Hurricane Irma

Zora liegt vor dem französischen Teil der Insel Sint Maarten/Saint Martin vor Anker. Der Passat soll in den nächsten Tagen wieder ordentlich zulegen und bis 30 kn erreichen. Unsere nächste Etappe führt über die Anegada Passage, knapp 100 Meilen offener Atlantik zu den Virgin Islands. Dafür wünschen wir uns etwas ruhigere Bedingungen als dort zurzeit herrschen. Bestätigung liefert ein Bericht von der RORC Caribbean 600, an der auch einige Hamburger Schiffe teilnehmen, die Haspa, Broader View Hamburg, die Outsider. Die Wettfahrt geht von Antigua nach Süden um Guadeloupe herum und dann nördlich zwischen Anguilla und Sint Maarten hindurch zurück nach Antigua, 600 sm insgesamt. Vor Saba ist ein großer Katamaran durchgekentert und 34 Schiffe haben aufgegeben. (Die Broader View Hamburg, die HASPA und die Bank von Bremen sind alle durchgekommen, eine beachtliche Leistung wenn man bedenkt, dass sie von jungen Enthusiasten gesegelt werden und nicht von bezahlten Profis wie z. B. die Rambler, die die Wettfahrt gewonnen hat)

Wir haben also genug Zeit für allerlei Aktivitäten, Inseltouren, Reparaturen, Lesen, Gammeln.
An diesem Sonntag wollen wir endlich mal die Fahrräder aus der Backskiste holen, die dort schon mehrere Tausend Meilen vor sich hinschlummern. Eine Tour um die Lagune sollte doch mal drin sein. Dazu müssen wir unsere beiden Birdys mit dem Dinghi an Land bringen, eine echte Herausforderung, denn mit zwei Fahrrädern und zwei Personen ist unser kleiner Lastesel eigentlich jenseits seiner Transportkapazität. Aber das Manöver gelingt erstaunlich gut und die edlen Drahtesel gelangen trocken und sicher an Land. Dort versammelt sich rasch eine kleine Gruppe Neugieriger, die solche Fahrräder noch nicht gesehen hat. Vor allem das Interesse einiger Jungs, die wohl am liebsten gleich damit losfahren würden, erfordert Umsicht und Fingerspitzengefühl.

Blick auf die Lagune von St. Maarten

Wenig später sind wir dann unterwegs, jedoch noch etwas vorsichtig: Unsere Luftpumpe passt nicht zu den Autoventilen des einen Fahrrads und wir brauchen eine Tankstelle zum Aufpumpen. Normalerweise gibt es Tankstellen an jeder Ecke, auch und ganz besonders auf diesen Inseln, die von Autos wimmeln. Aber hier auf St. Martin ist das anders. Im September letzten Jahres ist Hurricane Irma über die Insel hinweggerollt und hat die Infrastruktur schwer beschädigt. Inzwischen, ein halbes Jahr danach, ist das Meiste mehr oder weniger in Gang, aber eben nicht alles. Wir finden zwar Tankstellen, aber die sind gerade erst wieder aufgebaut und haben noch keine Druckluft. Erst bei der Autovermietung Hertz haben wir Erfolg. Man hilft uns freundlich mit dem mobilen Kompressor.

Die Route führt zunächst auf den Holländischen Teil von St. Martin/Sint Maarten. Die Grenze wird durch drei Flaggenmasten markiert: Frankreich, Niederlande und die eigene Flagge von St. Maarten wehen dort. Dann geht es durch ein ziemlich gerupftes Industriegebiet hinüber nach Simpson Bay und in Richtung Flughafen. Die Kombination von Industrie, Billigtourismus und Zerstörung in diesem Teil der Insel raubt uns den Atem. Wir fahren hindurch zwischen Kasinos, Supermärkten, Autovermietungen, Bars. Überall Schilder: We are open! Rechts von uns liegt die große Lagune, erkennbar an den Masten von einigen Superyachten, die dort bereits wieder ankern.

Lagune von St. Maarten

Die Lagune von St. Maarten galt eigentlich als Hurricane-Hole. Aber Irma hat hier alles abgeräumt. Die Wucht des Sturms muss unvorstellbar gewesen sein. Überall liegen noch Wracks im Wasser. Auch eine futuristisch aussehende 30m Motoryacht ist darunter. Sie wirkt wie ein abgestürztes Ufo. Weiter westlich gelangen wir dann an den Flughafen. Längs der Zufahrtsstraße liegen dutzende gestrandeten Schiffe. Yachten, Fischdampfer, auch ein älterer Schlepper ist darunter. Auch das Flughafenterminal ist gezeichnete. Teile der Fassade sind abgerissen und die Passagiere müssen noch durch einen provisorischen Zugang direkt aufs Flugfeld. Die Abfertigung scheint in hastig aufgestellten Containern zu erfolgen. Natürlich stauen sich die Menschen und die Autos, weil die Kapazitäten jetzt viel zu klein sind.

Straße zum Flughafen

Schließlich gelangen wir nach Maho Beach, wo man direkt unter der Einflugschneise am Strand liegen kann während die landenden Flieger nur wenige hundert Meter vor dem Aufsetzen direkt darüber hinweg donnern. Trauben von Menschen stehen dort mit Kameras um die landenden Flugzeuge festzuhalten. Unmittelbar daneben wieder Hotels und Kasinos, die allerdings so schwer beschädigt sind, dass man nicht glaubt sie könnten schon wieder in Betrieb sein. Aber nein! Auch hier Schilder: We are open und zwischen den vielen mit Brettern verschlossenen Fensteröffnungen sieht man einige, die so wirken als wohne jemand dahinter.

Zerstörtes Hotel in Maho

Die Tour geht weiter und wieder zurück auf französisches Gebiet. Wir durchqueren Terre Basses, eine Villenviertel, in dem die Häuser fast unbeschädigt aussehen. Entweder hier wurde mit viel Geld alles schon wieder repariert oder die solidere Bauweise hat den Sturm besser überstanden. Kurz bevor wir wieder unseren Ankerplatz erreichen fahren wir noch durch “Sandy Ground”, einen Ort der auf einem Sandstreifen zwischen Atlantik und Lagune liegt. Hier wohnen weniger wohlhabende Menschen. Und hier hat Irma fürchterliche Spuren hinterlassen. Immer noch stehen zerstörte Autos am Straßenrand, die meisten Häuser haben keine Dächer oder sind gleich ganz platt.

Blick von Terre Basses auf die Lagune von St. Maarten

Am folgenden Tag machen wir noch eine Inselrundfahrt mit Mietauto und können die Schäden auf der Ostseite der Insel beschauen. Besonders dramatisch ist es dort, wor der Atlantik ungebremst auf die Küste trifft. Von der Bebauung dort kann man nur noch die Reste erahnen, die in Haufen über die Landschaft zerstreut sind. Aber selbst dort regt sich wieder das Leben: Wir folgen einem handgemalten Schild und finden eine kleine Bar aus Schutt zusammengezimmert. Davor sind die Kitesurfer unterwegs… Mit dem Rücken zum Land und mit Blick auf Meer könnte man meinen, es sei nichts geschehen.

Dominica

 

In der Nachmittagshitze ist die Crew der Zora hinauf zum Fort Napoleon gewandert. (So etwas tun nur Deutsche. Alle anderen düsen mit knatternden Scootern oder elektrischen Golfcarts die steile Straße hinauf zu diesem wunderschönen Aussichtspunkt) Aber der Blick von diesem strategischen Aussichtspunkt auf den Isles des Saintes lohnt die Mühe und ist atemberaubend. Im Norden erscheint Guadeloupe zum Greifen nahe, der Vulkan La Souffriere in Wolken gehüllt, im Süden erscheinen die Umrisse von Dominica, etwas bedrohlich wie ein gestrandeter Wal.

Vor Anker in den Isles des Saintes mit Blick auf den “Pain de Sucre”

Von dort war Zora am Vortag zum kleinen Archipel der Isles des Saintes gesegelt, nachdem sie in Prince Rupert Bay einen Tag geankert hatte, damit die Crew die Insel erkunden konnte. Das war eine besondere Erfahrung über die hier berichtet werden muss:
Die Geschichte beginnt im September des Vorjahres, denn am 19. Tag dieses Monats in der Nacht hatte der Wirbelsturm Maria, ein Hurricane der Kategorie 5, die Insel überrollt und unvorstellbare Schäden angerichtet. Der Skipper hatte damals die Wetterentwicklung verfolgt, aus Neugier und als Vorbereitung auf die anstehende Atlantiküberquerung. In den Nachrichten und im Internet gab es Bilder und Berichte, die aus der Ferne kaum einzuordnen sind. Die Familie von Reibnitz, die Dominica von vielen Reisen mit der “Peter von Seestermühe” kennt, hatte damals einen Hilfscontainer organisiert und Freunde bzw. Bekannte um Beiträge gebeten, die die Crew der Zora gerne geliefert hat.
Nun aber können wir aus einem Abstand von etwas 3 Meilen die Situation mit eigenen Augen betrachten. Die steilen mächtigen Berghänge wirken nicht satt grün, wie etwas auf Martinique. Vielerorts ist gar keine Vegetation mehr zu sehen und das Grün wird merkwürdig dürftig und blass. Viel schlimmer aber sehen Häuser und Infrastruktur aus. Kaum ein Haus, das, selbst jetzt 5 Monate nach dem Sturm, unbeschädigt erscheint. Am Ufer dann die traurigen Reste von Palmstämmen, die auf halber Höhe abrasiert erscheinen.
Auf Martinique und St. Lucia hatte man uns erzählt, dass einzig ganz im Norden der Insel, in Prince Rupert Bay, die Infrastruktur wieder so weit hergestellt sei, dass dort Bootstourismus möglich wäre. Aber wir hatten auch gehört, dass aufgrund der Katastrophe die Sicherheitslage schwierig sei. Auf gut Deutsch, dass man mit Diebstahl oder gar Raub rechnen müsse. Mit gemischten Gefühlen segelt also die Crew unter der Küste Dominicas nach Norden und erreicht etwas spät Prince Rupert Bay. Die Strecke von St. Pierre sind immerhin etwas über 50 Meilen.
Schon weit vor der Ankerbucht wird die Zora von einem Fischerboot abgefangen, allerdings mit einem sehr freundlichen “Welcome to Dominica”. Wir werden gefragt nach dem woher und wohin. Ausserdem bietet uns Avin von der PAYS (Portsmouth Associated Yachting Services) Hilfe vor Ort an. Diese nimmt der Skipper gerne an, denn es wird dunkel und ein Lotse in die Ankerbucht bei Dunkelheit können wir gut gebrauchen. Natürlich verbleibt zunächst ein gewisses Misstrauen, das aber rasch schwindet, nachdem uns Avin freundlich und kompetent zum Ankerplatz lotst, sich dann höflich verabschiedet und ankündigt, er werde am Morgen wiederkommen und schauen, was er für uns tun könne.
Am nächsten Tag bringt uns Avin zum Einklarieren, hilft mit den Formalitäten, macht die “Indian River Tour” mit uns, empfiehlt ein gutes Restaurant für den Abend, bringt uns dorthin und fährt die Crew zum Schluß auch wieder zurück und das alles für einen völlig angemessenen Preis. Darüber hinaus berichtet er vom Hurricane, von seiner Insel, seinen Plänen und vieles mehr. Wir fühlen uns in jeder Hinsicht wohl und gut versorgt und genießen den Luxus, den uns unser privater Guide bereitet.

Mit Avin unterwegs in den Indian River

Trotzdem bleiben wir nur einen Tag auf dieser gastfreundlichen Insel. Bei aller Gastfreundschaft sind die Möglichkeiten für einen Inselbesuch immer noch stark eingeschränkt. Als dann die Wettersituation ein günstiges Fenster öffnet für die Überfahrt zu den Isles des Saintes, ist die Entscheidung schnell getroffen und die Ankerkette rumpelt über die Winsch in den Kettenkasten. Nur wenige Stunden später liegen wir an einer Boje im kleinen Archipel des “Saintes”. Welch anderes Bild bietet sich hier. Zwar sind auch auf den Isles des Saintes, 20 Meilen nördlich von Dominica ein paar Auswirkungen von Maria zu sehen, aber was immer zerstört war ist aufgeräumt und es herrscht eine gepflegte Idylle. Im Schutz der kleine Isle Cabrit staunen wir über die Jagdkünste der Pelikane, die mit kühnen Sturzflügen ihre Abendmahlzeit aus dem Meer holen.