eine beachtliche Leistung wenn man bedenkt, dass sie von jungen Enthusiasten gesegelt werden und nicht von bezahlten Profis wie z. B. die Rambler, die die Wettfahrt gewonnen hat)
Wir haben also genug Zeit für allerlei Aktivitäten, Inseltouren, Reparaturen, Lesen, Gammeln.
An diesem Sonntag wollen wir endlich mal die Fahrräder aus der Backskiste holen, die dort schon mehrere Tausend Meilen vor sich hinschlummern. Eine Tour um die Lagune sollte doch mal drin sein. Dazu müssen wir unsere beiden Birdys mit dem Dinghi an Land bringen, eine echte Herausforderung, denn mit zwei Fahrrädern und zwei Personen ist unser kleiner Lastesel eigentlich jenseits seiner Transportkapazität. Aber das Manöver gelingt erstaunlich gut und die edlen Drahtesel gelangen trocken und sicher an Land. Dort versammelt sich rasch eine kleine Gruppe Neugieriger, die solche Fahrräder noch nicht gesehen hat. Vor allem das Interesse einiger Jungs, die wohl am liebsten gleich damit losfahren würden, erfordert Umsicht und Fingerspitzengefühl.
Blick auf die Lagune von St. Maarten
Wenig später sind wir dann unterwegs, jedoch noch etwas vorsichtig: Unsere Luftpumpe passt nicht zu den Autoventilen des einen Fahrrads und wir brauchen eine Tankstelle zum Aufpumpen. Normalerweise gibt es Tankstellen an jeder Ecke, auch und ganz besonders auf diesen Inseln, die von Autos wimmeln. Aber hier auf St. Martin ist das anders. Im September letzten Jahres ist Hurricane Irma über die Insel hinweggerollt und hat die Infrastruktur schwer beschädigt. Inzwischen, ein halbes Jahr danach, ist das Meiste mehr oder weniger in Gang, aber eben nicht alles. Wir finden zwar Tankstellen, aber die sind gerade erst wieder aufgebaut und haben noch keine Druckluft. Erst bei der Autovermietung Hertz haben wir Erfolg. Man hilft uns freundlich mit dem mobilen Kompressor.
Die Route führt zunächst auf den Holländischen Teil von St. Martin/Sint Maarten. Die Grenze wird durch drei Flaggenmasten markiert: Frankreich, Niederlande und die eigene Flagge von St. Maarten wehen dort. Dann geht es durch ein ziemlich gerupftes Industriegebiet hinüber nach Simpson Bay und in Richtung Flughafen. Die Kombination von Industrie, Billigtourismus und Zerstörung in diesem Teil der Insel raubt uns den Atem. Wir fahren hindurch zwischen Kasinos, Supermärkten, Autovermietungen, Bars. Überall Schilder: We are open! Rechts von uns liegt die große Lagune, erkennbar an den Masten von einigen Superyachten, die dort bereits wieder ankern.
Lagune von St. Maarten
Die Lagune von St. Maarten galt eigentlich als Hurricane-Hole. Aber Irma hat hier alles abgeräumt. Die Wucht des Sturms muss unvorstellbar gewesen sein. Überall liegen noch Wracks im Wasser. Auch eine futuristisch aussehende 30m Motoryacht ist darunter. Sie wirkt wie ein abgestürztes Ufo. Weiter westlich gelangen wir dann an den Flughafen. Längs der Zufahrtsstraße liegen dutzende gestrandeten Schiffe. Yachten, Fischdampfer, auch ein älterer Schlepper ist darunter. Auch das Flughafenterminal ist gezeichnete. Teile der Fassade sind abgerissen und die Passagiere müssen noch durch einen provisorischen Zugang direkt aufs Flugfeld. Die Abfertigung scheint in hastig aufgestellten Containern zu erfolgen. Natürlich stauen sich die Menschen und die Autos, weil die Kapazitäten jetzt viel zu klein sind.
Straße zum Flughafen
Schließlich gelangen wir nach Maho Beach, wo man direkt unter der Einflugschneise am Strand liegen kann während die landenden Flieger nur wenige hundert Meter vor dem Aufsetzen direkt darüber hinweg donnern. Trauben von Menschen stehen dort mit Kameras um die landenden Flugzeuge festzuhalten. Unmittelbar daneben wieder Hotels und Kasinos, die allerdings so schwer beschädigt sind, dass man nicht glaubt sie könnten schon wieder in Betrieb sein. Aber nein! Auch hier Schilder: We are open und zwischen den vielen mit Brettern verschlossenen Fensteröffnungen sieht man einige, die so wirken als wohne jemand dahinter.
Zerstörtes Hotel in Maho
Die Tour geht weiter und wieder zurück auf französisches Gebiet. Wir durchqueren Terre Basses, eine Villenviertel, in dem die Häuser fast unbeschädigt aussehen. Entweder hier wurde mit viel Geld alles schon wieder repariert oder die solidere Bauweise hat den Sturm besser überstanden. Kurz bevor wir wieder unseren Ankerplatz erreichen fahren wir noch durch „Sandy Ground“, einen Ort der auf einem Sandstreifen zwischen Atlantik und Lagune liegt. Hier wohnen weniger wohlhabende Menschen. Und hier hat Irma fürchterliche Spuren hinterlassen. Immer noch stehen zerstörte Autos am Straßenrand, die meisten Häuser haben keine Dächer oder sind gleich ganz platt.
Blick von Terre Basses auf die Lagune von St. Maarten
Am folgenden Tag machen wir noch eine Inselrundfahrt mit Mietauto und können die Schäden auf der Ostseite der Insel beschauen. Besonders dramatisch ist es dort, wor der Atlantik ungebremst auf die Küste trifft. Von der Bebauung dort kann man nur noch die Reste erahnen, die in Haufen über die Landschaft zerstreut sind. Aber selbst dort regt sich wieder das Leben: Wir folgen einem handgemalten Schild und finden eine kleine Bar aus Schutt zusammengezimmert. Davor sind die Kitesurfer unterwegs… Mit dem Rücken zum Land und mit Blick auf Meer könnte man meinen, es sei nichts geschehen.
Wenn der NE Passat im karibischen Winter auf den kleinen Antillen gut etabliert ist, dann folgen auf Perioden mit Winden zwischen 3 und 5 Beaufort regelmäßig mehrere Tage mit Starkwind, der in Böen 30kn erreicht, also Windstärke 7. An den Kaps der hohen Inseln ist der Wind durch Eckeneffekte verstärkt. Zusammen mit dem Strom, der mit 0.5 bis 2 Knoten durch die Passagen läuft entstehen Bedingungen, die man durchaus als sportlich bezeichnen kann. Die kleine Crew der Zora findet das wenig attraktiv und wartet deshalb die ruhigeren Perioden ab um weiter nach Norden zu segeln. Allerdings gibt es nicht auf allen Inseln geeignete Ankerplätze um während der Starkwindperioden sicher und komfortabel zu liegen und abzuwarten. Dadurch wird die Reiseplanung zum Puzzlespiel: Wann soll man wo losfahren und wo kann man dann sicher und attraktiv abwarten? Ende Februar wollen wir gerne auf den Virgin Islands sein um sowohl dort als auch für Puerto Rico ausreichend Zeit zu haben. Immerhin sind wir schon 43 Tage unterwegs und es verbleiben noch 47 Tage bis Gesa mit Ada von La Romana in Richtung Kiel abreisen soll.
So entsteht der Plan einen längeren Schlag nach Norden zu segeln und dann auf St. Barts oder St. Maarten auf angenehme Bedingungen für die Anegada Passage hinüber zu den Virgins zu warten. Das bedeutet aber auch: Wir müssen einige Inseln „auslassen“. Einige davon sind sicher interessant: Montserrat zum Beispiel mit seinem aktiven Vulkan aber auch Statia und Saba, die noch wenig vom Tourismus erfasst sind. Aber bekanUntlich kann man nicht alles haben und wir konkretisieren unsere Pläne: Von Point-à-Pitre auf Guadeloupe wollen wir zunächst nach Süden um Basse-Terre herum und dann auf der Leeseite der Insel wieder nach Norden. Von dort geht es dann via Montserrat, Nevis, St. Kitts, Statia und Saba nach St. Barts oder Sint Maarten, alles zusammen ca. 190 Meilen, für die wir 30 – 35 Stunden planen. Unser Helfer von der Werft, Ian Henry aus Dominica, möchte gerne mitfahren, denn er will nach Sint Maarten, wo es viel Arbeit gibt. Dem Skipper ist das ganz recht, denn das bedeutet zusätzliche Crew, falls die Bedingungen doch rauer werden sollten.
Allerdings is diese Aktion ist nicht ganz legal, denn Ian hat nur ein Seefahrtsbuch und keinen Pass. Das ist auch der Grund, warum er nicht per Flugzeug reisen kann. Die rechtliche Lage wird mit dem frisch zum Hamburgischen Rechtsanwalt in einer Seerechtskanzlei akkreditieren Sohn Jakob diskutiert und dann trotz rechtlicher Bedenken beschlossen. Gesa betrachtet das allerdings alles mit Sorge, zum Einen wegen der zu erwartenden Bedingungen auf See und zum Anderen wegen der rechtlichen Konsequenzen. Sie entscheidet schließlich, die Strecke nach Norden doch mit dem Flugzeug zu bewältigen und das Segeln Ian und dem Skipper zu überlassen. Als der Wetterbericht ein geeignetes Fenster verspricht, wird die Abreise auf den 15. Februar festgesetzt. Der Skipper holt Ian mit dem Beiboot von Land, klariert aus und wenig später ist Zora unterwegs. Draußen vor der geschützten Bucht von Pont-à-Pitre weht es mit fünf bis sechs Stärken aus E und die Welle ist aufgrund der komplizierten Tiefenverhältnisse recht rau. Aber nachdem einige Meilen in Richtung auf die Iles des Saintes zurückgelegt sind, wird das Segeln angenehmer.
Ian Henry aus Dominica am Ruder der Zora
Es geht zunächst um die Südspitze von Guadeloupe herum. Dazu gehen wir vor den Wind und baumen den Klüver aus. Unter vollen Segeln rauschen wir mit durchweg 8 – 9 Knoten durch die See, gesteuert zuverlässig von unserer Windpilot, die den Klüver nicht ein Mal einfallen lässt. Bei Pointe du Vieux-Fort bietet sich und ein kurioses Bild: Während wir auf 2-3 m hohen Wellen surfen, liegt wenige hundert Meter vor uns ein Kat völlig ruhig vor Anker. Und in der Tat: innerhalb weniger Bootslängen verschwindet die Welle schlagartig. Wir sind im Lee der Insel. Der Kontrast könnte dramatischer kaum sein. Im Lee wird allerdings auch der Wind launig. Immer wieder kommen heftige Böen von den hohen Berghängen, die uns mächtig wegkrängen. Dazwischen herrscht Flaute. Wir rollen den Klüver weg und motorsegeln. Ian steht an der Pinne und der Skipper kocht Kaffee. Als die dampfende Tasse gerade dem Rudergänger im Cockpit gereicht wird, fällt eine kräftige Böe ein. Mit dichtgeholtem Groß und ohne Vorsegel ist das Schiff völlig aus der Balance. Der Skipper saust nach oben um die Großschot zu lösen, Ian versucht mit aller Kraft das Schiff auf Kurs zu halten und der Kaffee? Der Inhalt der Tasse fliegt in hohem Bogen über Bord…
Aber unser Kurs in Richtung Montserrat führt uns zunehmend aus dem Lee von Guadeloupe heraus und der Wind wird stetiger. So vergeht der Nachmittag und gegen 17:00 stehen wir querab von Deshaies im Norden von Guadeloupe, wo wir die Schiffe eng beieinander vor Anker liegen sehen. Der Skipper entscheidet, vor Einbruch der Dunkelheit ein Reff ins Groß zu ziehen, denn der Wind ist kräftig und die Aussichten in der Dunkelheit auf dem Vorschiff herumzuturnen sind nicht so einladend. Ohne Klamotten nur in Unterhose turnt der Skipper nach vorn, denn es ist dort inzwischen ziemlich nass. Die Sachen trocknen rasch, aber sind hinterher voller Salz. Ian hält derweil zuverlässig Kurs und bedient die Großschot.
Kurz nach 18:00 geht die Sonne unter und es wird rasch dunkel. Ian nimmt die erste Wache und der Skipper legt sich aufs Ohr. Als der nach drei Stunden wieder im Cockpit auftaucht, sind wir bereits wenige Meilen vor Montserrat. Gespenstisch hebt sich der dunkle Vulkankegel gegen den atemberaubenden Sternenhimmel ab: Im Süden der Insel gibt es keinerlei Lichter und auch keine Seezeichen, denn aufgrund der vulkanischen Aktivität musste alles aufgegeben werden. Nur ganz im Norden der Insel sieht man in der Nacht einige Lichter auf engem Raum zusammengedrängt. Bis Mitternacht ist nun der Skipper auf Wache. Der nutzt die Muße um seine Kenntnis der Sternbilder aufzufrischen. Denn unsere Windsteuerung hält zuverlässig Kurs und es ist kaum Verkehr.
Der Himmel ist so dunkel und die Luft so klar, dass man die Lichter der umliegenden Inseln gut sehen kann: Guadeloupe im Süden, Antigua im Osten, St. Kitts und Nevis im Norden, alle zwischen 30 und 40 Meilen entfernt. Hoch im Zenith steht der Orion und im Norden, niedrig und mit der Deichsel teilweise unter dem Horizont, Ursa Major, der große Wagen. Auch Polaris steht niedrig und erinnert daran, dass wir hier 40 Grad südlicher sind als in Deutschland. Kurz vor Ende der Wache geht dann im Süden Cygnus, der Schwan auf, den man in unseren Breiten im Sommer hoch am Himmel sieht. So vergehen die 3 Stunden der Wache wie im Flug, besonders da man es sich unter der Sprayhood liegend sehr bequem machen kann. Man sollte nur nicht der Versuchung erliegen einzuschlafen, aber das ist während der ersten Wache kein Problem.
Schwieriger wird da für den Skipper die zweite von 03:00 bis 06:00, denn nun schlägt die Müdigkeit ordentlich zu. Zora steht schon zwischen Nevis und St. Kitts. Durch die 5 Meilen breite Lücke zwischen diesen Inseln pustet es ordentlich hindurch und erfordert die einen oder anderen Korrekturen an der Windsteuerung. Ein Passagierfahrzeug läuft lange fast parallelen Kurs mit nur 6kn und kommt näher. Schließlich greift der Skipper zum Mikrofon und fragt nach, ob man uns auf der Steuerbordseite eigentlich wahrgenommen hat. Der Wachoffizier bestätigt das pflichtschuldig mit starkem russischen Akzent. Aber kurz darauf beschleunigt der Dampfer, ändert seinen Kurs und fährt in sicherem Abstand vor uns durch. Der Skipper hat starke Zweifel, dass der uns wirklich auf dem Schirm hatte.
Um 08:00 erreichen wir die Lücke zwischen Statia und St. Kitts und gehen hoch an den Wind um im sicheren Abstand vor der Leegerwallküste zu passieren. Diesem Manöver fallen leider die Pancakes zum Opfer, mit deren Zubereitung der Skipper etwas zu spät im Lee von St. Kitts begonnen hatte. Bei 35 Grad Lage und 3m Welle zieht es der Skipper vor nicht mehr mit dem heissen Fett zu hantieren. Aber die Sonne scheint, der Wind ist günstig und in der Ferne erkennt man bereits die Umrisse von St. Barth und St. Martin, beide noch mehr als 30 Meilen entfernt. Ian singt Lieder und erklärt, dass er so seinen Widerstand gegen die korrupte Regierung in Dominica ausdrückt. Er erzählt Geschichten von Korruption, Elend, Mord. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit Crews auf Derlivery-Törns nach Europa, von Kameradschaft an Bord und davon, dass die Kameraden, kaum an Land, von ihm, dem schwarzen Mann nichts mehr wissen wollten. Und er erzählt, dass er von seinem ersten Geld in St. Martin eine Motorsäge kaufen will, mit der er sein Haus auf Dominica wieder aufbauen kann. So vergeht die Zeit im Flug und am frühen Nachmittag segeln wir schon im Lee von St. Martin. Wenig später liegen wir vor Marigot auf der französischen Seite der Insel vor Anker. Ian ist ungeduldig und will rasch an Land: Er muss sich noch eine Unterkunft besorgen und es ist bereits 16:00. Am Dinghi Dock wartet Gesa bereits. Ein Händedruck und Ian ist auf und davon. Ob er wohl die Einladung auf ein Bier an Bord noch wahrnehmen wird in den nächsten Tagen? Wir wünschen ihm jedenfalls viel Erfolg bei seinem Bemühen in Dominica wieder auf die Beine zu kommen.
Wir sind nun den zweiten Tag auf See. Der Passat weht mit 15 – 20 kn aus SE und wir können mit halbem Wind auf Bermuda zuhalten. Von den 830 Meilen liegen bereits 150 hinter uns. Es ist tagsüber sehr warm, sowohl im Cockpit als auch unter Deck. Da der Wind immer noch leicht vorlich kommt, wollen wir die Luken auf dem Vorschiff nicht öffnen. Der Skipper hat der Crew versprochen, dass es jeden Tag ein Grad kühler wird auf unserem Weg nach Norden. Im Moment freuen wir uns noch darüber. Aber es ist uns auch klar, dass wir auf dem Rückweg sind. Das stimmt ein bisschen wehmütig. Die letzten Tage in der Republica Dominicana waren erlebnisreich und anstrengend. Vor allem das Problem mit unserem Motor hat an den Nerven gezerrt. Der Skipper hat lange Zeit gezweifelt, ob unser Motor noch einmal laufen würde. Aber Dank der Hilfe ganz vieler ist die Geschichte am Ende gut ausgegangen: Da war als Erster der Hafenmeister, Eduardo, der uns den geeigneten Mechaniker besorgt hat. Jakob hat in Hamburg einen gebrauchten aber überholten Zylinderkopf aufgespürt und ihn dann spät Abends nach der Arbeit an einem Freitag aus Rerik abgeholt. Rahel hat den 13kg schweren Aluminiumklotz verpackt in ihrer Reisetasche untergebracht. Einige Goodies, die sie für unsere Reise besorgt hatte, mussten deshalb zuhause bleiben. Eduardo hat noch einmal seine Überzeugungskraft eingesetzt, nachdem Rahels Gepäck verspätet ankam und der Zoll auf unser Ersatzteil aufmerksam wurde. Björn Spiekermann ist mit dem Skipper noch einmal nach Punta Cana gefahren und hat mit seinem Spanisch beim Kampf im Behördendickicht unschätzbare Dienste geleistet, so dass wir am Ende den Zylinderkopf ohne Gebühren durch den Zoll bekamen. Schließlich hat der Mechaniker, Carela Dilson, mit seinem Lehrling Morito 12 Stunde fast ohne Pause durchgearbeitet alles wieder zusammen zu bauen. Am Ende waren die Nerven noch einmal besonders gefordert: Die Maschine war schon wieder vollständig und Carela begann Kühlmittel einzufüllen. Da lief das Wasser einfach an der Vorderseite der Maschine heraus. Der Skipper dachte, das sei nun das endgültige Aus. Er packte die Crew ins Auto und fuhr nach Samana um erst einmal etwas zu essen. Als wir dann zurück waren, saßen Carela und Morito grinsend im Cockpit und forderten den Skipper auf die Maschine zu starten. Unsere wiederbelebte grüne Eminenz sprang sort an, lief eine Stunde zur Probe und funktionierte auch am Folgetag ohne zu Mucken. Was Carela am Ende getan hat um die letzten Probleme zu lösen, haben wir nicht erfahren. Aber wir sind ihm unendlich dankbar für seinen Einsatz und seine Hilfe. Samana und die Dominikanische Republik werden in sehr guter Erinnerung bleiben.