Puerto Rico

Von Puerto del Rey wollen wir früh los in Richtung Westen. Der nächste geeignete Ankerplatz ist 35 Meilen entfernt und liegt hinter einem Korallenriff. Da wollen wir nicht im Dunkeln ankommen. Aber der Skipper hat in der Nacht über einige Merkwürdigkeiten in der Schiffselektrik nachgedacht und möchte nun die Starterbatterie tauschen. Er glaubt das ginge in PDR deutlich einfacher als anderswo, denn hier gibt´s einen Ausrüster, der auch entsprechende Batterien führt und die netten Golfcarts fahren die schwere alte Batterie zum Ausrüster und die neue wieder zum Schiff. Wo bekommt man sonst einen solchen Service? Allerdings macht der Ausrüster erst um 08:30 auf. Pünktlich, wie er meint, steht der Skipper vor der Ladentür, aber nichts regt sich. Irgendwann kommt mal jemand vorbei und deutet an, dass der Laden wohl erst in einer Stunde öffnet. Der Skipper glaubt das liege am lateinamerikanischen Zeitmanagement. Aber er irrt sich. Seine Uhr geht um eine Stunde falsch! Wie das? Unser Wetterbericht auf 8137 kHz SSB aus Miami sendet seit Sonnabend eine Stunde früher. In den USA wurde nämlich die Sommerzeit an diesem Wochenende eingeführt. Außerdem hat sich die Uhr auf Gesas iPhone ebenso um eine Stunde vorgestellt. Da haben wir naiv angenommen auch Puerto Rico habe die Uhren vorgestellt. Aber die ticken hier nur bedingt im Takt von Washington und bleiben einfach in derselben Zeitzone.  Also muss der Skipper wohl oder übel abwarten.

Schließlich erscheint der Ladeninhaber pünktlich nach seiner Uhr und der Skipper bekommt die neue Batterie. Die juckelt dann mit dem Golfcart über die Stege von PDR bis zum Liegeplatz und wird auch sofort eingebaut. Dazu muss der Skipper durch die Backskiste in den Maschinenraum unter das Cockpit, eine Tätigkeit die schon in einer Hamburger Bootslagerhalle bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt den Schweiß aus den Poren treibt, ganz zu schweigen bei karibischen 30 Grad!

Auf diese Weise beginnt die Reise heute nicht wie geplant um 08:00 sondern erst um 11:00. Zunächst geht es gegenan nach Osten um die Isla Pineros und die Punta Puerca, dann mit Kurs SW immer an der Ostküste Puerto Ricos entlang in Richtung Punta Tuna. Erste Sehenswürdigkeit ist die ehemalige Naval Base “Roosevelt Roads”. Hier hatte die Navy im zweiten Weltkrieg eine riesige Anlage errichtet um im Notfall die gesamte Britische Flotte aufzunehmen, sollte Hitler tatsächlich Großbritannien besetzen. Diese gigantische Anlage ist inzwischen aufgegeben und nur rostende Kräne lassen erahnen, was hier einmal vorhanden war, zwischendrin trostlos eine kleine Marina, in der noch einige ehemalige Offiziere ihre Booten haben.

Auf Backbord liegt Viequez, das wir leider nicht besucht haben und dessen Silhouette sich eindrucksvoll im Gegenlicht präsentiert. Auf Steuerbord sehen wir im Fernglas die Marina Palmas del Mar, die wir nicht anlaufen wollen, da in der Einfahrt bei der vorherrschenden Windlage die Wellen brechen können. Denn als wir aus dem Lee von Viequez herauskommen bekommen wir wieder ordentlich Welle, ein Gruß aus Martinique meint der Skipper zur Crew, wo zurzeit “Brisk Trades” vorherrschen, wie sich Chris Parker in seinem hervorragenden Wetterbericht ausdrückt. Während wir so um Punta Tuna, die SE Ecke von Puerto Rico, herumsegeln, bekommen wir Besuch von der Policia, die sich mit einem potenten Rib durch die Welle kämpft. Wir lauschen aufs UKW und beobachten durchs Glas, was die Obrigkeit von uns will und zu tun gedenkt. Doch die winkt nur freundlich und verschwindet achteraus.

Wir nehmen das erleichtert zur Kenntnis und setzen unseren Weg fort, der heute vor dem Örtchen Puerto Patillas endet, einigermaßen geschützt von einem vorgelagerten Korallenriff, das wir sehr aufmerksam und vorsichtig runden. Als wir schließlich rum sind, sinkt die Aufmerksamkeit deutlich ab, so dass uns nicht auffällt, dass wir in viel zu flaches Wasser gelangen. Zwei oder drei satte Rrrums, mit denen unser Kiel auf dem Grund aufsetzt, wecken unsere Sinne wieder. Aber das Problem ist durch beherztes Rückwärtsfahren rasch beseitigt und wir liegen sicher vor Anker. Allerdings ist der Platz nur bedingt Katalog-geeignet. Die seit fast 10 Jahren andauernde Wirtschaftskrise in Puerto Rico hat solchen Orten ordentlich zugesetzt und die einladende Beschreibung im Hafenhandbuch lässt sich nur noch mit viel Phantasie mit der Wirklichkeit in Übereinklang bringen. Noch dazu ist die “Anchorage somewhat rolly”, auf gut Deutsch: Man muss die Bierflasche ordentlich festhalten sonst braucht man sie nicht selber auszutrinken.

In den Mangroven von Bahia de Jobos

Am  nächsten Morgen gehts darum ohne viel Gedöns ankerauf und weiter in Richtung Bahia Jobos. Der Passat ist wieder kräftig und die Welle ausgeprägt. Gesa findet das langsam anstrengend und freut sich, dass wir nach nur 4 Stunden wieder hinter ein Korallenriff verschwinden. Wir hätten da auch schon früher sein können. Aber wir verzichten die nicht ausgetonnte Einfahrt “Bocas del Infierno” zu nutzen, der Name sagt hier, glaube ich, bereits alles. Stattdessen segeln wir 5 Meilen extra und fahren durch die ausgetonnte tiefe und breite Zufahrt für den Hafen von Jobos. Die im Handbuch angepriesene Betonnung besteht allerdings nur aus  einem winzigen Tonnenpäärchen und einer ziemlich unscheinbaren rostigen Bake an Land, beides nur mit guten Augen und dem Fernglas zu finden. Aber Navigation in der Karibik ist einfach: immer sichtiges Wetter! So gelangen wir sicher in eine wunderschöne Bucht, in der sich ausser uns niemand befindet. Die Ufer sind dicht mit Mangroven bewachsen. In der Ferne sieht man die Hügel und Berge von Puerto Rico und nur ein Kräuseln kann der Wind auf die Wasserfläche zaubern. Einzig das große Kraftwerk von Jobos im Hintergrund verdirbt ein wenig die Postkartenidylle. In dieser Bucht soll es die besten Hurricane-Holes von Puerto Rico geben, tief drinnen in den Mangroven, wo man sich mit vielen Leinen rundum an den stabilen Wurzeln festbinden kann. Wir erkunden diese später am Nachmittag mit unserem Dinghi, aber selbst für das Dinghi sind die allerletzten Ecken nicht mehr erreichbar: Alles dicht zugewachsen.

Trotz Idylle verholen wir nach einer wunderschönen ruhigen Nacht in die 3 Meilen westlich gelegene kleine Bucht von Salinas. Hier soll es eine Marina geben und einen kleinen Ort. Auch die Bucht von Salinas gilt als Hurricane Hole. Aber hier hat der Schutz beim letzten Mal nicht ausgereicht: Das sehen wir sofort beim Einlaufen. Überall ringsum in den Mangroven sind noch Wracks oder Reste davon. Selbst in der wunderschönen kleinen Durchfahrt zwischen zwei Cays zur Playa de Salinas liegt noch ein Boot auf Grund. Das zerfetzte Rollsegel weht im Wind. Es fällt uns immer wieder schwer zu begreifen, warum dieser Müll nicht beseitigt wird. Wem gehören alle diese gesunkenen Boote und sorgen die Behörden nicht dafür, dass die gehoben und entfernt werden? Oder hat die wieder aufgebaute kleine Bar direkt am Ufer kein Interesse daran, dass der Blick von der wunderschönen Terasse nicht auf einen Müllhaufen geht? Aber, wie gesagt, die Uhren ticken anders hier.

Salinas, PR

Wir erledigen unsere emails, versuchen erneut eine Reservierung in einer Marina in der DomRep zu arrangieren und machen eine kleine Wanderung zum 3km entfernten Salinas. Der Weg dorthin führt erst am Strand entlang und dann durch Wohngebiete, die allesamt mit Mauern und Gittern gesichert sind. Uns befällt Unbehagen wenn wir uns versuchen vorzustellen, wovor diese Mauern, Zäune und Gitter die Bewohner schützen sollen. Wir fühlen uns hier eigentlich nicht bedroht. Aber auch mancher Autofahrer macht sich Sorgen um uns und hält an um uns an unser Ziel zu bringen. Vielleicht sind wir doch zu naiv. Aber die spontane Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aller, mit denen wir in Kontakt kommen, lässt solche Gefühle nicht aufkommen.

Auf der Straße in Salinas, PR

Salinas ist ein geschäftiges kleines Örtchen mit der derben Mischung aus Charme, Verfall und Müll, an den wir uns nicht gewöhnen wollen. Die Kirche und das Rathaus sind hübsch an einem kleinen Platz gelegen mit obligatorischer Statue eines lokalen Helden aus Bronze und mit Anzug und Krawatte, an den Straßen überall üppige Blüten in traumhaften Farben. Auf dem Weg aus dem Ort dann wieder verfallene, eingestürzte Häuser, Schlaglöcher. Der Supermarkt am Stadtrand inmitten eines gigantischen Parkplatzes könnte auch in jeder Stadt auf dem US Amerkanischen Festland zu finden sein. Laut Wikipedia hat Puerto Rico das höchste pro Kopf Einkommen in der Karibik, den Zahlen nach vergleichbar mit Italen. Wenn man die großen Autos hier sieht oder die Preise im Supermarkt betrachtet, erscheint das plausibel, entlang der Straßen in Salinas allerdings weniger. Mit Verpflegung im Rucksack wandern wir schließlich zurück zu unserem Liegeplatz und geniessen auf der Terasse der Bar ein Bier mit Blick auf die Bucht: Wenn man in die richtige Richtung schaut ist alles sehr idyllisch.

 

Isla del’ Encanto

Von St. Thomas, US Virgin Island nach Culebra, Puerto Rico, sind es 20 Meilen. Vor guten 4 bis 5 Beaufort aus SE schaukeln wir hinüber zu den “Spanish Virgins”, dem Teil dieser Inseln, die noch von der alten Spanischen Kolonialtradition geprägt sind, obwohl sie jetzt auch politisch zu den Vereinigten Staaten gehören.
Im Licht des späten Nachmittags runden wir das Arrecife Culebrita und laufen in die Ensenada Honda ein. Die Bucht ist auf drei Seiten von der Insel umschlossen und nach Süden hervorragend durch ein Korallenriff geschützt. Wenige hundert Meter vor dem Town Dock fällt unser bewährter Spade ins etwas trübe Wasser. Dann
kehrt nach dem Geschaukel auf dem immer noch beachtlichen nördlichen Schwell vollkommene Ruhe ein. Der Wind aus SE kräuselt ein wenig das Wasser, am Ufer reiht sich ein buntes Häuschen mit Anleger an das nächste und über einen kleinen Kanal spannt sich eine altertümliche Hebebrücke. Ausser uns liegt noch ein Franzose, ein Däne und ein Norweger hier. Alles andere sind “Locals”, welch ein Kontrast zum geschäftigen Charlotte Amalie und zu den Ankerbuchten auf den östlicheren Inseln. Ausserdem ist hier kaum etwas von den Hurricane-Schäden zu sehen. Das ist wohltuend nach Wochen Katastrophen-Kulisse.

Isla del´Encanto

Die Crew will sofort an Land, aber der Skipper ist ausgepowert nach einem langen heißen Tag und leistet passiven Widerstand indem er sich mit einem kühlen Bier im Cockpit verschanzt. Der Landgang muss also bis zum nächsten Tag warten. Langsam senkt sich der Abend und die Nacht über die Ensenada Honda und lässt eine zauberhafte Kulisse entstehen überspannt von einem wundervollen Sternenhimmel. Das ist ein passender Einstand für die Isla del´Encanto, die verzauberte Insel, wie es hier auf jedem Nummerschild heißt.

Am nächsten Morgen steht wieder Einklarieren auf dem Programm. Zwar gehören sowohl St. Thomas als auch Culebra zu den USA, aber uns wurde schon in Charlotte Amalie erklärt, dass wir zwar jetzt in die USA eingereist seien, unseren “Cruising Permit” für die Vereinigten Staaten bekämen wir aber erst in Puerto Rico. Auf Culebra muss man das am Flughafen erledigen, der etwa zwei Kilometer vom Town Dock entfernt ist. Wir wandern an der Hauptstraße entlang und werden freundlich von den Vorbeifahrenden gegrüßt. Der Flughafen ist zwar winzig hat aber ein großes Büro der Homeland Security. Der Officer ist zunächst genervt weil wir uns nicht schon am Abend telefonisch gemeldet hatten, wird dann aber zunehmend freundlicher und nach etwa einer halben Stunde Papierkrieg erteilt er der Zora ein Crusing Permit, das für ein Jahr gültig ist, entschuldigt sich aber dafür, dass er 35 Dollar kassieren muss. “It´s for the boss. He needs the money. He is crazy! But he is the boss.” Er zeigt dabei auf Donald Trump an der Wand, der mit bekannt grimmigem Blick aus seinem Bilderrahmen auf uns herunter schaut.

Mit diesem wertvollen Dokument im Gepäck und somit voll und ganz im Land der unbegrenzten Möglichkeiten legitimiert wandern wir wieder zurück in den Ort auf der Suche nach einem Frühstück. Leider finden wir das im “Pavlidis” angepriesene Cafe Rosita nicht und nehmen mit einer ziemlich schäbigen Bude vorlieb, in die der Hunger uns hineintreibt. Leider treibt uns der Ekel kurz darauf wieder heraus, denn in einem unserer Pancakes findet sich eine Fliege. Dieser Schreck ist rasch vergessen, nachdem wir einmal auf die Westseite der Insel gewandert sind, wo wir eine traumhafte kleine Bucht mit Sandstrand und Korallenriff vorfinden. Hinter dem Riff hat das Wasser beinahe Badewannentemperatur. Wir sitzen einfach nur im warmen Wasser und lassen den Tag verstreichen. Der klingt aus in “Mamacita´s” direkt am kleinen Kanal, wo es köstlichen Fisch zu essen gibt und riesige Fische zu bestaunen, die im Schein der Lampen direkt vor der Terasse am kleinen Kanal herumschwimmen.

Chillen am Strand von Culebra

Am nächsten Morgen gibt es lange Diskussionen an Bord über die weitere Route. Am bevorstehenden Wochenende soll der Wind mal wieder ordentlich zulegen und der Skipper denkt, dass die Crew dann vielleicht nicht segeln will. Er möchte gerne nach Viequez und dort das Wochenende verbringen. Viequez ist die zweite große Insel der Spanish Virgins, wo es eine Bucht mit Meeresleuchten geben soll. Die Crew will das nicht, denn um nach Viequez zu gelangen müssen wir gegen den SE ankreuzen und ausserdem ein Gebiet der Navy queren. Über dieses haben wir widersprüchliche Infos. Wir haben drei unterschiedliche Karten an Bord, zwei elektronische und eine aus Papier. In jeder dieser Karten ist etwas anderes vermerkt! Das Buch von Pavlidis als vierte Quelle ignoriert das Problem völlig. Schließlich einigen wir uns darauf direkt zur Hauptinsel Puerto Rico weiter zu segeln und dort in der Marina Puerto del Rey nach Wochen mal wieder ordentlich zu duschen! Wenige Stunden später sind wir dort fest zwischen einer Unzahl riesiger Motoryachten und werden von einem kleinen Golfcart zum Büro gefahren damit wir die wenigen hundert Meter nicht zu Fuß gehen müssen.

In PDR, wie hier alle die Marina nennen, gibt´s für uns WWW, was nicht für World-Wide Web sondern für Warm Water und Wireless steht, daneben Wäschewaschen und ein Auto mieten. Mit dem geht´s dann am nächsten Tag in die Hauptstadt nach San Juan. Das Buch über Puerto Rico hat nicht zuviel versprochen: San Juan ist eine Offenbarung und steht hinter kaum einer südeuropäischen Hafenstadt zurück: Die Stadt ist auf einer Felsinsel errichtet, die einem großartigen Naturhafen vorgelagert ist. Spanien hat von hier aus 300 Jahre lang seine Mittel- und Südamerikanischen Kolonien geschützt und versorgt. Entsprechend wurde die Insel befestigt und gegen Franzosen, Briten, Niederländer und Dänen verteidigt. Ende des 19. Jahrhunderts war dann Spanien nicht mehr in der Lage sich gegen die aufstrebenden Vereinigten Staaten zu behaupten und verlor Puerto Rico im Spanish-American War. Die riesigen Festungsanlagen San Felipe del Morro und Castillo San Cristobal sowie die alten Stadtmauern sind vollständig erhalten geblieben.

Blick auf “El Morro”, St. Juan

Die US Navy hat sie sogar noch einmal im 2. Weltkrieg genutzt um sich gegen eine eventuelle Invasion durch deutsche U Boote zu rüsten. Hinter diesen Mauern findet sich eine wunderschön renovierte Stadt mit bunten Häusern, engen Gassen, eindrucksvollen Palästen und voller lateinamerikanischer Lebensart. Vor den Mauern brandet der Atlantik mächtig gegen die Felsen. Wir wandern voll Staunen durch dieses UNESCO Weltkulturerbe.

Gasse in Old San Juan

Am Abend machen wir uns beeindruckt und bezaubert wieder auf den Rückweg in die Marina. Aus dieser Bezauberung holt uns allerdings auf der Autobahn ein Schlagloch von wahrhaft riesenhaften Ausmaßen, das in der beginnenden Dämmerung nicht mehr zu vermeiden war. Vom Knall zu urteilen müsste eigentlich die Radaufhängung in Stücke gerissen worden sein, aber oh Wunder Japanischer Technik, wir können bei der späteren Inspektion keinen sichtbaren Schaden erkennen. Der Autovermieter meint später: Yeah, Puerto Rico is famous for its potholes…

Oh say can you see…

Die Expressfähre braust von Tortola nach Westen. Das Schiff sieht aus wie ein Schnellboot der Marine und ist entsprechend laut. Die Maschine röhrt und der Schiffskörper vibriert. Mit fast 30 kn fliegt die Küste von Tortola an uns vorbeit. Dann kommt offenes Wasser. Der im Norden über dem Atlantik tobende Wintersturm hat mächtig Schwell hierher geschickt. Die Fähre reduziert ein wenig die Fahrt, damit das Aufsetzen des Rumpfes die Passagiere nicht zu sehr durcheinander wirbelt. Aber es knallt und rummst mächtig, wenn der Aluminiumrumpf in die vielleicht 3m hohen Wellen einsetzt. Auch der Schiffsführer scheint von dem Schauspiel beeindruckt und kommt aus dem Steuerhaus um mit seinem Handy zu filmen: Rechts und links branden die Wellen meterhoch an die Inseln. Das Wasser ist türkisblau wie ein Gletscherbach vom aufgewirbelten Sand. Doch das Spektakel dauert nicht lange. Dann erreicht das Boot die Durchfahrt zwischen St. John und St. Thomas und schließlich im Lee der Inseln ist das Wasser wieder glatt. Wenig später laufen wir in Charlotte Amalie ein, der Hauptstadt von St. John und damit Teil der Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Crew musste fürs Erste die Zora auf Tortola zurücklassen um die bürokratischen Hürden zu nehmen, di

Mit der Fähre ins Gelobte Land

e das Ministerium für die Sicherheit der Heimat vor eine Einreise auf eigenem Kiel in die USA errichtet hat – würde da nicht unser neuer Bundesinnenminister vor Freude glucksen… Ja, in der Tat, während wir mit Flugzeug oder Schiff ohne Visum im gelobten Land einreisen, benötigt man für die Einreise mit dem eigenen Wasserfahrzeug ein waschechtes Besuchervisum. Letzteres kann man bei einem Konsulat der Vereinigten Staaten bekommen, also z. B. Berlin oder Frankfurt. Das geographisch nächste zur aktuellen Position der Zora befindet sich auf Barbados. Es wäre recht aufwändig dorthin zu reisen. Warum das alles so ist? Darauf gibt es eine einfache aber unbefriedigende Antwort, die einem jeder in schmucke Uniform gekleidete US Amerikanische Beamte entgegenschleudern wird: “It´s the law!” Aber wie jedes Gesetz hat auch dieses ein “loophole”: Wenn man einmal mit einem öffentlichen Transportmittel ohne Visum eingereist ist, dann bekommt man einen Stempel in den Pass, der 90 Tage Gültigkeit hat. Und mit diesem wiederum darf man in den nächsten US-Amerikanischen Hafen segeln.
Schon auf Martinique war uns das Problem mit dem Visum aufgefallen und unser Shore Team in Freiburg hatte dann die Lösung mit dem Stempel heraus gegoogelt, zu dessen Umsetzung wir heute unterwegs sind. In der Praxis geht das so: 1. Irgendwo hinsegeln, wo man Internet bekommt. 2. Eine elektronische Reisegenehmigung, vulgo ESTA, einholen. 3. Tickets für eine öffentliches Verkehrsmittel erwerben, das das Territorium der USA ansteuert. 4. Letzteres besteigen und unversehrt den Boden der Vereinigten Staaten betreten, ausgestattet mit einem biometrischen Pass. 5. In der unterprivilegierten Schlange für Nicht-Amerikaner und sonstige Fieslinge mindestens eine Stunde warten. 6. Abdrücke sämtlicher Extremitäten abliefern und sich ablichten lassen sowie allerlei irrelevante Fragen beantworten. 7. Mit dem Stempel im Pass gleich wieder den Rückweg antreten.
Bei der Umsetzung dieser Vorschrift befinden wir uns jetzt gerade, allerdings im zweiten Versuch. Denn beim ersten war aus unerfindlichen Gründen Gesas ESTA Antrag nicht durchgegangen und die Mitteilung darüber war im SPAM Ordner verschwunden, was dann zu einer nutzlosen Taxifahrt für lockere 56 Taler (i.e. Dollar) geführt hatte. Aber zurück zum Kern des Geschehens:
Nach den völlig zerstörten Britischen Jungferninseln wirkt St. Thomas wie eine heile Welt. Zwar haben auch hier die beiden Ladies from Hell, Irma und Maria, gewütet. Aber entweder die Amis haben schon alles in unnachahmlicher Effizienz und Geschäftigkeit wieder aufgebaut oder die Schäden waren viel weniger schwer, vielleicht beides. Auch das Ambiente ist hier ganz anders: Im Hafen liegen drei Kreuzfahrer, zwei von der Britischen und einer von der Französischen Variante. An der Strandpromenade braust der Autoverkehr. Wir betreten mit etwas bangem Herzen das Empfangsgebäude der Homeland Security und reihen uns brav in die Schlange der Wartenden. Nach der obligatorischen Stunde werden wir mit dem Ritterschlag der Einreisebehörde belohnt: “You did the right thing!”.
Eigentlich könnten wir jetzt gleich wieder zurück nach Tortola, aber die nächste Fähre geht erst wieder in 4 Stunden und die verbringen wir mit einem Stadtbummel: Direkt am Hafen liegt das alte Dänische Fort aus dem 17. Jahrhundert. Die Besichtigung des alten Gemäuers gegen 10 Taler ist nicht sehr eindrucksvoll, aber allemal netter als das Spießrutenlaufen durch die Mainstreet, wo sich ein Juwelier an den anderen reit. Hier werden die Schiffstouristen (nicht die Segler) abgefischt. Denn St. John ist zollfrei! Wir finden das Spektakel widerlich und verdrücken uns in eine Seitengasse, wo man die Bebauung mit Lagerschuppen aus Dänischer Zeit noch erahnen kann und man im Schatten ein Carib gegen 5 Taler bekommt. Pünktlich um 14:30 donnern wir dann wieder mit der Fähre zurück nach Road Town und mit dem Taxi für 28 Taler ans Westende der Insel, wo Zora wohlbehalten um ihre Ankerkettekette schwojt.
Am Abend geben wir dann unsere Abenteuer beim gemütlichen Bier an unsere Ankerfreundschaften wieder: Ian und Manuelle aus London von der Mister X und Pouwel und Marji aus den Niederlanden von der Gwelan. Letztere eine Victoire 1200 aus der Feder von Meister Koopmans. Die Ähnlichkeiten zur Zora sind unverkennbar!