//WL2K Spring Tides

Der Englische Kanal ist ein anspruchsvolles Segelrevier unter Anderem wegen seiner starken Gezeiten. Die Flutwelle, die vom Antlantik heranrollt, muss sich nördlich und südlich um die Britischen Inseln herumzwängen. Das führt dazu, dass auf der französischen Seite in der Bucht von Saint Malo der Tidenhub bei Spring bis zu 10 Meter erreicht. Entsprechend stark sind die Tidenströme, die zum Beispiel um das Cap de la Hague, der Pointe de Barfleur und um die Kanalinseln spülen. Dort bilden sich dann „Tide Races“ und „Overfalls“, das heißt steile brechende Wellen, die auch große Schiffe in Schwierigkeiten bringen können. Die Tiden werden durch die Gravitationskräfte von Mond und Sonne angetrieben. Dabei ist die Wirkung des Mondes deutlich größer als die der Sonne, weil der Mond der Erde viel näher ist. Die relative Stellung von Sonne und Mond bedingt die zwei-wöchentlichen Schwankung der Tiden zwischen Spring und Nipp. Bei Spring stehen Sonne und Mond mit der Erde in einer Linie, bei Nipp dagegen im rechten Winkel. Der 15. Juni ist in der Gezeitentafel für St. Peter´s Port auf Guernsey rot gekennzeichnet: An diesem Tag herrscht dort Springtide. Der Tidenhub ist mit etwa 9m angegeben. Für die Nacht vom 14. af den 15. Juni verspricht der Wetterbericht im Kanal westliche Winde mit bis zu 28 Knoten. Der Shipping Forecast des UK Met Office schreibt außerdem: „Visbility very poor at times“. Eine einfache Gezeitenrechnung ergibt, dass gegen 0400 auf halber Strecke zwischen Plymouth und Guernsey mit 3 kn Strom gegen 27kn Wind gerechnet werden muss. Bei diesen Bedingungen stellt sich die Frage, ob es weise ist die 80 Meilen lange Strecke zu den Kanalinseln in Angriff zu nehmen, insbesondere da die Crew bereits auf der Reise von Brest zu den Scillies wegen Seekrankheit teilweise ausgefallen ist. Der Skipper denkt eine Weile über das Problem nach und entscheidet dann wehmütig den Ausflug zu den Kanalinseln an diesem Tag ausfallen zu lassen. Die Crew ist ein wenig enttäuscht, aber versteht die Argumente und akzeptiert die Entscheidung ohne Diskussion, vielleicht auch mit einer gewissen Erleichterung. Die neu gekaufte Gastflagge von Guernsey muss auf eine spätere Gelegenheit warten. Alternativ soll die Reise nun entlang der Englischen Kanalküste verlaufen. Für den Sonntag nehmen wir Dartmouth ins Visier, etwa 35 Meilen von Plymouth in E-licher Richtung entfernt. Auslaufen wird auf 0600 festgelegt, damit wir den Flutstrom ausnutzen können. Der SW Wind sollte ausserdem kräftig schieben, so dass wir mit einer Ankunft um die Mittagszeit rechnen. Weiteres Argument in der Rechung: Am Nachmittag spielt die Deutsche Nationalmannschaft ihr erstes Vorrundenspiel. Da will die Crew gerne in einem gemütlichen Englischen Pub sitzen und das Spiel verfolgen. Verschiedene Handywecker fangen um 0530 an zu piepen und zu zwitschern. Draußen ist es grau und nieselig. Ohne viel Gedöns kommt die Crew aus den Kojen, schlüpft ins Ölzeug und bereitet das Ablegemanöver vor. Zora dreht um die Vorspring aus den Päckchenliegern heraus und geht rückwärts aus dem Hafen, denn die Boxengassen sind so eng, dass es hier kaum möglich wäre zu drehen. Dann geht´s mit Maschinenkraft bis zum riesigen Wellenbrecher im Plymouth Sound. Ab hier kann dann gesegelt werden. Wind und Tide schieben kräftig aber produzieren auch ordentliches Geschaukel. So geht es bis zum Leuchtturm Start Head. Dort knickt die Küstelinie nach Norden. Es sind noch 8 Meilen bis zur Mündung des „River Dart“. Vom Land und dem Leuchtturm Start Point ist allerdings nichts mehr zu sehen. Regen und Wind haben, wie vom Met Office versprochen, ordentlich zugelegt und die Sicht beträgt weniger als 500m. So preschen wir voran in die graue Suppe. Die hohen Felsen links uns rechts der Einfahrt tauchen erst auf als wir schon fast dazwischen sind. Immerhin kann man danach beide Ufer sehen. Die Stimmung scheint einem Buch von Daphne du Maurier entnommen. Grau-braune Felsen steigen im Dunst steil vom Fluß empor. Tief-grüne Wiesen und Wälder klammern sich daran. Direkt an der Einfahrt liegt eine alte Burg. Etwas weiter im den Fluß tauchen die Städtchen Dartmouth und Kingswear auf, eng an die steilen Hänge gebaut. Auf dem Fluß liegen unzählige Boote an Moorings und Schwimmstehen. Dazwischen verkehren Fähren und Wassertaxis. Zora bindet an einem der vielen Pontons fest, die im Fluß verankert sind. Dann verschwindet alles rasch unter Deck, wo es warm und trocken ist, und wo Markus und der Skipper bereits ein Mittagessen vorbereitet haben. Später geht´s dann mit dem Wassertaxi nach Dartmouth und ins Pub Dolphin zum Deutschlandspiel. Der alte Adenauer von der Zora, der wegen seiner Größe schon länger nicht mehr in Gebrauch ist, wird als Tischdeko mitgenommen. Das Spiel ist dann eine Enttäuschung und die anwesenden Engländer lassen es an tröstenden Worten und auch einer gewissen Häme nicht mangeln…

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